HISTORISCHES SACHBUCH
  • Startseite
  • Blog
  • Über
  • Galerie
  • Kontakt

Georg Elser

25/2/2023

 
Wolfgang Benz, einer der renommiertesten Zeithistoriker Deutschlands mit zahlreichen Publikationen zur Geschichte des Nationalsozialismus, des Holocaust und des Widerstands, beschreibt spannungsreich und ausgesprochen empathisch das Leben Georg Elsers. Einem Einzelgänger mit offensichtlichem Schlag bei den Frauen. Er war ein einfacher Mann, der bereits früh den drohenden Krieg zu verhindern versuchte. Nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 war Elser endgültig davon überzeugt, dass Hitler einen neuen Krieg plant und nur noch seine Ermordung großes Unheil abwenden könne.
Dies also zu einem Zeitpunkt als die meisten Verschwörer des 20. Juli 1944 ihrem Führer noch lauthals zujubelten. Der schwäbische Schreinergeselle wurde erst spät einer breiten Öffentlichkeit bekannt, hat aber vor vielen Anderen gesehen, was Hitlers Expansionsdrang bedeuten würde. Mit einer Zeitzünderbombe versuchte er nach monatelanger Vorbereitung am 8. November 1939 dem Zweiten Weltkrieg und Adolf Hitler ein Ende zu bereiten. Sein Anschlag im Münchner Bürgerbräukeller scheiterte jedoch, weil der „Führer“ vorzeitig den Saal verließ. Wenn Elsers Plan aufgegangen wäre, hätten die Weltgeschichte einen völlig anderen Verlauf genommen.
Am 5. August 1939 war Elser nach München gezogen, um dort seinen Anschlag auf Hitler vorzubereiten. Benz schildert nicht nur dieses Attentat, welches Elser ganz allein plante und ausführte und das weitgehend unbekannte Leben des Georg Elser, sondern als Zeithistoriker auch das Leben in der Provinz vor und während der Nazizeit. Außerdem berichtet er über bekannte und eher unbekannte Widerständler, die Hitler beseitigen wollten. Dankenswerterweise nur kurz vom 20. Juli, aber ausführlicher auch von vielen unbekannten, verhinderten Attentatsversuche. Er präsentiert sein fundiertes Wissen in ausgesprochen lesbarer Form.
Der 1903 geborene Elser selbst kam aus Königsbronn, einem Industriedorf auf der Schwäbischen Alb. Nach dem Besuch der Volksschule in Königsbronn wurde er als Jahrgangsbester Schreinergeselle. Sein weiterer Werdegang war geprägt durch die Inflation und durch die Machtergreifung der Nazis.
Bereits über eine halbe Stunde vor der Explosion im Münchner Bürgerbräukeller wurde Elser bei dem Versuch, in die neutrale Schweiz zu fliehen, noch auf deutscher Seite vom eifrigen deutschen Grenzbeamten festgenommen. Einer davon sollte später für seine Verdienste um die Wirtschaft - als Gründer des CDU-Wirtschaftsrats 1979 - das Bundesverdienstkreuz erhalten.
Elser wurde ohne Gerichtsverfahren im KZ Sachsenhausen, später im KZ Dachau gefangen gehalten. Kurz vor Ende des Krieges wurde er am 9. April von den Nazis ermordet. Hitler selbst hatte die Hinrichtung angeordnet. Ein SS-Oberscharführer vollstreckte den Tötungsbefehl mit einem Genickschuss.
Dies geschah zwanzig Tage vor der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch US-Truppen. Elser wurde gerade mal 42 Jahre alt.
Sein Schicksal blieb für die Familie unbekannt, ein Grab gab es nicht. 1950 wurde er offiziell für tot erklärt.
Nach dem Krieg wurde Elser vielfach verleumdet, so zum Beispiel vom prominenten Mithäftling Niemöller, der ihn als SS-Mann bezeichnet. Man konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass Elser allein gehandelt hat.
Historiker weigerten sich lange Zeit beharrlich, sich mit Elser als Widerständler zu beschäftigen. Es hielt sich das Gerücht, er sei eine Marionette der Nationalsozialisten gewesen. Erst 1964 wurden die vollständigen Protokolle von den Verhören Elsers in Berlin entdeckt. Im Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli 1944 wurde Georg Elser in der offiziellen Gedenkkultur der Bundesrepublik bis in die 1990er Jahre kaum gewürdigt.
Georg Elser ist ein Beispiel dafür, dass die Unterwerfung unter die Nazi-Diktatur auch für so genannte „einfache Menschen“ nicht alternativlos war.
Benz räumt mit den Nachkriegsmythen auf und scheut auch nicht davor andere Zeithistoriker zu kritisieren. Sein Buch endet mit den Sätzen: „Elser war ein kategorischer Moralist, in der Konsequenz einer als notwendig erkannten Tat. Zu Recht sehen die Nachgeborenen Georg Elser deshalb als besonders authentischen Widerstandskämpfer.“

