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Zwei historisch interessante Krimis sind kürzlich erschienen. Einer handelt von einem realen Kriminalfall aus den „Goldenen Zwanzigern“ in Berlin, in den Prominente verwickelt waren. Der andere handelt vom Fall des fiktiven Kriminalassistenten der Mordkommission Karl Raben und ist der dritte Teil einer historischen Krimireihe aus Berlin.
Seit dem riesigen Erfolg von „Babylon Berlin“ boomen derartige Krimis und orientieren sich an ihrem Vorbild. Es geht hier um die letzten Tage und Wochen der Weimarer Republik und um die endgültige Machtübernahme durch die Nazis. Als jüdische Juweliere überfallen werden, übernimmt Raben im dritten Teil „Zeit des Terrors“ mit seinem Kollegen die Ermittlungen. Sie stoßen auf eine Nazi-Verschwörung. Daneben soll er auf Wunsch Heydrichs Befestigungsanlagen an der Grenze zur Tschechoslowakei ausspionieren. Hitler ist entschlossen Krieg zu führen. Jeden Tag muss Raben fürchten, dass sein doppeltes Spiel als Regimegegner und SS-Angehöriger auffliegt. Großen Gefallen hat der Autor Christian v. Ditfurth dabei offensichtlich an „witzigen Dialogen“, was mitunter sehr konstruiert wirkt. Eine Vielzahl an Nebendarstellern aus den Reihen der Polizei, aus Nazigrößen und führenden Kommunisten, sollen dennoch ein glaubhaftes historische Bild schaffen. Unter den Figuren, die in der Krimireihe eine Rolle spielen sind unter anderem Kriminalrat Gennat, Reichskriminaldirektor Nebe, Thälmann, Kippenberger, Goebbels und Heydrich, an den Raben nach der Machtübernahme seine Seele verkaufen muss und Mitglied der SS wird. Leider etwas langatmig und die sich „running gags“ sind eher schal. Ganz anders der Krimi von Ralf Günther „Die Könige von Babelsberg“ und dem Untertitel „Fritz Lang und die Akte Rosenthal“. Sehr spannend erzählt wird darin eine Episode aus dem Leben des weltbekannten Regisseurs Fritz Lang. Elisabeth Rosenthal war Langs erste Ehefrau und starb am 25. September 1920 in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Wilmersdorf laut ärztlichem Befund durch „Brustschuss“. Lang war währenddessen anwesend. Man vermutete trotzdem einen Unglücksfall, Lang wurde von der Polizei nicht sonderlich bedrängt und heiratete zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Ehefrau, seine Drehbuchautorin Thea von Harbou. Sie schrieb die Drehbücher zu einigen der bekanntesten deutschen Stummfilme – so zum Beispiel zum Klassiker Metropolis von Fritz Lang. Es gab Gerüchte, dass sich Langs erste Ehefrau das Leben nehmen wollte, nachdem sie ihren Mann inflagranti mit Thea von Harbou erwischte und sich der Schuss beim Versuch ihr die Waffe zu entwenden löste. Darauf beruht letztendlich der Krimi von Günther. Kommissar Walter Beneken versucht das Verbrechen aufzuklären, seine Vorgesetzten wollen eher, dass der Fall als Unfall ad acta gelegt wird, während der Kommissar selbst in das wilde Berlin der 20er Jahre eintaucht. Das alles liest sich prima, auch wenn die im Nachwort zu Papier gebrachten historischen Schlussfolgerungen des Autors nicht überzeugen. Dort versucht er das Werk von Fritz Lang und Thea von Harbou mit dem Trauma vom 25. September 1920 zu erklären. Sie sei aufgrund der unbewältigten Schuld so erschüttert gewesen, dass sie letztendlich daran zugrunde ging. Harbou starb 1954 als Ehrengast der Berlinale nach der Vorführung eines gemeinsamen mit Lang produzierten Filmes. Beim Verlassen des Kinos stürzte sie auf einer Treppe schwer und erlag fünf Tage später im Alter von 65 Jahren in einem Berliner Krankenhaus ihren Verletzungen. Fritz Lang wurde 86 und starb 1976 in Hollywood. Ernst Reuß Christian v. Ditfurth, Zeit des Terrors. Der dritte Fall für Karl Raben: Kriminalroman. C. Bertelsmann Verlag, München 2024, 512 Seiten, 24 €. Ralf Günther Die Könige von Babelsberg Fritz Lang und die Akte Rosenthal, Kindler Verlag, Hamburg 2024, 272 Seiten 24 €.
