HISTORISCHES SACHBUCH
  • Startseite
  • Blog
  • Über
  • Galerie
  • Kontakt

Kuba

1/7/2026

 
Ralf Langroth ist das Pseudonym eines Autors mit Übersetzungen in fünfzehn Sprachen. In den Romanen um den BKA-Mann Philipp Gerber und um die Journalistin Eva Herden packt Langroth historische Begebenheiten in einen Krimi.
Nach Rosemarie Nitribitt und dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 geht es nun um die Kuba-Krise 1962. Es geht auch um die zeitgleiche „Spiegel-Affäre“ und wie immer auch unter anderem um Konrad Adenauer und Franz-Josef Strauß. Daneben spielt die MS „Völkerfreundschaft“, das erste große Urlauberschiff des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der DDR, eine Rolle. 
„Schwarzer Samstag“, ist nach der „Akte Adenauer“, „Mauern und Lügen“, „Das Mädchen und der General“ und „Ein Präsident verschwindet“ die fünfte Folge der Krimireihe um den Kriminalbeamten Philipp Gerber.
Philipp Gerber war 1933 mit seinen Eltern und Geschwistern in die USA emigriert und kam als Angehöriger des amerikanischen Militärgeheimdienstes nach Deutschland zurück. Später wird er Kriminalrat beim BKA – und gilt als Adenauers Mann. Seine spätere Ehefrau Eva Herden hat im Krieg ihre ganze Familie verloren und ist deshalb gegen Adenauers Bestrebungen, die BRD aufzurüsten und an die Westmächte zu binden. Sie ist inzwischen Journalistin beim Spiegel, beginnt aber inzwischen, an ihren Idealen zu zweifeln.
Für ihren Arbeitgeber soll sie mitten in der Kuba-Krise Fidel Castro interviewen und sticht auf Kuba in ein Wespennest, das ihr Leben unmittelbar bedroht und das Leben einiger Menschen kostet.
Langroth schafft es, das Nachkriegsdeutschland plastisch und nachvollziehbar mit viel Zeitkolorit zu beschreiben. Wer wissen will, wieso Franz Josef Strauß zurückgetreten ist und was das mit Gerber und Herden zu tun hat, sollte den wie immer nett zu lesenden Krimi kaufen. So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Möglicherweise wird es ein Wiedersehen mit Philipp Gerber und Eva Herden geben. In der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte - nach der Kuba-Krise und der Spiegel-Affäre - gibt es sicherlich noch genug zu erzählen. Man darf gespannt bleiben.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Ralf Langroth, Schwarzer Samstag. Historischer Thriller, Die Philipp-Gerber-Romane, Band 5, Rowohlt Hamburg 2026, 416 Seiten, 18 €.
Zuletzt erschienen: Band 1: Die Akte Adenauer, Band 2: Ein Präsident verschwindet, Band 3: Das Mädchen und der General, Band 4: Mauern und Lügen.

Eine Deutsche in der Ukraine

11/6/2026

 
Dieses Buch ist das ungefilterte, fast zwei Jahre umfassende Tagebuch von Savita Diana Wagner. Die in Bonn geborene junge Deutsche reiste kurz nach dem russischen Überfall 2022 als humanitäre Helferin in die Ukraine und schloss sich bald darauf als Frontsanitäterin der Armee an.
Savita Diana Wagner hatte keinen biografischen Bezug zum Land, keinerlei militärische Vorerfahrung und lediglich einige Semester Medizin studiert. Inzwischen studierte sie Mathematik. Sie wollte für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eintreten und kritisierte schon 2014, dass niemand eingriff, als die Krim besetzt wurde. Als die damalige deutsche Verteidigungsministerin 5000 Helme in die Ukraine schickte, machte sie das wütend und sie beschloss selbst etwas zu tun. Kurz danach - am 26. März 2022 - machte sie sich auf den Weg in die Ukraine. Ihre Mutter sagte: „Sie war schon im Kindergarten so: Wenn jemand Unterstützung brauchte, war sie da. Koste es, was es wolle.“
Sie war geschockt, als sie zwei Jahre später durch den Anruf íhres Schwiegersohn vom Tod ihrer Tochter erfuhr, denn sie wähnte sie in relativer Sicherheit. Savita hatte ihr erzählt, dass sie in der Arztpraxis einer Militärbasis arbeite, weit weg von der Front. Offenbar wollte sie ihre Mutter nicht beunruhigen, denn sie war inzwischen Frontsanitäterin.
In ihrem Tagebuch erzählt sie von gefährlichen Fronteinsätzen und den Problemen im Krieg. Schlamm, Ungeziefer, die Kälte der Schützengräben und das ständige Sterben ihrer Freunde und anderer Soldaten werden darin schonungslos dokumentiert. Die Texte, sind oft direkt im Schützengraben verfasst. Also in mit Zweigen bedeckten Löchern voller Mäuse, die man ausgehoben hat um darin, zwar nicht stehen, aber überleben zu können. Die Texte sind geprägt von einem absolutem Überlebenswillen, tiefer Erschöpfung und Galgenhumor. Es handelt sich dabei um keine heroische Romantik, sondern um eine Rubrik des Überlebens. Die anfängliche Euphorie helfen zu können, weicht der ständigen Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. Eindringlich beschreibt sie die Umstände in der sie unter unzumutbaren Umständen zu überleben versucht. Man erkennt deutlich die psychischen und physischen Grenzen im Krieg. Das Tagebuch ist ein erschütternder und ungeschönter Einblick in die brutale Realität des Ukraine-Krieges.
Daneben sinniert sie über das Heute und Damals, sowie über ihre Rolle als Deutsche und als Frau in diesem Wahnsinn. Selbst geschossene Fotos von ihrem Leben, zeigen ihre schwierigen Lebensumstände, aber auch glückliche Momente. Der letzte Eintrag, einen Tag vor ihrem Tod, lautet: „Ich habe so viel Glück wie kein anderer Mensch auf dieser Welt.“ Kurz zuvor war ein Granatsplitter zwischen Rücken und Schutzweste hindurchgeflogen. Es war purer Zufall, dass sie überlebte.
Am Tag danach, am 31. Januar 2024 bezahlte sie den mutigen Einsatz bei der Bergung verletzter Soldaten mit ihrem Leben. Sie wurde gerade mal 36 Jahre alt. Ein Granatsplitter durchschlug eine Arterie in ihrem Hals. In der Ukraine wird sie als Heldin verehrt und ist auf der Allee des Ruhmes in Kyjiw beigesetzt. In Deutschland kennt kaum jemand ihren Namen. Auf dem Friedhof, wo sie begraben ist, liegen zwei weitere Deutsche. In Deutschland unbekannt in der Ukraine gelten auch sie als Helden. Das gilt auch für andere Freiwillige.
Ihre Mutter und ihr Mann haben nun ihr Tagebuch als Buch zugänglich gemacht.
Ein halbes Jahr zuvor schrieb sie: „Sollte mir etwas zustoßen, möchte ich, dass ihr wisst: ich habe mich bewusst hierfür entschieden, sogar immer wieder dafür zurückzukehren, nachdem ich erlebt habe wie es hier an der Front in der Ukraine ist, und dafür, diese Arbeit zu machen.“ und „wenn mir etwas zustoßen sollte, nehmt das nicht als Beispiel dafür, dass gute Taten bestraft werden, sondern als Erinnerung daran, dass einfache Menschen Großes leisten können. Das bedeutet, dass ihr das auch könnt.“
“Denn manche Dinge sind wichtiger als du selbst“, schreibt sie elf Tage vor ihrem Tod. 
Die Mutter, die nun keine Erbin mehr hat verkaufte ihr Haus um die Savita-Diana-Wagner-Stiftung gründen, die Hilfsprojekte in der Ukraine und in anderen Ländern anschieben sollen.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Ursula Wagner, Karl Stenerud (Herausgeber), Eine Deutsche im Ukraine-Krieg  Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner, Verlag Herder, Freiburg 2026, 256 Seiten, 18 €. 
Bild