 
 
Ernst Reuß
 
 
Benz, Wolfgang, Allein gegen Hitler, LEBEN UND TAT DES JOHANN GEORG ELSER, C. H. Beck Verlag 2023, 224 S., mit 29 Abbildungen, Hardcover, 27 €.

Berthold Wehmeyer

12/2/2023

 
Am 18. Februar 1949, also rund drei Monate, bevor am 23. Mai 1949 mit dem Grundgesetz die Todesstrafe abgeschafft wurde, fand auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland die letzte Hinrichtung aufgrund eines deutschen Gerichtsurteils statt. Die letzte Hinrichtung in West-Berlin wurde dagegen am 11. Mai 1949, zwölf Tage vor Verkündung des Grundgesetzes, vollzogen. Dies widersprach dem am 8. Mai für die drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands verabschiedeten Grundgesetz, aber in West-Berlin blieb man unerbittlich und beharrte auf dem Vollzug des Todesurteils. Das Grundgesetz wurde nämlich erst am 12. Mai von den Westalliierten genehmigt und trat dann am 23. Mai 1949 in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt wurde in West-Berlin kein von einem deutschen Gericht zum Tode Verurteilter mehr hingerichtet.
Opfer einer eher engstirnigen Anwendung der Gesetze wurde der bei seinem Tod 24-jährige Raubmörder Berthold Wehmeyer. Angeblich soll es sich bei dem in diesem Fall eingesetzten Schafott um die Guillotine gehandelt haben, mit der schon Robespierre hingerichtet worden war und die als Kriegsbeute 1871 nach Berlin gekommen sein soll. Der Wahrheitsgehalt dieser Anekdote lässt sich jedoch nicht mehr ermitteln. Deutsche „Fallbeile“ gab es jedenfalls gleich nach dem Ende des Nationalsozialismus genügend. Derartige Tötungsinstrumente, mit denen viele Tausende Menschen enthauptet worden waren, fertigte die Gefängnisschlosserei Tegel. Hitler gab 1933 dort den Bau von mehr als 30 Guillotinen in Auftrag. Sie wurden – außer in Frankreich, wo es seit der Revolution eine ausreichende Anzahl dieser Tötungsmaschinen gab – vor allem in den besetzten Gebieten gebraucht, wo sie massenhaft zum Einsatz kamen.
Der gelernte Schlosser Berthold Wehmeyer, der durch die Umstände seines Todes einen zweifelhaften Ruhm erlangte, hatte zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bekannten Hans Wagner, der wegen Beihilfe zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, eine ältere Frau aus Berlin-Weißensee bei der gemeinsamen Hamsterfahrt im Umland vergewaltigt und erwürgt. Wehmeyer und sein Kumpel versteckten die Leiche der Frau in einem Heuhaufen auf einem Feld bei Wusterhausen an der Dosse, wo sie am 28. April 1947 von einem Bauern gefunden wurde. Alles deutete auf eine „Hamsterfahrerin“ aus Berlin hin, die in der Prignitz Nahrungsmittel eintauschen wollte. Der Kehlkopf der Frau war gebrochen, doch gestorben war die Frau an dem Knebel in ihrem Mund. Sie war erstickt. Mordfälle wie dieser gehörten damals zum Nachkriegsalltag.
Da es Zeugen der Begegnung zwischen den beiden jungen Männern und der Toten gab, ermittelte die Kriminalpolizei recht schnell das Opfer und die mutmaßlichen Täter. Sie wurden umgehend festgenommen. Im Gegensatz zu ihnen, die erfolglos gehamstert hatten, konnte die 61-jährige Eva Kusserow 20 Kilogramm Kartoffeln ergattern, die Wehmeyer und Wagner nun erbeutet hatten. Ein aus heutiger Sicht recht armseliges Motiv, doch in jener Zeit herrschte Hunger. Kartoffeln bildeten den Hauptbestandteil der Nachkriegsernährung, und um die Kartoffel kreiste damals das Denken vieler Menschen.
Wehmeyer sagte aus, dass er die Frau von hinten gepackt und gegen den Hals geschlagen habe. Angeblich sei er von seinem Mittäter Wagner dazu angestiftet worden. Danach habe er versucht, sie zu vergewaltigen. Das habe aber nicht so geklappt, weil er sich von seinem Mittäter gestört gefühlt habe, der schließlich statt seiner die röchelnde Frau vergewaltigt haben soll. Danach habe er ihr eine weißes Tuch in den Mund gesteckt, und sie hätten ihr die Nase zugehalten und sie geschlagen, bis kein Lebenszeichen mehr zu vernehmen war.
