HISTORISCHES SACHBUCH
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Täter und Opfer

13/9/2019

 
Tausende Deutsche aus allen Regionen des „Dritten Reiches“ wurden in den Osten deportiert und unmittelbar nach Ankunft in einem Wäldchen namens Biķernieki in der Nähe Rigas erschossen und in 55 Massengräbern verscharrt.
Eine davon war die Berliner Sportlerin und Weltrekordlerin Lilli Henoch aus Berlin. Die 1899 geborene Lilli Henoch war Mitglied des Berliner Sport-Clubs und in den zwanziger Jahren eine der bedeutendsten Leichtathletinnen weltweit. Sie wurde zwischen 1922 und 1926 in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung sowie mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des Berliner Sport Clubs zehnfache Deutsche Meisterin und stellte vier Weltrekorde auf. Daneben war sie auch im Hockey und Handball ein Star und leitete später die Damenabteilung des Klubs. Noch 1929 hatte man Lilli Henoch in der Vereinszeitung lauthals gerühmt: „Wenn jemals ein Beispiel an Klubtreue und Uneigennützigkeit gebraucht wird, dann ruft ihren Namen. Und die Luft muss rein um uns werden“. Nur vier Jahre später – kurz nach der Machtergreifung der Nazis - wurde sie aus dem BSC kommentarlos ausgeschlossen. Am 5. September 1942 wurde die einstmals vielgerühmte Sportlerin mit dem 19. „Judentransport“ gemeinsam mit ihrer Mutter in den Osten deportiert. In Riga angekommen wurde Lilli Henoch zusammen mit ihrer Mutter und allen anderen Insassen des Zuges nach Biķernieki geführt und erschossen.
Der geschichtsinteressierte Martin-Heinz Ehlert, ein Mitglied des BSC Berlin, entriss sie erst viele Jahrzehnte später dem Vergessen, indem er ihre Geschichte recherchierte und veröffentlichte. Inzwischen sind in Berlin ein Sportplatz und Hallen nach ihr benannt.
In Biķernieki existiert seit 2001 ein Mahnmal. Stelen aus Granit in unterschiedlicher Größe und Farbe erinnern nun an die vielen Opfer und benennen die Orte aus denen die Transporte kamen. Auf einem Gedenkstein steht auf Hebräisch, Russisch, Lettisch und Deutsch: „ACH ERDE, BEDECKE MEIN BLUT NICHT, UND MEIN SCHREIEN FINDE KEINE RUHESTATT!“
Als Reichskommissar „Ostland“, also Lettland, Litauen, Estland und Weißruthenien, war der 1896 geborene Hinrich Lohse für das was dort geschah an führender Stelle verantwortlich. Er war ein überzeugter Nazi und bereits seit 1925 Gauleiter von Schleswig-Holstein. Zwischen 1941 und 1944 pendelte er zwischen Riga und Kiel, um beide Ämter ausüben zu können. Von mindestens 500 000 im Reichskommissariat 1941 ansässigen Juden, lebten nach seiner Amtszeit keine 10 000 mehr.
Zwar verbot Lohse per Erlass „die aktive Teilnahme von Amtsträgern der Ostverwaltung bei Exekutionen jeder Art“. Dies geschah jedoch nicht aus moralischen Gründen, sondern der bekennende Antisemit war der Ansicht: „Selbstverständlich ist die Reinigung des Ostlandes von Juden eine vordringliche Aufgabe; ihre Lösung muß aber mit den Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft in Einklang gebracht werden“. Mit dieser Ansicht stieß er jedoch auf taube Ohren. Nicht nur in Biķernieki kam es zu Massenerschießungen, auch im nicht weit entfernten Wald von Rumbula geschah dies. Bei den Opfern dort handelte sich meist um lettische Juden aus dem Ghetto Riga, aber auch um deutsche Juden, die am 27. November 1941 von Berlin aus deportiert worden waren.
Lohse selbst nahm an einer Massenerschießung teil, um sich ein „Bild zu machen“. Er überlebte den Krieg, im Gegensatz zu den Opfern der Massenerschießungen.
Ein Militärgericht verurteilte ihn 1948 zu zehn Jahren Gefängnis, aber man entließ ihn schon bald wegen „dauernder Haftunfähigkeit. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Lohse dann erstaunlicherweise als Minderbelastet eingestuft, ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde eingestellt und Lohse erstritt sich in einer Klage gegen die Landesregierung von Schleswig-Holstein 25 Prozent seiner Pensionsansprüche. Zudem erhielt er vom Verlag der Kieler Nachrichten das Gehalt eines Redakteurs und „forschte“ ausgerechnet zur „NS-Geschichte“. Er brachte allerdings nichts zu Papier, was vielleicht besser so war. Lohse starb unbescholten und weitgehend unbemerkt im Jahre 1964.
 