A Political Girl

4/6/2026

 
„Es ist unvermeidlich: Eines Tages werden sich die Gefängnistore öffnen, und du wirst hindurchgehen. Das heißt allerdings nicht, dass du die Kategorie »Gefängnis« wirklich verlassen und die Kategorie »Freiheit« betreten hast. Die wahren Tore – die in deinem Geist – können nur von dir selbst aufgeschlossen werden“ schreibt Maria Aljochina zu Beginn ihres Buches. In diesem Sinne scheint sie völlig frei zu sein.
Spätestens seit 2012 und der Aktion in einer Moskauer Kathedrale kennt man Pussy Riot-Mitglied Maria Aljochina als oppositionelle Aktivistin gegen Putin. Ihre neue Autobiografie „Political Girl“ ist eine fesselnde Chronik des radikalen Widerstands gegen die repressive Diktatur Putins. Das Buch schlägt den Bogen vom legendären „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale im Jahr 2012 bis zu ihrer spektakulären Flucht aus Russland im Mai 2022. Dabei entfaltet sich ein Bild von Putins Russland, das keinen Protest mehr erlaubt und die Opposition systematisch mit allen erdenklichen Mitteln mundtot macht.
Nach ihrer Entlassung aus dem Straflager Ende 2013 – wo sie für das „Punk-Gebet“ inhaftiert war – erlebt Aljochina ein immer paranoideres Regime. Eine Zeit geprägt von permanentem staatlichen Terror: ständiger Überwachung, unendlichen Verhören, willkürlichen Hausarresten, Fußfesseln, gesperrten Konten, „Arrestkarussell“ und gewalttätigen Angriffen durch regierungstreue Schläger.
Das Buch ist ein sehr lesenswertes und leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit und für gewaltfreien Protest, von einer bedenkenswert mutigen und beeindruckenden Frau. Im Buch beschrieben werden die kreativen Proteste von Pussy Riot. Für ihren Mut zahlten sie und ihre Mitstreiter:innen immer wieder mit Gefängnis. Als der Krieg gegen die Ukraine beginnt und die russische Opposition zum Schweigen gebracht wird, protestieren sie und ihre Freunde weiter. Vor einer erneuten Gefängnisstrafe flieht Maria 2022 aus Russland - verkleidet als Essenslieferantin.
Aljochina schreibt knapp, oft fragmentarisch und mit einem trockenen Humor. Trotz der Schilderung brutaler Realitäten liest sich das Buch leicht. „Political Girl“  ist eine Warnung an westliche Demokratien, dass Freiheit niemals garantiert ist. Das Buch ist auch eine tiefe Verbeugung vor allen ermordeten und inhaftierten Oppositionellen Russlands, die man hier nicht kennt. Davon gibt es ziemlich viele, was im Westen lange Zeit nicht wahrgenommen wurde. Maria Aljochina erzählt von einigen dieser mutigen Menschen.
Ein historisches Zeugnis aus erster Hand, das die Transformation Russlands in eine vollständige Diktatur greifbar macht. Nach Russland kann die Autorin nicht zurück, weil sie sofort verhaftet werden würde. Zudem wurde Ende 2025 Pussy Riot in Russland als „extremistische Vereinigung“ eingestuft.
Aber wie man inzwischen weiß lebt man als russischer Oppositioneller auch im Westen gefährlich. Bleibt zu hoffen, dass Putins Killer nicht zuschlagen.
Am Ende des Buches schreibt sie: „Das Einzige, was ich für mich tun kann, ist, nicht darüber zu schweigen, was ich in dem Land meiner Geburt gesehen habe. Das Land, das ich liebe - gefangen, allumarmend und allabstoßend zugleich.“
Prädikat absolut lesenswert!
 
 
Ernst Reuß
 
 
Maria Aljochina, Political Girl, Pussy Riot - Leben und Schicksal in Putins Russland, Berlin Verlag, Berlin 2025, 528 Seiten, 26 EUR.

Pussy Riot - Punk Prayer
​​ „Maria, Mutter Gottes, Jungfrau, jage Putin davon, jage Putin davon, jage Putin davon!“