Der 28-jährige ehemalige Bäcker Wagner, der inzwischen als „Hilfsdesinfektor“ beim Gesundheitsamt Steglitz arbeitete, war laut eigener Aussage angeblich nur untätig dabeigestanden, während Wehmeyer die Tat ausführte. Er habe dann geholfen, die Leiche fortzuschaffen, was er in einer späteren Aussage wiederum bestritt. Wehmeyers Tat habe ihn entsetzt, aber er habe Angst vor ihm gehabt. Zusammen mit seiner Gattin belastete er den verdächtigen Berthold Wehmeyer als Haupttäter schwer.
Delikat war dabei, dass der ledige Wehmeyer mit Wagners Ehefrau eine Affäre eingegangen war. Sie hatte angeblich ihren Mann verlassen wollen und die beiden miteinander bekannt gemacht. Sie habe ihre Sachen packen wollen und angeblich deswegen die beiden Männer am Tattag zum „Hamstern“ geschickt. Nach der Tat überlegte sie es sich wohl anders und hielt wieder zu ihrem Mann.
Die beiden Täter beschuldigten sich also gegenseitig der Tat. Die Kriminalpolizei war unschlüssig. Wehmeyer verwickelte sich, im Gegensatz zu Wagner, in keine Widersprüche. Ein psychiatrisches Gutachten sollte den wahren Mörder ermitteln. Wehmeyer habe ein stark ausgeprägtes Sexualverlangen, hieß es im Gutachten. Seinem Mittäter wurde dagegen eine normale Sexualität attestiert. Die Richter konnten sich nicht vorstellen, dass er das viel ältere und damit weniger attraktive Opfer missbraucht haben soll, wo er doch mit einer jungen Frau verheiratet war. Das Verhältnis zwischen Wehmeyer und der Frau seines Mittäters spielte bei diesen Überlegungen anscheinend keine Rolle. Wehmeyer, der schon einschlägig aktenkundig war, sei eine „primitive, triebhaft handelnde, psychopathisch, egoistisch veranlagte Persönlichkeit“. Als 16-Jähriger hatte er eine Frau in der S-Bahn beraubt und sie aus dem Wagen zu stoßen versucht. Dafür war er zu neun Jahren Haft verurteilt worden, aber bereits 1944 auf freien Fuß gekommen.
Kurzzeitig war der mit seiner Mutter in Berlin-Wittenau lebende 24 -jährige Wehmeyer in den Wittenauer Heilstätten als Krankenpfleger tätig. Grund dafür, dass er nach nicht einmal einem Monat kündigte, waren auch seine Vorstrafen aus dem Jahr 1942, die er bei der Einstellung nicht erwähnt hatte. In seinem dortigen Personalbogen ist nachzulesen: „Das Bezirksamt Reinickendorf teilt telefonisch mit, dass der hier seit dem 17. 1. 47 beschäftigte Krankenpfleger Wehmeyer Berthold nach eingegangenem Strafregister-Auszug am 23. 4. 1942 vom Landgericht Berlin wegen schweren Raubes und versuchten Mordes als Volksschädling und Gewaltverbrecher verurteilt worden ist. Es ist W. anheim zu geben, selbst sofort zu kündigen, andernfalls muss er fristlos entlassen werden.“
Der Gerichtsgutachter gab später zu Protokoll: „Seine derzeitige Straftat ähnelt in jeder Weise derjenigen, durch welche er sich vor Jahren strafbar machte. Heute wie vordem war der Anlass zu seinem Vorgehen Egoismus und jetzt wie vor Jahren zeigt sich die alte Brutalität, dieselbe Gefühlskälte, die seinem Wesen eigen ist, welche seinem Vorgehen die Note gibt.“ Der Gutachter sah entgegen Wehmeyers Aussagen eher ihn selbst als Anstifter als den älteren aber „infantilen“ Wagner, der leicht zu beeinflussen gewesen sein soll.
Damit war die Sache für Polizei und für das Gericht klar.
