HISTORISCHES SACHBUCH
  • Startseite
  • Blog
  • Über
  • Galerie
  • Kontakt

Teske

21/7/2021

 
In der DDR wurde die Todesstrafe erst nach ungefähr 160 Hinrichtungen Ende 1987 abgeschafft. Die Vollstreckungen wurden auch vor den Angehörigen oft vollständig geheim gehalten. Zahl und Art der Hinrichtungen wurden daher erst nach der politischen Wende bekannt.
Das letzte Opfer war der 1942 geborene MfS-Hauptmann Dr. Werner Teske. Er hatte zuvor an der Humboldt-Universität Finanzökonomie studiert und promovierte 1969. Eigentlich schwebte ihm eine wissenschaftliche Karriere vor. Doch schon 1967 war er als IM „Tesla“ angeworben worden und arbeitete nach dem Rigorosum hauptamtlich an der Stasizentrale in Berlin - Lichtenberg.
Gunter Lange zeichnet im gerade im Linksverlag erschienen Buch „Der Nahschuss“, den Lebensweg Teskes von seiner Kindheit in Berlin über das Studium, seine Tätigkeit als Führungsoffizier für Westspione und den Prozess gegen ihn akribisch nach.
Teske wurde zum Agentenführer, der häufig im Westen war, wo er zum Beispiel bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 und bei der Winterolympiade 1976 in Innsbruck für die Westdevisen der streng ausgewählten „Reisegruppe“ zuständig war und dies auch zu Unterschlagungen für die Familie nutzte. Teske hatte Eheprobleme, trank zuviel, war unzufrieden mit seinem Job und in Österreich hatte es ihm gefallen. 
Laut Urteil soll Teske „keine innere Bindung zum Staat der Arbeiter und Bauern gezeigt haben.“ Die vom Angeklagten begangenen Verbrechen seien „von außerordentlich hoher Gesellschaftsgefährlichkeit und vom skrupellosen Verrat an der Arbeiter-und-Bauern-Macht durchdrungen“ hieß es im Urteil.
Teskes Verbrechen war, dass er sich darüber Gedanken gemacht hatte mit Informationen in den Westen zu flüchten. Dafür hatte er auch geheime Dokumente gesammelt. Wegen seiner Familie wagte er die Flucht dann aber doch nicht.
Er wurde “wegen vorbereiteter und vollendeter Spionage im besonders schweren Fall in Tateinheit mit vorbereiteter Fahnenflucht im schweren Fall zum Tode verurteilt.“
Rechtsstaatliche Ansprüche erfüllte das Urteil keineswegs. Es sollte wohl ein Exempel statuiert werden, denn kurz zuvor war es einem Kollegen Teskes gelungen in den Westen zu flüchten. Teske sei an Herzversagen gestorben erfuhr die Familie später aus der Sterbeurkunde.
Die Vollstreckung des Todesurteils erfolgte am 26. Juni 1981 und geschah, durch – wie es im schönsten Behördendeutsch hieß – „unerwarteten Nahschuss in das Hinterhaupt“. Ort der Hinrichtung war die damalige Hausmeisterwohnung der Leipziger Strafvollzugsanstalt.
Dorthin war er am frühen Morgen aus der Untersuchungshaftanstalt Berlin - Hohenschönhausen gebracht worden. Er solle verlegt werden, wurde dem Häftling mitgeteilt.
Beim Betreten des extra dafür eingerichteten Hinrichtungsraums in Leipzig trat der letzte Henker der DDR - Hauptmann Hermann Lorenz - unvermittelt von hinten an den Verurteilten heran und gab ihm mit einer schallgedämpften Pistole einen Genickschuss.
Kaum eine Minute zuvor hatte der Staatsanwalt dem wohl verdutzten Teske eröffnet: „Ihre Hinrichtung steht unmittelbar bevor“, denn „der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“, also Erich Honecker, habe davon abgesehen ein Gnadenverfahren einzuleiten.
Bereits im Dezember 1979 und im Juli 1980 waren ein Major der Stasi und ein ehemaliger Fregattenkapitän im Nachrichtendienst auf dieselbe Weise umgebracht worden.
Das Urteil gegen Teske wurde 1993 als rechtsstaatswidrig annulliert. 1998 wurden der Richter und der Staatsanwalt des Urteils zu vier Jahren Haft verurteilt.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Gunter Lange: „Der Nahschuss. Leben und Hinrichtung des Stasi-Offiziers Werner Teske“, Links Verlag, Berlin 2021, 256 S., 22 Euro.
Bild