 
Ernst Reuß
Artikel im ND vom 25. Oktober 2019
Der Zukunft ein Gedächtnis | Erinnerung an das Ghetto von Riga
Demokratische_Geschichte_Band_11_Essay08.pdf

Winnyzja/Ukraine

12/9/2019

 
"1939 hatten noch 33 150 Juden in Winniza gelebt, immerhin 35,6 % der Gesamtbevölkerung. Als die Deutschen am 19. Juli 1941 die Stadt einnahmen waren noch 18 000 jüdische Bürger in der Stadt, der Rest war geflohen. Schätzungen gehen davon aus, dass am 19. September 1941 mehr als 10 000 Juden durch das 45. Reserve-Polizeibataillon erschossen wurden. Am 15. April 1942 wurden noch einmal knapp 5 000 Juden kurz vor den Toren der Stadt Winniza umgebracht. Ungefähr 1 000 als „unabkömmlich“ geltende Handwerker ließ man vorerst noch am Leben. Unmittelbar nach dem Krieg sollen gerade noch 74 Bürger jüdische Überlebende gezählt worden sein. Heute ist nur noch 1 % der Bevölkerung jüdischen Glaubens."
(Aus: Ernst Reuß, Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg, Berlin 2019, Seiten 80 ff.)

Es gab mit Stalag 329 ein Kriegsgefangenenlager und viele Zwangsarbeiterlager in Winniza, in denen meist unmenschliche Bedingungen herrschten. Auch außerhalb dieser Lager kam es zu Erschießungen; im September 1941 sowie im Frühjahr 1942 sogar zu Massenerschießungen.
Beide Massenerschießungen fanden vor den Toren der Stadt statt. Heute ist die Stadt gewachsen und die Stätten der Massenmorde befinden sich jetzt auf dem Gelände einer privaten Gärtnerei. Drei erst in jüngster Zeit von jüdischen Organisationen errichtete kleine Denkmäler weisen auf die Erschießungsorte hin; sonst gibt es nichts. Da die Denkmäler sich auf einem Privatgelände befinden, ist der Zugang nicht immer gewährleistet. Die Massaker sind weitestgehend vergessen. Eines der Denkmäler erinnert an die ermordeten Kinder, die ihren Müttern weggenommen und am Rand der einen Grube ermordet worden waren.
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Stalag 329 befindet sich zum Teil auf militärischem Sperrgebiet, das man nur mit Sondergenehmigung und beschränkter Fotografiererlaubnis besuchen darf. Dort befindet sich am Fundort eines Massengrabes das Mahnmal für die 2008 an diesem Ort exhumierten Überreste der verscharrten Kriegsgefangenen. Im nahe gelegenen frei zugänglichen Teil des ehemaligen Stalags 329 befindet sich ebenfalls ein Mahnmal.

Nördlich von Winniza wurde das Führerhauptquartier „Werwolf“ errichtete. Auch jüdische Zwangsarbeiter wurden zu den Arbeiten beim Aufbau sein. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, sollen sie erschossen worden sein.
 
Ernst Reuß 

Kurz & Kickl

4/9/2019

 
Das Enthüllungs-Video auf Ibiza, das zum Rücktritt des österreichischen Vizekanzlers Heinz-Christian Strache und zur anschließenden Entlassung des Innenministers Herbert Kickl, beide FPÖ, führte, war auch in den deutschen Medien überaus präsent. Die aus ÖVP und FPÖ gebildete Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz wurde gestürzt. Am 29. September diesen Jahres soll erneut gewählt werden.
Nun hat der Österreicher Helmut Brandstätter, ehemals Geschäftsführer des Nachrichtensenders n-tv und inzwischen Herausgeber des in Österreich wichtigen und eher liberal eingestellten Boulevardblattes „Kurier“, ein Buch zum Thema geschrieben.
Es heißt: „Kurz & Kickl. Ihr Spiel mit Macht und Angst“. Es soll eine Abrechnung sein mit der Regierung aus ÖVP und FPÖ. Brandstätter plagt die Angst, dass es nach der Wahl genau mit dieser Koalition weitergehen könnte. Es sei der Weg in eine „autoritäre Republik“, der „über die Zerstörung von Medien, deren Kauf oder deren Beherrschung“ führt. Das kam beim Ibiza-Video klar zum Vorschein. Auch Kurz versuche „durch brutalen Druck und penetrante Interventionen" die Medien auf Linie zu bringen. Die FPÖ sei eine „deutschnationale Bewegung mit antisemitischem Hintergrund und autoritären Vorstellungen“. Der Innenminister Herbert Kickl sei das eigentliche Mastermind der FPÖ. Er habe die Strategie geplant und dabei Sebastian Kurz den Anschein der Macht überlassen. Der Autor meint wenig schmeichelhaft: „Das Streben nach Macht wirkt bei Kurz auch deshalb so ausgeprägt, weil es nie durch inhaltliche Überzeugungen eingeschränkt war.“ Kickls Ansicht sei auch klar: „Das Recht muss der Politik folgen und nicht die Politik dem Recht.“ Dieselbe Vorstellung von Recht wurde auch im „Dritten Reich“ vertreten.
Brandstätter meint: „Das Ende dieser Kooperation war dann abrupt, aber es musste kommen, denn Sebastian Kurz merkte, dass er an Macht verlor und Herbert Kickl immer mehr das Geschehen dominieren wollte.“ Österreich habe sich in den 17 Monaten der ÖVP/FPÖ-Regierung massiv verändert. Es wurde ein rassistisches Menschenbild befördert, denn „in den sozialen Medien wurde eine Stimmung verbreitet, die ganze Gruppen von Menschen und ihre Rechte abwertete, die Boshaftigkeit und Niedertracht auslöste und leider auch eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen bezweckte.“ Das Verhältnis zu den „Identitären“ ist ambivalent. Deren Chef spendete dem Neuseeländischen Massenmörder Geld und schrieb ihm E-Mails, in denen es beispielsweise hieß: „Du gibst mir wirklich Energie und Motivation. Wenn du mal nach Wien kommst, müssen wir einen Kaffee oder ein Bier trinken gehen.“ Trotzdem werden die Identitären weiterhin als junge Aktivisten verharmlost.
Brandstätters Buch, in dem er sich oft selbst zitiert, liest sich wie ein Bewerbungsschreiben für ein politisches Amt. So ist es wohl auch gemeint, denn Brandstätter möchte bei der nächsten Nationalratswahl für die liberale Partei der „Neos“ für das Parlament kandidieren. Das Buch ist eine einzige Anklage, in dem für den politisch Interessierten allerdings nichts wesentlich Neues steht.
 