Am 5. Juli 1948 wurde Wehmeyer wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs zum Tode verurteilt. Im September 1948 kam er in Einzelhaft, da er einen Ausbruchversuch geplant hatte, aber von einem Zellengenossen verraten worden war. Der vom Vorwurf des Missbrauchs freigesprochene Wagner wurde, wie erwähnt, wegen Beihilfe zum Mord zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Laut Urteil sei Wehmeyer dem Wagner „körperlich und in seiner Entschlusskraft weit überlegen“ gewesen.
Die Revision wurde zurückgewiesen, ein Gnadengesuch vom Vorsitzenden Richter mit den dürren Worten „zur Befürwortung einer Begnadigung sehe ich keinen Anlass“ abgelehnt. Wehmeyers Mutter hatte am 27. November 1948 geschrieben: „Berthold hat auch die ganzen Jahre seit dem Tod meines Mannes, seitdem er Ende Oktober 1945 aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist, mir helfend zur Seite gestanden. Er war mein Ernährer nach dem Tode meines Mannes, der am 9. November 1945 gestorben ist. So schlecht wie man ihn also macht, ist er auch als Mensch nicht. [...] Mein Sohn ist leicht beeinflussbar und ich bin überzeugt, dass er von Wagner beeinflusst worden ist und daß die schlechten Gedanken nicht von ihm herrühren. Andererseits ist mein Sohn sehr unbeholfen und es behindert ihn auch sein Sprachfehler, er stottert nämlich.“
Auch die Alliierte Kommandantur lehnte sodann eine Begnadigung in englischer, russischer und französischer Sprache ab. So kam es schließlich zur Hinrichtung im Gefängnis in der Lehrter Straße. Der Scharfrichter wurde informiert, beim Bezirksbürgermeister wurden Lebensmittelkarten für die Henkersmahlzeit und für die an der Vollstreckung beteiligten Personen bestellt sowie 300 rote Plakate gedruckt. Sie dienten dazu, die vollstreckte Hinrichtung an ausgesuchten Litfaßsäulen der Stadt der Allgemeinheit bekannt zu geben. Wehmeyer schrieb einen Abschiedsbrief an seine Mutter: „Ich werde dich [sic!] liebe Mutter heute den letzten Brief schreiben. Wenn du diesen erhältst, bin ich schon bei Pappa.“ In dem langen Brief schob er das Verbrechen auf seinen Mittäter. Vor allem das Sexualdelikt stritt er ab, gab aber zumindest zu, an dem Raubüberfall mit Todesfolge beteiligt gewesen zu sein.
Am 11. Mai um 6.30 Uhr wurde er in den Hinrichtungsraum im Zellengefängnis Lehrter Straße geführt. Laut Protokoll dauerte die gesamte Prozedur nur drei Minuten und fünf Sekunden.Scharfrichter war ein gewisser Horst Schwenk. Angeblich trennte das Fallbeil den Kopf des Delinquenten nicht auf Anhieb vom Körper. Das war wohl auch ein sich wiederholendes Gerücht, das der Boulevardberichterstattung bei Hinrichtungen zu verdanken ist. Im offiziellen Bericht über die Hinrichtung steht jedenfalls davon nichts.
Auch sein Mittäter hatte ein Gnadengesuch eingereicht, das wegen fehlender Einsicht in sein Verbrechen abgelehnt wurde. Nachdem er schließlich seine Haftstrafe abgesessen hatte, bedrohte er seine inzwischen von ihm geschiedene Frau und deren neuen Ehemann und musste wohl abermals einsitzen. Viele Jahre kämpfte er noch um seine Rehabilitation. 1986 erfolgte eine letzte Dienstaufsichtsbeschwerde, 1988 verlangte er noch mal Einsicht in seine Strafakte. Danach verliert sich seine Spur.
Nach der Hinrichtung Wehmeyers wurde die letzte Berliner Guillotine demontiert und vier Jahrzehnte im Keller der Untersuchungshaftanstalt Moabit verwahrt. Danach ging die Guillotine in den Besitz des Deutschen Historischen Museums über. Von dort wurde sie als Dauerleihgabe an das Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg weitergereicht, wo sie noch heute zu besichtigen ist.
Bis zur Abschaffung der Todesstrafe fanden zwischen 1947 und 1949 im Berliner Zellengefängnis Lehrter Straße insgesamt zwölf Exekutionen statt. Vier davon waren vom Britischen Militärgericht angeordnet, acht erfolgten auf Anordnung des Landgerichts Berlin.
 