Erinnerungen

12/5/2026

 
Die Geschichte, die Albrecht Weinberg (verstorben im Alter von 101 Jahren am 12. Mai 2026) von seinem Leben erzählt ist herzzerreißend. Er erzählt wie er in seiner ostfriesischen Heimat zuerst diskriminiert und dann vertrieben wurde. Die Demokratie starb allmählich, doch dann ging alles sehr schnell. Selbst in der tiefsten idyllischen Provinz wirkte das antisemitisch rassistische Gift der Nazis und wie das geschah ist unfassbar, denn jeder Dorfbewohner kriegte das mit. Albrecht Weinberg war im „Fehndorf“ Rhauderfehn in Ostfriesland aufgewachsen. Bereits 1936 durften die Kinder nicht mehr die reguläre Schule besuchen. Auch Ostfriesland wurde „judenrein“ gemacht. Nach den Novemberpogromen 1938 versuchten die Eltern zumindest den Kindern die Auswanderung nach Palästina zu ermöglichen, doch als die Auswanderung dorthin erfolgen sollte, war es Menschen jüdischen Glaubens schon verboten Deutschland zu verlassen.
Albrecht Weinberg musste Zwangsarbeit verrichten, überlebte drei Todesmärsche und wurde im April 1945 in Bergen-Belsen befreit. Nur wenige Familienmitglieder überlebten den Holocaust. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Er, sein Bruder Dieter und seine Schwester Friedel überlebten jedoch das Vernichtungslager Auschwitz. Der Bruder starb tragischerweise jedoch kurz nach dem Krieg. Zusammen mit seiner Schwester Friedel wanderte Albrecht Weinberg 1947 in die USA aus. Mehr als 60 Jahre lebten sie zusammen in New York.
Als seine Schwester Friedel im Alter einen Schlaganfall erlitt, kamen die Geschwister 2012 nach Leer zurück. Friedel starb kurz danach in ihrer alten Heimat. Albrecht Weinberg begann nun endlich zu sprechen und besuchte in der Folgezeit zunehmend Schulen. Dadurch fand er späte Anerkennung.
In Rhauderfehn gibt es seit 2006 eine Geschwister-Weinberg-Straße. Albrecht wurde Ehrenbürger und das Gymnasium, das er ab 1936 nicht mehr besuchen durfte, wurde inzwischen nach ihm benannt, nachdem ihm dort 2021 das Ehrenabitur verliehen wurde.
Die Schülersprecher ehrten ihn mit den Worten: „In den vergangenen Jahren haben Sie uns Schülerinnen und Schülern immer wieder Ihre Geschichte erzählt, für uns haben Sie das Grauen, das Ihnen widerfahren ist, erneut durchlebt, um uns etwas beizubringen, das so viel wichtiger ist als viele der schulischen Inhalte: Was es bedeutet, ausgegrenzt und gehasst zu werden, dass Respekt und  Achtung vor unseren Mitmenschen wichtiger sind denn je, und vor allem, dass wir eine Stimme haben, die im Angesicht großer Ungerechtigkeit nicht verstummen darf.“
 
Eine andere nicht weniger herzzerreißende Lebensgeschichte ist die von Lidia Maksymowicz. In ihren Erinnerungen „Ich war zu jung, um zu hassen.“ erzählt sie von ihrer Leidenszeit in Auschwitz. Sie wurde im Alter von drei Jahren nach Auschwitz deportiert und überlebte das Vernichtungslager nur, weil sie von Josef Mengele für seine grausamen Experimente ausgewählt wurde.
Lidias Familie wurde bei Ankunft dort „selektiert“. Die Großeltern wurden sofort in der Gaskammer ermordet, ihre belarussische Mutter musste Zwangsarbeit leisten, während Lidia als Mengeles Versuchskaninchen in die Kinderbaracke geschickt wurde. Lidia erzählt in dem Buch auch von der Suche nach der eigenen Identität und nach ihrer leiblichen Mutter, die Auschwitz in einem der letzten Todesmärsche verlassen musste. Auch sie überlebte und suchte nach dem Krieg in Auschwitz vergeblich nach ihrer Tochter, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Lidia wurde nach dem Krieg von einer Polin aus Auschwitz adoptiert und lebte nun dort. Sie kannte auch kaum etwas anderes. Erst im Erwachsenenalter fand sie ihre leibliche Mutter in Belarus wieder. Schwierige Zeiten für alle Beteiligten, denn ihre leibliche Mutter ging davon aus, dass sie nun wieder bei ihr leben würde. Doch Lidia hatte ihre Heimat in Auschwitz gefunden und blieb. Sie lebt bis heute in der Nähe, in Krakau.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Nicolas Büchse, Albrecht Weinberg - »Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm«, Eine wahre Geschichte vom Holocaust, dem Überleben und einem Versprechen, das die Zeit überdauert, München 2024, 288 Seiten, 20 Euro.
 
Lidia Maksymowicz, Paolo Rodari, Ich war zu jung, um zu hassen. Meine Kindheit in Auschwitz, München 2024, 192 Seiten, 22 Euro.

Rom

1/5/2026

 
Lange Zeit galt Messalina als Inbegriff des weiblichen sittlichen Verfalls im antiken Rom. Die männliche Geschichtsschreibung zeichnete das Bild einer nymphomanischen Intrigantin.
Sex war in Rom eine überall zu erwerbende Handelsware, an der viele mitverdienten. Graffiti, die das Tun von Prostituierten anpriesen, aber auch Angebergraffitis wie: „Hier habe ich viele Mädchen gevögelt“ finden sich noch heute bei Ausgrabungen. Zudem beschrieben Historiker zahllose Sexskandale am Kaiserhof. Justinians Frau Theodora soll in nur einer Nacht mit 30 Männern Sex gehabt haben. Messalina habe sich nachts in den städtischen Bordellen Wettkämpfe mit den erfahrensten Huren Roms geliefert, wer mehr Freier befriedigen könne. Kaiser Nero soll es nicht nur mit Sklaven getrieben haben, sondern sogar mit seiner Mutter Agrippina.
Ob es sich dabei jedoch um Fakten handelte oder nur um die ausufernden Fantasien von Historikern, steht nicht zweifelsfrei fest. Fest steht aber, dass die Veröffentlichung derartiger Geschichten zu Lebzeiten der Geschmähten einem Selbstmord gleichgekommen wäre, so erschienen sie postum. Es ging wohl dabei darum mit dem verhassten Verstorbenen abzurechnen. Es ging also normalerweise um Verleumdung und das ging häufig ins Sexuelle. Vorwürfe der sexuellen Zügellosigkeit im antiken Rom waren Standardrepertoire, um politisch einflussreiche Frauen zu diskreditieren. Ehebruch - für Frauen - war strafbar.
Die Oxforder Historikerin Honor Cargill-Martin räumt in ihrer neuen Biografie konsequent mit den Verleumdungen einer der am meisten geschmähten Frauen der Weltgeschichte auf. Sie führt den Leser zurück ins Jahr 41 n. Chr., als Messalina an der Seite des behinderten Claudius zur mächtigsten Frau Roms aufsteigt. Das Buch dekonstruiert die jahrhundertealten Mythen über angebliche Orgien und moralischen Verfall. Stattdessen erzählt die Autorin eine andere durchaus nachvollziehbare Geschichte von Messalina. Sie zeigt eine strategisch denkende junge Frau, die versuchen musste, in einem harten politischen Umfeld zu überleben. Verleumdungen, vor allem sexueller Art, gehören zum politischen Alltag in jener Zeit. Messalina wird hier als Akteurin gezeigt, deren Handeln oft eine rationale Antwort auf die Gefahren am kaiserlichen Hof war. Ihr Ziel war nicht das Vergnügen, sondern die Absicherung ihres Sohnes Britannicus als Thronfolger. Das Buch ist spannend wie ein Roman zu lesen und bietet detaillierte Stammtafeln, Karten und Farbbilder. Das Buch ist eine Korrektur der männlich dominierten antiken Quellen.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Cargill-Martin, Honor, Messalina, Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom. Die wahre Geschichte der Skandalkaiserin. Beck, München 2026, 459 S., 34 €.