Der Mann mit der Mütze

11/7/2021

 
Die Biografie über einen hervorragenden, feinsinnigen Fußballer und späteren Fußballtrainer ist gleichzeitig auch ein historischer Abriss der neueren deutschen Geschichte.
Helmut Schön, der erfolgreichste Fußballtrainer der Welt, wurde 1915 als Sohn eines Dresdener Kunsthändlers geboren. Dort wurde der technisch versierte Stürmer zweimal deutscher Meister und erzielte für die Nationalelf in 16 Länderspielen 17 Tore. Zu mehr Länderspielen kam es nicht, was an seiner Verletzungsanfälligkeit und am Krieg lag, obwohl er auch während des „totalen Krieges“ nur wenige Wochen an die Front musste.  
Schöns Fußballerkarriere in der Nazizeit, sein Überleben im bombardierten Dresden, seine Konflikte mit Funktionären und sein Verhältnis zur Spielergeneration um Netzer und Breitner in den rebellischen siebziger Jahre, bilden die Geschichte Deutschlands in jenen Jahren ab.
Schön war Nationaltrainer in der DDR, im autonomen Saarland - wo er zur WM-Qualifikation 1954 auf Sepp Herbergers Team traf - und später in der BRD. Erst als Assistenztrainer, ab 1964 dann als Cheftrainer.
Schöns Karriere begann zwar während der Nazizeit. Ein Nazi war er trotzdem nie, ein Widerständler aber auch nicht. Politisch hielt er sich immer bedeckt, auch wenn jüdische Freunde der Familie Schön sich umbrachten oder deportiert wurden. In der frisch gegründeten DDR wurde er kurz Nationaltrainer, bevor er in Ungnade fiel und in den Westen floh.
Schön wurde dann in der BRD Nachfolger von Sepp Herberger, was dieser anscheinend eher schwer verkraftete, denn nun lästerte er unentwegt über seinen Nachfolger, den er einst gefördert hatte. Kleinkarierte Boshaftigkeiten über seinen Nachfolger notierte er in seinem Nachlass, um sie der Nachwelt zu hinterlassen.
Helmut Schön, ein eher konservativer Mann, pflegte einen ganz anderen Führungsstil als seine Vorgänger im Amt des Bundestrainers und gab den mündigen Spielern - so wie er selbst einer war - Mitspracherechte. Schön war bekannt für seine kultivierte Art und seine leisen Töne. Er galt als Schöngeist und Fußballästhet. Auch deswegen spielte die Nationalmannschaft unter Schöns Führung meist einen wunderbar offensiven und erfolgreichen Fußball, der noch heute Fußballromantiker vor Wonne seufzen lässt.
Schön wurde gefeierter Zweiter und Dritter bei den Weltmeisterschaften 1966 und 1970. Er wurde mit Zauberfußball 1972 Europameister. 1974 wurde er sogar noch Weltmeister und 1976 nach Elfmeterschießen Vizeeuropameister.
Nach seiner Karriere wurde es ruhig um ihn. Später bekam er Alzheimer. Schön starb am 23. Februar 1996.
Das 2017 zum Fußballbuch des Jahres gewählte Buch von Bernd-M. Beyer ist nicht nur ein historisches Sachbuch, sondern auch ein Fußballbuch, denn die Berichterstattung einzelner Spiele kommt nicht zu kurz. Außerdem enthält es eine Unmenge bislang unbekannter Details, wie zum Beispiel Schöns lebenslange Freundschaft zu Ignatz Bubis, dem späteren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Bernd-M. Beyer, Helmut Schön, Eine Biografie, 2., durchgesehene Auflage, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2018, 544 Seiten, 28 €

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


    Archiv

    Juni 2026
    Mai 2026
    April 2026
    März 2026
    Februar 2026
    Januar 2026
    Dezember 2025
    November 2025
    Oktober 2025
    September 2025
    August 2025
    Juli 2025
    Juni 2025
    Mai 2025
    April 2025
    März 2025
    Februar 2025
    Januar 2025
    Dezember 2024
    November 2024
    Oktober 2024
    September 2024
    August 2024
    Juli 2024
    Juni 2024
    Mai 2024
    April 2024
    März 2024
    Februar 2024
    Januar 2024
    Dezember 2023
    November 2023
    Oktober 2023
    September 2023
    August 2023
    Juli 2023
    Juni 2023
    Mai 2023
    April 2023
    März 2023
    Februar 2023
    Januar 2023
    Dezember 2022
    November 2022
    Oktober 2022
    September 2022
    August 2022
    Juli 2022
    Juni 2022
    Mai 2022
    April 2022
    März 2022
    Februar 2022
    Januar 2022
    Dezember 2021
    November 2021
    Oktober 2021
    September 2021
    August 2021
    Juli 2021
    Juni 2021
    Mai 2021
    April 2021
    März 2021
    Februar 2021
    Januar 2021
    Dezember 2020
    November 2020
    Oktober 2020
    September 2020
    August 2020
    Juli 2020
    Juni 2020
    Mai 2020
    April 2020
    März 2020
    Februar 2020
    Januar 2020
    Dezember 2019
    November 2019
    Oktober 2019
    September 2019
    August 2019
    Juli 2019
    Juni 2019
    Mai 2019
    April 2019
    März 2019
    Februar 2019
    Januar 2019
    Dezember 2018
    November 2018
    Oktober 2018
    September 2018
    August 2018
    Juli 2018
    Juni 2018
    Mai 2018
    April 2018
    März 2018
    Februar 2018
    Januar 2018
    Dezember 2017
    November 2017
    Oktober 2017
    September 2017
    August 2017
    Juli 2017
    Juni 2017
    Mai 2017
    April 2017
    März 2017
    Februar 2017
    Januar 2017
    Dezember 2016
    November 2016
    Oktober 2016
    September 2016
    August 2016
    Juli 2016
    Juni 2016
    Mai 2016
    April 2016
    März 2016
    Februar 2016
    Januar 2016
    Dezember 2015
    November 2015
    Oktober 2015
    September 2015
    August 2015
    Juli 2015

Powered by Create your own unique website with customizable templates.
  • Startseite
  • Blog
  • Über
  • Galerie
  • Kontakt