 
(aus: Ernst Reuß, Endzeit und Neubeginn. Berliner Nachkriegsgeschichten, Metropol Verlag, Berlin 2022, 282 Seiten, S. 32 ff.)
Das Blättchen vom 13. Februar 2023

Hamsun

2/2/2023

 
Der Literaturpreisträger Knut Hamsun war ein großer Bewunderer Deutschlands und Nazifreund.
Als Carl von Ossietzky 1935 den Friedensnobelpreis erhielt, äußerte Hamsun öffentlich massive Kritik und rechtfertigte die Errichtung von Konzentrationslagern. Später traf er Hitler und Goebbels.
Während der deutschen Invasion in Norwegen 1940 appellierte er an seine Landsleute: „Norweger! Werft das Gewehr weg und geht wieder nach Hause! Die Deutschen kämpfen für uns alle und brechen jetzt Englands Tyrannei über uns und alle Neutralen.“
Deutschland symbolisierte für Hamsun das „junge Europa“. Er blieb ein Freund Deutschlands bis zu seinem Tode und würdigte Hitler auch noch nach dessen Tod.
Er war und blieb bis ins hohe Alter ein Nazi. Trotzdem ist „Hunger“ ein toller Roman, mit dem ihm im Jahre 1890 sein literarischer Durchbruch gelang. Viele bedeutende Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ließen sich durch die neuartige Schreibweise von Hamsuns Erstlingswerk beeinflussen.
Der Roman schildert mit autobiographischen Zügen den Verfall eines jungen Schriftstellers und Journalisten in Kristiania, dem heutigen Oslo, der zwischen Wahnsinn, Hoffnung, Verzweiflung und Scham hungernd und obdachlos durch die Stadt streicht. Gelegentlich kann er einen Artikel an eine Zeitung verkaufen, doch reichen die Einnahmen kaum aus, Nahrung und Wohnung zu bezahlen.
„Ein ergreifendes und hinreißend lustiges Buch über den Hunger (...) ein größeres Leseerlebnis habe ich wohl nie gehabt.“ schrieb Astrid Lindgren.
Man muss das Buch nicht unbedingt lustig finden, toll geschrieben ist es auf jeden Fall und das schon im Jahre 1890.
Ein Klassiker!
 
 
Ernst Reuß

​
Knut Hamsun, Hunger, Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg nach der Erstausgabe von 1890, Manesse 2023, 256 Seiten, 25 €