 
Andere in „Historisches „Sachbuch“ besprochene Bücher zu Rom:
Michael Sommer: „Dark Rome“. Das geheime Leben der Römer. Beck, München 2022. 288 S., 23 €.
Michael Sommer: Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. Beck, München 2024, 316 S., 26 €.
Emma Southon „Eine Geschichte des Römischen Reiches in 21 Frauen“, Aufbau Verlag, Berlin 2024, 495 S., 28 €.

 
 

Die Mordaktion im Lehrter Zellengefängnis

23/4/2026

 
„Es war der 24. April 1945, und der Geschützlärm der sowjetischen Panzer war schon mehr als deutlich zu hören, als Kieling den Arbeiter Erich Werner vor seinem Haus aus nächster Nähe niederschoss. Dies geschah drei Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin-Friedenau.
Der 24. April war auch der Tag, an dem 15 mit Genickschüssen gerade exekutierte Leichen in einem Park in Moabit gefunden wurden. Dort, wo heute der Hauptbahnhof ist, waren in der Nacht zuvor 16 politische Gefangene des Moabiter Gefängnisses Lehrter Straße in den nahe gelegenen Park geführt und 15 von ihnen ermordet worden. Einer von ihnen überlebte mit einem Kopfschuss.“

(Zitiert aus Ernst Reuß, Endzeit und Neubeginn, Berliner Nachkriegsgeschichten, S. 28)
 
In der Nacht vom 15. auf den 16. April 1945 hatte die sowjetische Großoffensive an Oder und Neiße begonnen. Am 20. April schlagen die ersten Granatentreffer im Zentrum Berlins ein. Einen Tag später erhält das Gefängnis Lehrter Straße die ersten Artillerietreffer.
Am 22. April werden 20 Häftlinge aus der Haft entlassen. Doch immer noch sind neun vom „Volksgerichtshof“ zum Tode Verurteilte und mehr als 50 ehemalige Häftlinge der „Sonderabteilung 20. Juli 1944“ im Zellengefängnis inhaftiert. Der Leiter der Gestapo SS-Gruppenführer Heinrich Müller ist Herr über Leben und Tod. Generalstaatsanwalt Hanssen übergibt die zum Tode Verurteilten – mit zwei Ausnahmen - dem Mordkommando der Gestapo unter Leitung von Kurt Stawizki zur Ermordung. 
Der Weg zur Verlegung soll über den Potsdamer Platz führen, eine angebliche Abkürzung über die Ruinen des „Universum-Landesausstellungsparks” (ULAP). Die Gruppe der Gestapo-Gefangenen wird am Eingang des ULAP-Geländes nach links geführt, die „Verurteilten” nach rechts. Die linke Gruppe wird mit Genickschüssen ermordet. Ein einziger Gefangener überlebt mit einem Wangendurchschuss und stellt sich tot. Die andere Gruppe der vom „Volksgerichtshof“ Verurteilten wird rechts vom Eingang des ULAP-Gelände erschossen. Wer die Schützen waren lässt sich nie ermitteln. In der Nacht darauf erging es drei anderen Häftlingen wohl ähnlich. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Zeugen gibt es nicht. Die Täter schweigen.
 
Die Mordaktion vom 22./23. April 1945
Die unverurteilt ermordeten Gestapo-Gefangenen

Albrecht Haushofer 
Max Jennewein 
Carlos Wilhelm Moll
Ernst Munzinger 
Hans Victor von Salviati
Sergej Sossimow 
Wilhelm Staehle
 
Die „verurteilten” Gefangenen
Klaus Bonhoeffer 
Hans John 
Richard Kuenzer (ohne Verurteilung)
Carl Marks 
Wilhelm zur Nieden 
Friedrich Justus Perels
Rüdiger Schleicher 
Hans Ludwig Sierks
 
Die Mordaktion vom 23./24. April 1945
Albrecht Graf von Bernstorff
Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg
Ernst Schneppenhorst 
 
Der einzige Überlebende und Zeuge der ersten Mordaktion hieß Herbert Kosney und war ein kommunistischer Widerstandskämpfer, der mehrfach verhaftet wurde. Im Januar 1945 wurde er erneut in das Zellengefängnis Lehrter Straße gebracht, diesmal wegen seiner Beteiligung an einer Widerstandsgruppe bei der AEG, wo er als Arbeiter beschäftigt war. Nachdem sein Gerichtstermin am 21. April nicht stattgefunden hatte, sollte er mit den 15 anderen Gefangenen erschossen werden. Kosney überlebte den ungenauen Genickschuss, der durch die Wange austrat. Die Schützen konnte er nicht identifizieren.
Juristisch geahndet wurden die Mordaktionen vom April 1945 von der deutschen Justiz nie. Erst im Jahre 1960 wurde in der Bundesrepublik ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und 1969 eingestellt. 
Einige Verantwortliche der Mordaktion wurden ermittelt. Der Chef der Gestapo Heinrich Müller kam wahrscheinlich in den Kriegswirren ums Leben. Seine Leiche wurde nie identifiziert. Der Berliner Generalstaatsanwalt Kurt-Walter Hanssen wurde von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt, starb jedoch vor der Urteilsvollstreckung am 3. Oktober 1945. SS-Sturmbannführer Stawizki war nicht nur der Mordkommandoführer, sondern als Gestapo-Chef von Lemberg auch mitverantwortlich für den Tod von mindestens 160.000 Menschen. Seit 1953 arbeitete er bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und starb unbehelligt 1959. Erst elf Jahre nach seinem Tod, gelingt es der bundesdeutschen Justiz, seine wahre Identität aufzudecken. Auch der dritte überlebende Täter der Gestapo-Sonderabteilung, Artur Albrecht, arbeitete bis zu seinem Tod 1960 unerkannt beim Finanzamt Berlin-Wedding.
​
(Exzerpt aus https://www.zellengefaengnis-lehrterstrasse.de/das-zellengefaengnis/die-mordaktionen-vom-april-1945)