Ernst Reuß
 
Helmut Brandstätter, Kurz & Kickl, Ihr Spiel mit Macht und Angst, 208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2019, 22 €
Tagesspiegel vom 20. August 2019
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Krieg

1/9/2019

 
Mit dem vorgetäuschten Überfall auf den Sender Gleiwitz und der fingierten Wutrede Hitlers begann vor 80 Jahren in Europa der Zweite Weltkrieg.
Heute ist bekannt, dass nicht „seit 5 Uhr 45 zurückgeschossen“ wurde. Es war ein kühl kalkulierter Angriff. Zuerst wurde am 1. September 1939 Wieluń bombardiert, wobei ein großer Teil der Bevölkerung starb.
Noch immer hält sich die Mär, Hitlers Wehrmacht sei beim Einmarsch in Polen 1939 „sauber“ geblieben. Ein vom Metropol Verlag herausgegebener Sammelband mit dem Titel „80 Jahre danach“ mit Aufzeichnungen und Fotos deutscher Soldaten widerlegt dies recht eindeutig. Das Gegenteil war der Fall. „Die ersten Massenmorde des Zweiten Weltkrieges wurden von deutschen Soldaten bereits in seiner Anfangsphase begangen“, schreibt der Historiker Jochen Böhler in seinem Beitrag. Dass die Opfer des sogenannten „Polenfeldzug“ vor allem aus der Zivilbevölkerung kamen, ist bis heute in der bundesdeutschen Gesellschaft wenig bekannt. Tausende Zivilisten wurden als angebliche Partisanen erschossen. 5000 Angehörige der intellektuellen Führungsschicht wurden kaltblütig ermordet. Jahrelange Propaganda durch die Nazis hatte im Bewusstsein der Wehrmacht die gewünschte Wirkung erzielt: Polen galten als minderwertig, Juden sowieso. Deutsche Soldaten fühlten sich als Herrenmenschen.
Polen verlor mit 5,7 Millionen Toten ein Fünftel seiner Vorkriegsbevölkerung. Euphemistisch nannten die Nazis das „Völkische Flurbereinigung“ oder „außerordentliche Befriedung“.
Am 25. August 1939 war das Schulschiff der deutschen Kriegsmarine, „Schleswig-Holstein“ zu einem „Freundschaftsbesuch“ in den von Danzig eingelaufen und beschoss am 1. September die polnischen Stellungen auf der Westerplatte.
Das im Buch teilweise abgedruckte Tagebuch eines Kadetten zeichnet die Vorkommnisse nach. Viele Fotos illustrieren das weitere Geschehen. Das Haus der Wannsee-Konferenz hat eine Online-Ausstellung konzipiert und zeigt dort viele dieser Fotos.
Auf einen Eisenbahnwaggon, der sie nach Osten brachte, hatten deutsche Landser geschrieben: „Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen.“
Für Polen ist das kein abgeschlossenen Kapitel der Geschichte, auch wenn sich das in Deutschland einige so wünschen würden.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Svea Hammerle, Hans-Christian Jasch, Stephan Lehnstaedt (Hrsg.), 80 Jahre danach, Bilder und Tagebücher deutscher Soldaten vom Überfall auf Polen 1939, Berlin 2019 Metropol Verlag, 208 Seiten, € 19

Digitale Fotoausstellung
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    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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