Der Historiker Michael Braun ist Italien-Korrespondent der taz und Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom. In seinem Buch „Von Berlusconi zu Meloni. Italiens Weg in den Postfaschismus“ geht er der Frage nach was der Wahlsieg Melonis für Italiens Demokratie und für die Zukunft Europas bedeutet.
Bereits 1994 war in Italien das traditionelle Parteiensystem zusammengebrochen, als ein durchgängiges System an Schmiergeld-Zahlungen von Politikern und Unternehmern aus dem ganzen Land öffentlich wurde. Der rechte Populist Silvio Berlusconi nutzte die Gunst der Stunde. Obwohl er in unglaubliche Skandale verstrickt war, wurde er mehrfach wiedergewählt. Ob in den Niederlanden, in Frankreich und möglicherweise bald auch in Deutschland, überall in Europa rütteln Rechtsextreme an den Pfeilern der Demokratie. Bei den Parlamentswahlen in Italien aber holte Giorgia Meloni 2022 das Schreckgespenst des Faschismus zurück. „Fratelli d’Italia“, als Nachfolgerin der neofaschistischen „Movimento Sociale Italiano“ im Jahr 2012 gegründet, ist die erste westeuropäische Partei, die in direkter Linie zum Faschismus steht und nun regiert. Braun zeigt, dass Italiens problematisches Verhältnis zum Faschismus tiefgreifender ist als viele denken und zeigt auch wie Berlusconi lange vor Meloni die radikal rechten Kräfte wieder salonfähig machte. Die lange Berlusconi-Periode sei die Voraussetzung des aktuellen Erfolges von Meloni gewesen. Bereits 2008 war Meloni als Ministerin für Jugend ins Kabinett Berlusconi eingezogen. „Seit 1994 hatten immer wieder Minister der Lega und der Fratelli d’Italia bei Berlusconi am Kabinettstisch gesessen. Umgab nicht auch sie deshalb eine Aura der Normalität?“, schreibt Braun. Mit den „Fratelli d’Italia“, der „Forza Italia“ und der „Lega“ gibt es drei einschlägige rechte Parteien in Italien. Bei den Europawahlen im Juni 2024 erhielt die Rechtsallianz zusammen 47 Prozent. Wieso bekommen diese Parteien so viel Zustimmung, fragt sich nicht nur der Autor. Giorgia Meloni war bereits bei der italienischen Parlamentswahl 2022 mit rund 26 % klar stärkste Kraft geworden. Die Wahlsiegerin versicherte in ihrer Regierungserklärung, sie habe für den Faschismus „nie Nähe oder Sympathie empfunden“, auch wenn sie selbst 1992, mit gerade mal 15 Jahren, in den damals noch offen neofaschistischen „Movimento Sociale Italiano“ eingetreten war. Von den faschistischen Wurzeln redete Meloni in ihrem Wahlkampf nie. Und auch die allzu heftigen rechtspopulistischen Positionen hatte sie bei den zahlreichen Auftritten kaum thematisiert. Bei Giorgia Melonis Auftritten ging es nie um konkrete Aussagen, sondern darum, die eigene Klientel mit den immer gleichen Parolen zu bedienen. Dabei versuchte sie die anderen Wähler, ebenso wie das besorgte Ausland, mit beschwichtigenden Beteuerungen zu überzeugen. Selbstverständlich werde Italien alle europäischen Verträge einhalten und „die geltenden Regeln respektieren“, ließ sie wissen. Auch nach ihrem Wahlsieg blieb Meloni dabei. Dennoch, die Tatsache dass im Jahr 2022 erstmals eine Postfaschistin zur Regierungschefin Italiens wurde, markiert einen Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte des Landes. Nicht nur ein Kulturkampf findet inzwischen in Italien statt, sondern Italien soll mit einer Verfassungsreform umgebaut werden. Ein mittels Direktwahl starker Mann - oder eine starke Frau - soll die Regierung und das Parlament völlig in der Hand haben. Was auf den ersten Blick wie mehr Demokratie erscheint, würde auf eine Gefährdung der Gewaltenteilung hinauslaufen, so der Autor in seinem gut lesbaren Buch. Ernst Reuß Michael Braun, Von Berlusconi zu Meloni. Italiens weg in den Postfaschismus, Bonn 2024 (J. H. W. Dietz), 200 S., 20 Euro.
