HISTORISCHES SACHBUCH
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Vernebelte Hirne……

17/2/2017

 
„Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne! Man muß an den Menschen verzweifeln“, schreibt Friedrich Kellner in sein Tagebuch. Verzweifelt stellte er fest, wie selbst klügerer Zeitgenossen auf die rechte Hetze hereinfielen.
Man könnte meinen, so ein Satz stamme frisch von einem an der postfaktischen Wirklichkeit verzweifelten Mitbürger, aber Kellner war ein Tagebuch schreibender deutscher Justizinspektor in der Nazizeit. Er schrieb diesen Satz am 26. September 1938 und sagte dazu später: „Ich konnte die Nazis damals nicht in der Gegenwart bekämpfen. Also entschloss ich mich, sie in der Zukunft zu bekämpfen.“ Mit seinen Augenzeugenberichten und Anmerkungen wollte er zeigen, wie es zur Nazibarbarei kommen konnte - als heilsame Mahnung für zukünftige Generationen.
Kellner, der nicht in die NSDAP eintreten wollte, wurde misstrauisch beäugt von den Nazibonzen seines Wohnortes in der hessischen Provinz. Man wollte ihn sogar in „Schutzhaft“ nehmen, kam jedoch letztendlich zur Ansicht, dass „Menschen vom Typ Kellner (…) viel zu intelligent“ seien, als dass man ihrer momentan habhaft werden könne. In der NSDAP- Ortsgruppe stellte man im März 1940 fest: „Wenn wir Leute vom Schlage Kellner fassen wollen, müssen wir sie aus ihren Schlupfwinkeln herauslocken und schuldig werden lassen. Ein anderer Weg steht zur Zeit nicht offen. Zu einem Vorgehen ähnlich dem seinerzeit gegen die Juden ist die Zeit noch nicht reif. Das kann erst nach dem Krieg erfolgen.“
Bis zum Kriegsende füllte Kellner zehn Hefte mit Kommentaren, Notizen, Zeitungsausschnitten, den sich mehrenden Todesanzeigen und Todesurteilen. Mitunter rechthaberisch, aber auch äußerst hellsichtig analysierte er die beschönigenden Heeresberichte und ordnete sie zumeist richtig ein. Interessant nicht nur seine Kommentare, sondern auch die Faksimile der Zeitungsartikel.
Das in zwei editierten Bänden erschienene 939 Seiten zählende Tagebuch aus den Jahren 1939 bis 1945 ist ein außergewöhnliches Zeitdokument und zeigt, wie genau die Leute auch in der Provinz Bescheid wissen konnten, wenn sie nicht die Augen verschlossen. Kellner wusste von der Euthanasie im Reich, als auch von Massakern an russischen Kriegsgefangenen und Juden im Osten.
Umso unglaubwürdiger das hartnäckige Leugnen im Nachkriegsdeutschland, dass man von nichts gewusst habe.
Bereits am 28. Oktober 1941 berichtet Kellner: „Ein in Urlaub befindlicher Soldat berichtet als Augenzeuge fürchterliche Grausamkeiten in dem besetzten Gebiet in Polen. Er hat gesehen, wie nackte Juden u. Jüdinnen, die vor einem langen, tiefen Graben aufgestellt wurden, auf Befehl der SS von Ukrainern in den Hinterkopf geschossen wurden u. in den Graben fielen. Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!!“
Kellner schrieb Ende 1941: „Die Nationalsozialisten sind stolz auf ihr Tierschutzgesetz. Aber die Drangsale, die sie den Juden angedeihen lassen, beweist, daß sie die Juden schlechter als die Tiere gesetzlich behandeln. Diese grausame, niederträchtige, sadistische, über Jahre dauernde Unterdrückung mit dem Endziel Ausrottung ist der größte Schandfleck auf der Ehre Deutschlands. Diese Schandtaten werden niemals wieder ausgelöscht werden können.“
Auch aus Kellners unmittelbarer Umgebung wurden jüdische Familien deportiert. Kellner wusste was ihnen blühte und schrieb: „Von gut unterrichteter Seite hörte ich, daß sämtliche Juden nach Polen gebracht u. dort von SS-Formationen ermordet würden. Diese Grausamkeit ist furchtbar. Solche Schandtaten werden nie aus dem Buche der Menschheit getilgt werden können. Unsere Mörderregierung hat den Namen ‚Deutschland‘ für alle Zeiten besudelt.“
Die Tagebücher wurden zwar schon 2011 vom Wallstein Verlag veröffentlicht, sind aber gerade in heutigen Zeiten, in der es wieder genug vernebelte Hirne gibt, mehr als aktuell.
200 Seiten Anmerkungen ergänzen das Werk, das eine Anschaffung wert ist, um sich vor Augen zu führen, wie „die Verneblung der Hirne“ bei entsprechender Propaganda schnell voranschreiten kann.
Kellner zitiert Adolf Hitlers Satz aus „Mein Kampf“: „Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.“ Mit Fakten hatte die von Kellner dargestellte Propaganda der Nazis, gerade am Ende des Krieges, nicht mehr das Geringste zu tun. Das Tagebuch endet am 17. Mai 1945 mit unverhohlener Freude über den Niedergang der Nazis. Für kurze Zeit wurde Kellner, der 1970 starb, stellvertretender Bürgermeister seines Wohnortes Laubach.
Sein in den USA gebürtiger Enkel, sorgte schließlich für die Veröffentlichung der Tagebücher. Zuerst in der George Bush Presidential Library in Texas.
Wie das zustande kam und das nicht so glückliche Schicksal der Nachfahren Kellners ist eine eigene Geschichte. Sie wird zum Schluss des zweibändigen Werkes kurz angerissen.
George Bush Presidential Library in Texas.
Wie das zustande kam und das nicht so glückliche Schicksal der Nachfahren Kellners ist eine eigene Geschichte. Sie wird zum Schluss des zweibändigen Werkes kurz angerissen.
 