 
 
Ernst Reuß
.zellengefaengnis-lehrterstrasse.de
parksgeschichtspark-zellengefaengnis-moabit

Dany le Vert

19/4/2026

 
Das aktuell aus dem französischen übersetzte biografische Buch „Erinnerungen eines Vaterlandslosen“ von und über Daniel Cohn-Bendit ist absolut lesenswert und erweckt in älteren politisch interessierten Lesern viele Reminiszenzen.
Die renommierte französische Journalistin Marion van Renterghem schrieb seine Erinnerungen auf und zitiert aus den Gesprächen mit ihm und anderen. Sie zeigt damit die Verwandlung von „Dany le Rouge“ zu „Dany le Vert“ und einen begeisterten Europäer, der sich nicht scheute über Parteigrenzen hinweg für seine Überzeugung einzutreten.
Daniel Cohn-Bendit entstammt einer jüdischen Juristenfamilie. Sein Vater Erich war Anwalt der Roten Hilfe und Strafverteidiger von Hans Litten. 1933 mussten er und seine Frau vor den Nazis nach Paris fliehen. Daniels Mutter Herta, die ebenfalls Juristin war, gehörte dort zusammen mit ihrem Mann zu einer Gruppe intellektueller deutscher Exilanten in Paris um Walter Benjamin und Hannah Arendt. Einige ihrer Berliner Verwandten wurden währenddessen deportiert und ermordet. 
Nachdem Erich in Frankreich zweimal interniert worden war, zogen die Eltern, zusammen mit dem 1936 geborenen Sohn Gabriel, der im Buch mit interessanten Internas auch ausgiebig zu Wort kommt, in die Nähe von Toulouse. Dort wurde Daniel 1945, neun Monate nach der Landung der Alliierten, geboren. Später lebten sie wieder in Paris. Da die Eltern ursprünglich mit ihren Kindern in die USA auswandern wollten, beantragten sie damals nicht die französische Staatsbürgerschaft für Daniel, was für ihn noch Folgen haben sollte.
1952 ließ sich sein Vater als Anwalt in Frankfurt am Main nieder, während seine Frau zuerst mit Daniel in Paris blieb, später aber ebenfalls dort hinzog, um den an Krebs Erkrankten bis zu seinem Ende zu pflegen. Dort musste Daniel sich zwischen der deutschen und französischen Staatsbürgerschaft entscheiden und wählte – anders als sein neun Jahre älterer Bruder Gabriel – die deutsche Staatsbürgerschaft, um dem französischen Militärdienst zu entgehen.
Später studierte er dann in Frankreich. Im Mai 1968 wurde er prominenter Sprecher der Studenten in Paris. Nach seiner Ausweisung aus Frankreich als unerwünschter Ausländer war er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund und der APO aktiv. In den 1970er Jahren gehörte er zur Sponti-Szene in Frankfurt am Main, wo er auch Joschka Fischer kennenlernte und mit ihm zusammen die gerade entstehende Partei der Grünen formte.
In Frankfurt begründete er das Amt für multikulturelle Angelegenheiten und im Europaparlament stritt er über Parteigrenzen hinweg für ein föderales Europa. Nachdem Fischer bei der Bundestagswahl 1983 ein Bundestagsmandat erlangt hatte, trat Cohn-Bendit im Dezember 1984 offiziell den Grünen in Hessen bei und strebte als „Realo“ zusammen mit Fischer eine rot-grüne Regierung an.
Noch Anfang 1991 hatte Cohn-Bendit vor dem Zweiten Golfkrieg die Friedensbewegung unterstützt und gefordert nach friedlichen Lösungen zu suchen. Während der Jugoslawienkriege änderte er diese Haltung und plädierte mit einer Gruppe von etwa 30 Personen als kleine Minderheit bei den Grünen erstmals ziemlich erfolglos für militärische Mittel als ultima ratio zum Schutz Bosniens. Er gehörte auch zu etwa 100 Prominenten aus 18 Staaten, die in einem Appell an die UNO forderten, Angriffe im ganzen Gebiet des früheren Jugoslawiens unmöglich zu mache und überzeugte schließlich seinen Freund Joschka Fischer, der als Außenminister 1999 auf einem Sonderparteitag der Grünen nach einer fulminanten Rede die Befürwortung des NATO-Einsatzes im Kosovo-Krieg gegen starken pazifistischen Widerstand in der Partei durchsetzte. 
Das Gesprächsbuch ist eine flüssig zu lesende anekdotenreich Bilanz seiner Zeit als Gesicht der 68er-Bewegung und seiner jahrelangen Arbeit im Europäischen Parlament. Er galt als einer der Köpfe hinter dem Einigungsprozess und kandidierte abwechselnd für die deutschen und französischen Grünen.
2018 war Cohn-Bendit als Nachfolger des zurückgetretenen französischen Umweltministers Nicolas Hulot im Gespräch, entschied sich aber nach einem Gespräch mit Staatspräsident Emmanuel Macron, den er zu dem Zeitpunkt noch sehr schätzte, das Angebot abzulehnen.
 

Ernst Reuß
 
 
Daniel Cohn-Bendit, Marion Van Renterghem, Erinnerungen eines Vaterlandslosen, Übersetzung: Petra Willim. Verlag: Jacoby & Stuart Berlin 2026, 240 Seiten, 26 €.
Bild