010 wurde in Berlin die Studie über die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes präsentiert, mit dem Fazit, dass die Behörde tief in den Holocaust verstrickt gewesen war.
Joschka Fischer, der die Studie initiiert hatte und mit einigen Millionen Euro finanzieren ließ, durfte danach wieder einmal auf allen Kanälen präsent sein. Überall, außer möglicherweise von so manchem altgedienten Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, wurde er mit Lob überschüttet. Er hatte scheinbar den Mantel des Schweigens endlich gelüftet. Das Bild einer Reisekostenabrechnung des Auswärtigen Amtes sah man in vielen Tageszeitungen, bei dem der Zweck der Reise handschriftlich mit „Liquidation von Juden in Belgrad“ bezeichnet wurde. Offenbar hatte zuvor nie jemand daran gedacht die Machenschaften des Auswärtigen Amtes beim Holocaust näher zu betrachten. Dem war aber nicht so. Das Dokument der Reiseabrechnung ist nicht neu. Es befand sich schon in Prozessakten und Christopher Browning hatte es bereits 1978 in seiner Dissertation über die Mitwirkung des Auswärtigen Amtes bei der „Endlösung“ zitiert. Das Buch gab es bisher nur in englischer Sprache. Niemand in Deutschland hatte anscheinend Interesse an einer Übersetzung. „Macht es Sinn, ein Buch zum Holocaust mehr als 30 Jahre nach seinem ersten Erscheinen nunmehr in deutscher Sprache zu publizieren? Gerade ein Schlüsselthema wie die Rolle des Auswärtigen Amtes bei der Umsetzung der „Endlösung der Judenfrage“ (…), so möchte man hoffen, sollte in der Fülle neuer Bücher (…) vertreten sein. Doch diese Hoffnung trügt.“ So beginnt das nunmehr übersetzte Buch Brownings, der schon vor vielen Jahren mit dem Titel „Ganz normale Männer“, der Geschichte eines deutschen Polizeibataillons und dessen Verwicklungen bei der Judenvernichtung, einen Volltreffer gelandet hatte. Es ist erstaunlich, aber auch bezeichnend, dass Brownings Buch erst jetzt, nach über dreißig Jahren, ins Deutsche übersetzt worden ist. Browning berichtet detailliert über die Verwicklungen der „Abteilung Deutschland“ im Auswärtigen Amt bei der Deportation von ausländischen Juden in die Vernichtungslager oder bei dem Versuch die Auswanderung, auch von Kindergruppen, nach Palästina zu verhindern. Er dokumentiert nach Staaten geordnet, wann, an welchen Orten und in welchem Umfang dies geschehen ist. Im Anhang kann man in chronologischer Reihenfolge alle maßgebenden Behördenaktionen nachvollziehen. Browning wertete dazu Bestände des Politischen Archivs aus und durchforstete Prozessakten aus der Nachkriegszeit gegen ehemalige Mitarbeiter der Behörde. Jeder hätte sich in den frei zugänglichen Beständen darüber informieren können. Laut Browning war der kurz nach dem Krieg gestorbene Abteilungsleiter der „Abteilung Deutschland“, Martin Luther, ein amoralischer hemmungsloser Karrierist und Speichellecker, der wohl für jedes Regime gearbeitet hätte. Seine Mitarbeiter seien nichts weiter als äußerst karrierebewusste, aber unauffällige Bürokraten gewesen. Politische Wendehälse ohne eigene Überzeugung, denen eine Handlung, die „ihren Ruf als tüchtige und zuverlässige Mitarbeiter geschadet hätte“ unvorstellbar gewesen wäre. Sie bedurften keines expliziten „Führerbefehls“ um im vorauseilenden Gehorsam jede Andeutung des „Führerwillens“ in die Tat umzusetzen. Luthers Chef, Ernst von Weizäcker, einer von der „alten Garde“, war ein Bürokrat ohne Rückgrat, wie Browning zitiert. Mitunter gab es zwar von der „alten Garde“ Kritik wegen der Judenpolitik. Vor allem aber deswegen weil man befürchtete, „die Judenfrage“ könnte Deutschlands internationale Position schädigen. Man war entschlossen, den Ruf Deutschlands und dessen Ehre, gegen unberechtigte und unbefugte Eingriffe des Auslands in innere Angelegenheiten zu verteidigen. Browning dazu: „Drei Monate nach der Machtergreifung und auch auf eigene Initiative hatten die Führungsetagen des Auswärtigen Amtes also offiziell der weltweiten Verbreitung der krudesten Form von antisemitischer Propaganda zugestimmt, um Deutschlands Ruf und Ehre zu verteidigen.