Ernst Reuß
 
Friedrich Kellner, „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne“, Tagebücher 1939-1945, herausgegeben von Sascha Feuchert, Robert Martin Scott Kellner, Erwin Leibfried, Jörg Riecke und Markus Roth, Wallstein Verlag, Göttingen, 2 Bde., 1134 S., 104 Abb., 59,90 €.
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Artikel im ND vom 27. Januar 2018

Erich Mielke und die Berliner Justiz

2/2/2017

 
Trotz Berlinblockade existierte bis 1949 immer noch eine einheitliche Berliner Justiz. Man glaubte, dadurch einer endgültigen Spaltung Berlins entgegenwirken zu können.
Jedoch kriselte es heftig in der Berliner Justiz.
Ein Grund dafür waren die unterschiedlichen Auffassungen zur Bestrafung von Kriegsverbrechern.
Nach Auffassung der Sowjets wurde dies nur nachsichtig und milde bestraft. Bereits am 29. Mai 1947 war deswegen Generalstaatsanwalt Kühnast, der im Ostsektor wohnte, suspendiert und unter Hausarrest gestellt worden.
Von westlicher Seite wurde der Arrest Kühnasts damit in Verbindung gebracht, dass er beabsichtigt hatte, gegen Erich Mielke, dem späteren Stasi-Chef, Anklage zu erheben. Vor Erlass eines Haftbefehls hatte sich Kühnast daher vorsichtshalber mit der russischen Militärverwaltung in Verbindung gesetzt. Vielleicht war das sein Fehler.
Mielke wurde vorgeworfen 1931 – am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz – zwei Polizeibeamte erschossen zu haben. Nach der Tat war er in die Sowjetunion geflüchtet und nun nach Berlin zurückgekehrt. Er war inzwischen Leiter der Polizeiinspektion Berlin-Lichtenberg und war im Zentralkomitee für Polizei und Justiz zuständig.
In einer Untersuchung konnten Kühnast keine sonstigen Verfehlungen nachgewiesen werden. Die Westalliierten ordneten seine Freilassung an, was auf die Sowjetische Militärverwaltung jedoch keinen Eindruck machte. Kühnast blieb nach wie vor in Hausarrest.
Erst am 3. August 1948 konnte er seinen Bewachern entwischen und flüchtete in den Westsektor. Nach insgesamt 431 Tagen!
Ob Kühnasts Hauarrest tatsächlich mit seinen Ermittlungen gegen Mielke zu tun hatte, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.
1993 wurde Mielke wegen zweifachen Polizistenmordes rechtskräftig zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
 
(aus Ernst Reuß: Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern, S. 116 ff.)
 


    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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