Abschottung

1/4/2026

 
In ihrem neuesten Buch „Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen.“ widmet sich die Historikerin Susanne Heim einem traurigen Kapitel der internationalen Diplomatie.
Heim schreibt in ihrer Einleitung: „Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung. Dies hatte Folgen für die Chancen auf einen Neuanfang im Ausland und beeinflusste auch die Migrationspolitik der Zufluchtsstaaten: Mittellose Flüchtlinge waren nirgends willkommen. Neben der Suche nach geeigneten Aufnahmeländern war die Finanzierung der jüdischen Auswanderung das zentrale Problem der internationalen Flüchtlingspolitik.“
Erschienen ist diese Gesamtschau auf das globale Scheitern der Flüchtlingspolitik während der NS-Zeit, in der renommierten Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. Heim beschreibt darin sehr detailliert die abgeschlossenen Abkommen und Verträge. Dabei rekonstruiert sie akribisch, wie sich das Zeitfenster für die jüdische Bevölkerung nach 1933 immer schneller schloss. Während der Verfolgungsdruck in Deutschland und in den okkupierten Gebieten massiv zunahm, reagierte die Weltgemeinschaft nicht mit Solidarität, sondern mit bürokratischer Abschottung. Potenzielle Zufluchtsstaaten schlossen ihre Grenzen und schirmten sich noch stärker ab, als zuvor.
Ein besonders bedrückendes Beispiel ist die Konferenz von Évian im Juli 1938. Heim schildert wie Staaten und Hilfsorganisationen dort zwar zusammenkamen und konferierten, letztlich aber nur Gründe formulierten, warum sie keine Flüchtlinge aufnehmen konnten.
Das schlachteten die Nazis wiederum für ihre Propaganda aus und spotteten, dass niemand die Flüchtlinge haben wolle, womit sie natürlich nicht unrecht hatten. Den in Deutschland verfolgten Juden blieb nichts mehr anderes übrig als mitunter unseriöse Fluchthelfer zu bezahlen und seeuntüchtige Boote zu besteigen. Wie viele davon nicht ans Ziel kamen, ist nicht überliefert.
Heim schreibt: „Spätestens nach dem Novemberpogrom 1938 wurde die Flucht zunehmend chaotischer, und die Bemühungen um eine «geordnete Auswanderung» wurden Makulatur. Der Beginn des Krieges sortierte die Landkarte der Fluchtwege nochmals völlig neu, versperrte bislang etablierte Routen und vervielfachte gleichzeitig die Zahl der Flüchtlinge ebenso wie die Gefahren, denen sie ausgesetzt waren.“
Der Überfall der Wehrmacht auf Polen 1939 und der Krieg im Westen ab 1940 verschärften die Lage von Millionen Geflüchteten dramatisch. Man war gefangen und hoffte auf ein Ende des „Blitzkrieges“. Vor der endgültigen Besetzung der „freie Zone“ Frankreichs erwarteten am Mittelmeerhafen Marseille Tausende Verfolgte ihre ungewisse Ausreise nach Übersee. Es gab dort zwar Konsulate, Stützpunkte von Hilfsorganisationen, aber auch Spitzelei und Denunziation, sowie zwielichtige Gestalten, die die prekäre Lage ausnutzen wollten, sowie die Bedrohung durch Behörden des mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes. Besonders jüdische Flüchtlinge waren in ganz Europa von Deportation, Ghettoisierung und Ermordung bedroht, während Fluchtwege ins Ausland abgeriegelt worden waren.
Heim weiter: „Im Oktober 1941 verbot Himmler die Auswanderung der Juden aus dem deutschen Machtbereich. Nahezu zeitgleich begannen die systematischen Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa. Damit war Flucht endgültig zu einer Frage des Überlebens geworden.“
Schnell waren viele weitere Millionen Menschen der Gefahr ausgesetzt ermordet zu werden. Bislang geläufige Fluchtrouten waren versperrt. Es sind beklemmende Parallelen zur Gegenwart.
Mit 19 Abbildungen und zwei Karten ist das wissenschaftlich fundierte Buch anschaulich aufbereitet. „Die Abschottung der Welt“ ist eine traurige Lektüre für empathische Leser. Susanne Heim ist ein grundlegendes Werk gelungen, das den Leser mit der unbequemen Frage zurücklässt, wie viel wir seitdem tatsächlich dazugelernt haben. Ein Standardwerk für alle, die verstehen wollen, wie internationale Ignoranz zur tödlichen Falle werden kann.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Heim, Susanne, Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945, C.H.BECK, München 2026, 384 S., 34 €.

Bild

Immer wieder Sörensen

29/3/2026

 
Kein historisches Sachbuch, aber ein zeitgenössischer friesischer Krimi mit viel Humor und tollen Dialogen. Genau deshalb ist er auch hier eine Erwähnung wert.
„Sörensen geht aufs Haus“ ist inzwischen der sechste Teil der kultigen Krimireihe. Teilweise wurden sie bereits verfilmt und mit tollen Schauspielern in Szene gesetzt. Sörensen hat eine Angststörung und erinnert im Film mit seinem Parka ein bisschen an Schimanski nach drei Wochen ohne Schlaf und eben sovielen durchzechten Nächten. Wunderbar im Film dargestellt von Bjarne Mädel, den man beim Schmökern unwillkürlich vor Augen hat. Für ihn hatte der Autor Sven Stricker die Figur einst auch entworfen.
Sörensen ließ sich von Hamburg nach Katenbüll in die nordfriesische Provinz versetzen, wo der seltsame Kauz, der seiner Angststörung und dem Stress in Hamburg entfliehen will, gut hinpasst, aber anfangs eher barsch empfangen wurde - was auch daran lag, dass Sörensen Veganer ist und Leute gerne auf Abstand hält. Inzwischen hat man sich aneinander gewöhnt und man kümmert sich nun vor Ort sogar um sein nicht vorhandenes aber kompliziertes Liebesleben.
Im sechsten Band der Krimireihe wird Sörensen von seiner Vergangenheit eingeholt. Ein alter Schulfreund taucht wieder auf, der schon länger in Katenbüll wohnt und nie von sich hat hören lassen. Schiefel heißt er, und er bringt viele Probleme mit sich. Nicht nur, dass er sich im heftigen Nachbarschaftsstreit mit seinen skurrilen Nachbarn befindet, hinter seinem Haus sollen auch menschliche Leichenteile vergraben sein. Ein Cold Case wird wieder heiß und Sörensen, der inzwischen seinen todkranken Vater bei sich aufgenommen hat, steckt mit seiner Kollegin Jennifer in der nächsten Mordermittlung. Hilfe bekommen sie von einer neuen eifrigen und patenten Praktikantin und dem eigentlich krank geschriebenen Ex-Praktikanten Malte, dem die neue Kollegin offenbar sehr gefällt.
Natürlich lösen sie gemeinsam den Fall, aber Sörensens Kollegin Jennifer will kündigen, was für Sörensen unvorstellbar bleibt, obwohl er ich mittlerweile im Internet datet – mit überschaubarem Erfolg.
Sven Stricker zeichnet skurrile Figuren. Der Kriminalfall ist Nebensache. Amüsant immer wieder die außergewöhnlich gelungenen Dialoge.
Ein Ende der Sörensen-Reihe ist hoffentlich nicht in Sicht. Sehr lustig! Als Buch, und auch als Film!
 