“ Interessant auch das weitere Schicksal der Mitarbeiter der Unterabteilung für „Judenfragen“ des Auswärtigen Amtes, von denen einige doch noch vor Gericht landeten und alles auf einen „Bürolehrling Peters“ schoben, dessen physische Existenz jedoch nie jemand nachweisen konnte. Die Gerichte wollten den Angeklagten dennoch allzu gerne glauben. Der Mitarbeiter, der seine Reisekostenabrechnung mit „Liquidation von Juden in Belgrad“ begründet hatte, wurde 1952 wegen des dortigen Massakers lediglich wegen Beihilfe zum Totschlag verurteilt. Er hatte die dort zuständigen Bürokraten überzeugt, 1500 Juden nicht zu deportieren, sondern „das Problem“ vor Ort zu erledigen. Dies sei jedoch nicht aus niedrigen und grausamen Beweggründen geschehen, sondern weil man eine Bedrohung der Sicherheit gesehen habe, so das Gericht. Er bekam 3 Jahre und 5 Monate, entzog sich aber der weiteren Haft durch Flucht. Erst 1968 wurde er aufgrund einer Berufung wegen Beihilfe zum Mord von Juden in Serbien und Rumänien zu 5 Jahren verurteilt, wurde allerdings wegen seines Alters, seines Gesundheitszustandes und da er bereits einen Teil in Untersuchungshaft abgesessen hatte, freigelassen. Insgesamt ein interessantes Stück Zeitgeschichte. Eine lesenswerte und lesbare Dissertation. Christopher Browning war übrigens seltsamerweise nicht in die Expertengruppe der neuen Studie berufen worden. Ernst Reuß Christopher Browning: Die „Endlösung“ und das Auswärtige Amt. Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940-1943. Aus dem Amerikanischen von Claudia Kotte. WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010. 320 Seiten, 49,90 EUR.
Das dort 1975 erschienene Buch „Feuerdörfer“ von Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik ist ein bedeutendes Werk der belarussischen Literatur geworden. „Feuerdörfer“ berichtet vom Zweiten Weltkrieg und von den Nazigräuel in Weißrussland.
Das Buch enthält ausschließlich Zeugnisse von Menschen, die die Massaker in den belarussischen „Feuerdörfern“ während des Zweiten Weltkriegs überlebt haben. Sie erlebten die Zerstörung ihres Dorfes, die Ermordung ihrer Verwandten und die Massakrierung ihrer Nachbarn. Um diese Zeitzeugen zu befragen, bereisten die Autoren mit einem Tonbandgerät 147 Dörfer und zeichneten die Erinnerungen von mehr als 300 Personen auf. Die Verfasser hatten mit ihren Interviews die Geschichte mehrerer solcher niedergebrannten Dörfer dokumentiert. Erstmals wurden damit die unvergleichlichen Gräuel der Wehrmacht in Belarus beschrieben. Mehr als 9 200 Dörfer und Städte sind während der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944 ganz oder teilweise zerstört worden. Im Vorwort der belarussischen Ausgabe hieß es: „Auf den Seiten dieses Buches sind Menschen versammelt, die durchs Feuer gegangen sind, die schon unter der Erde waren. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Menschen aus den Feuerdörfern sind hier versammelt um Zeugnis abzulegen, Fragen zu stellen, zu urteilen, zu erzählen, was zu wissen entsetzlich und was zu vergessen gefährlich ist.“ Bis Anfang der 1980er Jahre wurde „Feuerdörfer“ ins Ukrainische, Polnische, Bulgarische, Tschechische, Ungarische und Englische übersetzt. Weder in der BRD, noch in der DDR war es erschienen. Ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung ihres erschütternden Buches über die „Feuerdörfer“ und fast achtzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist das Buch von Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik nun unter dem Titel “Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten” im Aufbau Verlag erschienen. Mit der Übersetzung von Thomas Weiler liegt das Buch nun erstmalig auf Deutsch vor. Es wurde Zeit! Ernst Reuß Ales Adamowitsch, Janka Bryl, Uladsimir Kalesnik. Übersetzer:in: Thomas Weiler, Feuerdörfer, Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten, Aufbau Verlag, Berlin 2024, 587 Seiten, 39 €.