Bild

Gefeierter Kollaborateur

1/2/2023

 
Das jährlich stattfindende Weimarer Dichtertreffen hieß ab 1940 „Europäisches Dichtertreffen“ und war die wichtigste literarische Veranstaltung der Nazis. Teilnehmer waren die nicht ins Exil gezwungen wichtigsten deutschen Schriftsteller - sowie ausländische Kollaborateure. Die Reise französischer Schriftsteller im Oktober 1941 zum zweiten internationalen Dichtertreffen erregte durch die Teilnahme von sieben bekannten französischen Schriftstellern, die den Kotau vor Nazigrößen machten, internationale Aufmerksamkeit. In Wien traf die Reisegruppe Baldur von Schirach, in Berlin Joseph Goebbels.
Marcel Jouhandeau war einer von ihnen. Er veröffentlichte nach dem Krieg seine Sicht auf die Reise. Die französische Originalausgabe „Die geheime Reise“ wurde 1949 zuerst ohne den Namen des Autors veröffentlicht, später bekannte er sich dazu und signierte sein Werk. Gleich zu Anfang der Reise schreibt er in seinem Tagebuch: „Alles, nur kein jüdischer Sieg, alles, nur keine jüdische Herrschaft, und das würde eine deutsche Niederlage für uns bedeuten in diesem Krieg, der ein jüdischer Krieg ist.“ 
Unverständlich bleibt, warum dem Kollaborateur Jouhandeau - im Gegensatz zu einigen seiner Reisegefährten - nach dem Krieg so großmütig vergeben wurde. Er hatte offenbar prominente Fürsprecher.
Die Tatsache, dass der Autor, der schon 1937 antisemitische Pamphlete schrieb, nach der Besetzung Frankreichs auf Einladung von Goebbels diese Rundreise machte und hinterher vor allem über seine homosexuelle Leidenschaft für einen deutschen Offizier schreibt, spricht eigentlich für sich. Es spricht auch gegen ein stark ausgeprägtes Schuldbewusstsein und für den Narzissmus des Autors. 
Die von Oliver Lubrich herausgegebene und im DVB-Verlag erstmals auf Deutsch veröffentlichte Ausgabe enthält auch das Reisetagebuch, welches die Grundlage für den Roman ist. Weiterhin enthält das schön editierte Buch einen Anhang mit Fotos und Faksimiles, sowie ein umfangreich einordnendes Nachwort der Herausgebers.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Marcel Jouhandeau: Die geheime Reise. Reisetagebuch von 1941. Herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Oliver Lubrich. DVB, Wien 2022, 254 Seiten, 24 Euro.

Bild

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


    Archiv

    Juni 2026
    Mai 2026
    April 2026
    März 2026
    Februar 2026
    Januar 2026
    Dezember 2025
    November 2025
    Oktober 2025
    September 2025
    August 2025
    Juli 2025
    Juni 2025
    Mai 2025
    April 2025
    März 2025
    Februar 2025
    Januar 2025
    Dezember 2024
    November 2024
    Oktober 2024
    September 2024
    August 2024
    Juli 2024
    Juni 2024
    Mai 2024
    April 2024
    März 2024
    Februar 2024
    Januar 2024
    Dezember 2023
    November 2023
    Oktober 2023
    September 2023
    August 2023
    Juli 2023
    Juni 2023
    Mai 2023
    April 2023
    März 2023
    Februar 2023
    Januar 2023
    Dezember 2022
    November 2022
    Oktober 2022
    September 2022
    August 2022
    Juli 2022
    Juni 2022
    Mai 2022
    April 2022
    März 2022
    Februar 2022
    Januar 2022
    Dezember 2021
    November 2021
    Oktober 2021
    September 2021
    August 2021
    Juli 2021
    Juni 2021
    Mai 2021
    April 2021
    März 2021
    Februar 2021
    Januar 2021
    Dezember 2020
    November 2020
    Oktober 2020
    September 2020
    August 2020
    Juli 2020
    Juni 2020
    Mai 2020
    April 2020
    März 2020
    Februar 2020
    Januar 2020
    Dezember 2019
    November 2019
    Oktober 2019
    September 2019
    August 2019
    Juli 2019
    Juni 2019
    Mai 2019
    April 2019
    März 2019
    Februar 2019
    Januar 2019
    Dezember 2018
    November 2018
    Oktober 2018
    September 2018
    August 2018
    Juli 2018
    Juni 2018
    Mai 2018
    April 2018
    März 2018
    Februar 2018
    Januar 2018
    Dezember 2017
    November 2017
    Oktober 2017
    September 2017
    August 2017
    Juli 2017
    Juni 2017
    Mai 2017
    April 2017
    März 2017
    Februar 2017
    Januar 2017
    Dezember 2016
    November 2016
    Oktober 2016
    September 2016
    August 2016
    Juli 2016
    Juni 2016
    Mai 2016
    April 2016
    März 2016
    Februar 2016
    Januar 2016
    Dezember 2015
    November 2015
    Oktober 2015
    September 2015
    August 2015
    Juli 2015

Powered by Create your own unique website with customizable templates.
  • Startseite
  • Blog
  • Über
  • Galerie
  • Kontakt