 
Ernst Reuß
 
 
Sven Stricker, Sörensen geht aufs Haus, Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2026, 528 Seiten, 15 €.
Band 1: Sörensen hat Angst 2015, Band 2: Sörensen fängt Feuer 2018, Band 3: Sörensen am Ende der Welt 2021, Band 4: Sörensen sieht Land 2023, Band 5: Sörensen macht Urlaub 2024, Band 6: Sörensen geht aufs Haus 2026.

​Fehlurteile Teil 1: Der verschwundene Bauer

1/3/2026

 
Der 1949 geborene Bauer Rudolf Rupp aus Oberbayern verschwand am 13. Oktober 2001 spurlos. Zuvor war er mit seinem Auto in der örtlichen Vereinsgaststätte und hatte dort „ordentlich gebechert“. Acht Bier waren auf seinem Deckel verzeichnet. Er hatte wie üblich anschreiben lassen. Seine Frau, die auch dort nach ihm suchte, zahlte am nächsten Tag seine Zeche.
Das Auto, ein Mercedes 230 E, mit dem er gegen Mitternacht wegfuhr, war ebenfalls nicht mehr auffindbar. Ein in der Nähe von Neuburg an der Donau ansässiger Schrotthändler saß deswegen 2004 fünf Monate unschuldig in Untersuchungshaft.
Erst lange nach seinem Verschwinden und nach aufkommenden Gerede im Dorf, kam der Leiter der Ermittlungsgruppe auf die Idee der angeblich tyrannische Bauer müsse nach der Kneipe heimgekommen sein und somit gerieten die als asozial geltenden Familienangehörigen ins Visier der Kripo. Anfang 2004 gab es eine Durchsuchung des Anwesens und die Angehörigen wurden als „Zeugen“ auf die Polizeistation mitgenommen. Als Beschuldigte hätten sie mehr Rechte gehabt und wurden erst mal „weichgekocht“. 2005 wurden Rupps Ehefrau und der Ex-Freund einer der Töchter wegen Totschlags zu je achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Angeklagten hatten gestanden Rupp erschlagen, zerstückelt und an die auf dem Hof lebenden Hunde verfüttert zu haben. Die 15 und 16 Jahre alten Töchter wurden zu zweieinhalb beziehungsweise dreieinhalb Jahren Jugendstrafe wegen Beihilfe durch Unterlassen verurteilt.
Laut Urteil wurde das ahnungslose Opfer mit einem Vierkantholz hinterrücks niedergeschlagen und danach mit einem Zimmermannshammer erschlagen. Am nächsten Morgen soll Rupp mit einem Messer, einer Säge und einer Axt zerstückelt und die Leichenteile an die auf dem Hof lebenden Hunde verfütterte worden sein. Der Leib soll aufgeschnitten und die Organe entnommen worden sein. Das Blut soll mit einem Margarinebecher abgeschöpft worden sein, nachdem Arme und Beine abgetrennt wurden. Der Kopf wurde angeblich ausgekocht und zerkleinert auf dem Misthaufen entsorgt. Wie aus von der Polizei veröffentlichten Videos ersichtlich ist, wurde die angebliche Tat mit den Beschuldigten auf dem Bauernhof nachgestellt. Obwohl sich die Aussagen widersprachen und teilweise gegenseitig ausschlossen, weckte dies offenbar keine Zweifel bei den Ermittlungsbehörden. Offensichtlich wollte man unbedingt ein Geständnis, egal wie fragwürdig es war. Einen Suizid des von finanziellen und gesundheitlichen Problemen geplagten Bauern schloss man kategorisch aus, obwohl Rupp das bereits angekündigt hatte. Er wolle mit seinem Mercedes in die Donau fahren, soll er mal gesagt haben.
Problematisch war jedoch, dass es für ein derartiges brutales Tatgeschehen auf dem ganzen Hof nicht die allerkleinste Spur gab, obwohl höchst intensiv gesucht wurde. Es gab trotz gründlichem Luminoleinsatz weder Blutspuren noch Knochenreste.
Das Landgericht ging in seinem Urteil davon aus, dass die „restlichen Leichenteile“ möglicherweise an die inzwischen geschlachteten Schweine verfüttert worden waren. „Der Kammer ist bekannt, dass Schweine als Allesfresser auch die restlichen Leichenteile samt Knochen fressen würden“, stellte das Gericht fest. Noch gruseliger.
Der Bundesgerichtshof verwarf anschließend die von den Verteidigern eingelegte Revision.
Blöd nur für die bayerische Justiz, dass am 2009 der verschwundene Mercedes des Opfers aus der Donau geborgen wurde. Auf dem Fahrersitz befand sich der durch Fischfraß teilweise skelettierte Rudolf Rupp, der sonst jedoch ohne noch ersichtliche Verletzungen war, woraus die Rechtsmediziner ein Tötungsdelikt durch Erschlagen ausschließen konnten. Außerdem waren alle Gliedmaßen noch vorhanden. Es gab auch keine Löcher im Schädel, die dort nach den Aussagen der Verurteilten hätten sein müssen. Man hatte ausgesagt, dass das Tatwerkzeug im Schädel steckengeblieben war.
Eigentlich würde man annehmen, dass man dann das Urteil nicht aufrechterhalten kann, denn außer den noch vor Prozessbeginn widerrufenen Geständnissen gab es keinerlei Beweise für die Schuld der Verurteilten. Doch dem war nicht so.
Aber was waren diese Geständnisse eigentlich wert und vor allem wie kam es zu den Geständnissen? Wie sich später herausstellte waren die Geständnisse, der mit einem sehr niedrigen IQ ausgestatteten Beschuldigten, auf suggestivem Wege und teilweise ohne Rechtsbeistand zustande gekommen. Ein von der Ermittlungsbehörde zuvor aufgestellter Fragenkatalog ähnelte erstaunlich den späteren Geständnissen. Falsche Geständnisse unter Druck sind eine allseits bekannte Tatsache.
Doch selbst jetzt, als klar, dass wesentliche Teile der vom Schwurgericht in seinem Urteil getroffenen Feststellungen nicht stimmen konnten, lehnte die Justiz den Wiederaufnahmeantrag der Verteidigerin ab und hielt die Verurteilung weiterhin im Ergebnis für richtig. Die Justiz tut sich sehr schwer Fehler einzugestehen.
Das Wiederaufnahmeverfahren im deutschen Strafrecht, um rechtskräftige Urteile aufgrund neuer Tatsachen, Beweismittel oder schwerer Verfahrensmängel aufzuheben ist nur sehr schwierig möglich und dauert sehr lange. Einmal getroffene Entscheidungen sollen wegen des Rechtsfriedens nicht mehr angefochten werden können. Regina Rick war eine der Strafverteidigerinnen der Familie Rupp und schaffte dies mit viel Beharrungsvermögen und Gerechtigkeitsgefühl, sowie gehörigem mediale Druck. 2010 gab die bayerische Justiz schließlich doch einer Beschwerde der Verteidigung auf Wiederaufnahme des Verfahrens statt.
Alle Verurteilten wurden 2011 - nachdem sie ihre Haft bereits abgesessen hatten -schließlich freigesprochen. Üblicherweise hatte es auch für die Verurteilten nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe die vorzeitigen Haftentlassung auf Bewährung gegeben. Allerdings waren die Richter nach wie vor davon überzeugt, dass einer oder mehrere der Angeklagten den Bauer getötet hatten. Es konnte nur nicht festgestellt werden, wer letztendlich für den Tod verantwortlich sei. In dubio pro reo. Es war ein Freispruch zweiter Klasse. Man hielt daran fest, dass Rupp nach Hause gekommen war und umgebracht wurde. Einen Suizid schloss man weiterhin aus, was andere Sachverständige ganz anders sahen. Für die Verteidigung spiele es keine Rolle, ob Rupp vielleicht Selbstmord begangen hat oder nur unglücklicherweise in die Donau rollte.
Haftentschädigungen für die jahrelange Haft wurden verweigert oder gekürzt mit der Begründung, dass sie schließlich die Tat gestanden hätten. Die viele Ungereimtheiten und das problematische Zustandekommen ihrer detaillierten falschen Geständnisse und der Widerruf derselben noch vor dem Prozess 2005 wurden dagegen juristisch nicht aufgearbeitet. Erst durch Einsicht in Beiakten und Asservaten kamen entlastende Indizien zum Vorschein, die zuvor vorenthalten wurden. So gab es entlastende Tagebücher der Töchter und den Zündschlüssel des Autos, der zuvor seltsamerweise angeblich nicht vorhanden war.
2015 wurde eine Beschwerde gegen die Verweigerung der Haftentschädigung vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als unzulässig verworfen. Die Verurteilten hatten gestanden und waren nach Ansicht der Justiz somit selbst schuld an ihrem Unglück.
Immerhin wurde 2020 die Strafprozessordnung geändert, nunmehr müssen Vernehmungen bei vorsätzlich begangenen Tötungsdelikten in Bild und Ton aufgezeichnet werden wenn „die schutzwürdigen Interessen von Beschuldigten, die erkennbar unter eingeschränkten geistigen Fähigkeiten oder einer schwerwiegenden seelischen Störung leiden, durch die Aufzeichnung besser gewahrt werden können.“
In Fachkreisen wird dies als Lex Rupp bezeichnet.
Dass Rudolf Rupp, der sowohl gesundheitlich und finanziell erheblich unter Druck stand und in Kürze einen Offenbarungseid leisten sollte, sich selbst getötet hatte oder durch einen Unfall ums Leben kam – das schlossen die Richter weiterhin kategorisch aus.
Regina Rick, die die Wiederaufnahme des Verfahrens aufgrund ihrer Hartnäckigkeit erst ermöglichte, beklagt mangelnde Fehlerkultur der Justiz. Das sollte sich auch noch in anderen Verfahren, in denen sie mit ihrem Beharrungsvermögen Unschuldige aus dem Knast holte, bestätigen. Es sei ihr Gerechtigkeitssinn und Verteidigerininstinkt, der sie dazu bringt sich in so einen Fall zu verbeißen, vor allem wenn arme Menschen in die „Pfanne gehauen werden.“ Rick konnte nicht wirklich verstehen, warum Gericht und Staatsanwaltschaft die abstrusen Geständnissen nicht ernsthaft hinterfragt haben.
 
 
Ernst Reuß
Der Sachbuchautor ist promovierter Jurist und Autor auch von verschiedenen True Crime Büchern.
Wenn die Justiz versagt: Der verschwundene Bauer, erschienen in Beck Aktuell 20- Februar 2026
<<Vorher

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


    Archiv

    Juni 2026
    Mai 2026
    April 2026
    März 2026
    Februar 2026
    Januar 2026
    Dezember 2025
    November 2025
    Oktober 2025
    September 2025
    August 2025
    Juli 2025
    Juni 2025
    Mai 2025
    April 2025
    März 2025
    Februar 2025
    Januar 2025
    Dezember 2024
    November 2024
    Oktober 2024
    September 2024
    August 2024
    Juli 2024
    Juni 2024
    Mai 2024
    April 2024
    März 2024
    Februar 2024
    Januar 2024
    Dezember 2023
    November 2023
    Oktober 2023
    September 2023
    August 2023
    Juli 2023
    Juni 2023
    Mai 2023
    April 2023
    März 2023
    Februar 2023
    Januar 2023
    Dezember 2022
    November 2022
    Oktober 2022
    September 2022
    August 2022
    Juli 2022
    Juni 2022
    Mai 2022
    April 2022
    März 2022
    Februar 2022
    Januar 2022
    Dezember 2021
    November 2021
    Oktober 2021
    September 2021
    August 2021
    Juli 2021
    Juni 2021
    Mai 2021
    April 2021
    März 2021
    Februar 2021
    Januar 2021
    Dezember 2020
    November 2020
    Oktober 2020
    September 2020
    August 2020
    Juli 2020
    Juni 2020
    Mai 2020
    April 2020
    März 2020
    Februar 2020
    Januar 2020
    Dezember 2019
    November 2019
    Oktober 2019
    September 2019
    August 2019
    Juli 2019
    Juni 2019
    Mai 2019
    April 2019
    März 2019
    Februar 2019
    Januar 2019
    Dezember 2018
    November 2018
    Oktober 2018
    September 2018
    August 2018
    Juli 2018
    Juni 2018
    Mai 2018
    April 2018
    März 2018
    Februar 2018
    Januar 2018
    Dezember 2017
    November 2017
    Oktober 2017
    September 2017
    August 2017
    Juli 2017
    Juni 2017
    Mai 2017
    April 2017
    März 2017
    Februar 2017
    Januar 2017
    Dezember 2016
    November 2016
    Oktober 2016
    September 2016
    August 2016
    Juli 2016
    Juni 2016
    Mai 2016
    April 2016
    März 2016
    Februar 2016
    Januar 2016
    Dezember 2015
    November 2015
    Oktober 2015
    September 2015
    August 2015
    Juli 2015

Powered by Create your own unique website with customizable templates.
  • Startseite
  • Blog
  • Über
  • Galerie
  • Kontakt