Helmut Frangenberg schreibt sehr spannend und empathisch über die Endphase des Krieges und über die unmittelbare Nachkriegszeit in Köln. Es geht nicht nur, aber auch um wahre Kriminalfälle.
Der Autor ist Redakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger, macht den Podcast True Crime Köln und hat zahlreiche Bücher zu Köln veröffentlicht. Die Zeit zwischen dem Ende der Nazis und dem Neuaufbau war natürlich auch in Köln eine Zeit voller Verwerfungen. Die Trümmer mussten aufgeräumt werden und ein demokratisches System sollte nun hier entstehen. Doch Nazis waren plötzlich Widerstandskämpfer und ihre Opfer waren Außenseiter in der neu entstehenden Gesellschaft. Auch das beschreibt Frangenberg im gesellschaftlichen und politischen Kontext sehr verständig und nachvollziehbar. Beispielsweise berichtet er von der Juristin Elsbeth von Ameln. Während der Nazizeit durfte sie wegen ihrer jüdische Vorfahren ihren Beruf als Anwältin nicht ausüben und musste sich verstecken, um nicht deportiert zu werden. Bereits einen Monat nach der Befreiung Kölns durch die US Army wurde Elsbeth von Ameln am 2. April 1945 als Strafverteidigerin am amerikanischen Militärgericht zugelassen. Fortan musste sie mit Richtern und anderen Juristen zusammenarbeiten, die schon in der NS-Zeit aktiv waren, was sicherlich nicht so ganz einfach war. Sie wird auch in einigen der Fälle tätig, über die Frangenberg schreibt. Frangenberg profitierte in seinem Buch „Köln in Trümmern“ von der Arbeit des früheren Kölner Kripochefs, der geklärte und ungeklärte Mordfälle zwischen 1944 und 1949 ausgewertet hatte. Darauf basiert das gut zu lesende Buch. Gerichtsakten und Zeitungsberichte gab es kaum noch und so wurden es schließlich mehr als ein Dutzend wahre Kriminalfälle aus jener Zeit, die von ihm fesselnd und gelungen aufbereitet wurden. Es gibt eine Frau, die ihren Peiniger im Schlaf umbringt und danach im Bombenkrater verscharrt und es gibt den Kölner Mitarbeiter der Kripo, der 1944 selbst zum Mörder wurde, als er seine Diebeskomplizen erschoss und dafür von den Nazis gefeiert wurde. Gegen Diebe und Plünderer ging man in der Endphase des Krieges schließlich rigoros vor. Er wollte jedoch nur Zeugen beseitigen, die ihm gefährlich hätten werden können. Erst nach dem Krieg kam man ihm auf die Schliche, was 1947 zu seiner Hinrichtung führte. Es gibt den toten Nazi im Brunnenschacht und die Metzgersfrau, die sich ihres lästigen Ehemanns in der Jauchegrube entledigte. Dank der britischen Kronzeugenregelung, bei dem sie ihren Geliebten belastete, wäre die „Zeugin der Königin“ fast straffrei davon gekommen und hätte ihr beachtliches Erbe genießen können. Doch 1954 wurde sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch der geflohene Geliebte wurde schließlich gefasst und verurteilt. Desweiteren geht es um Tragödien, wie bei der Tochter, die ihrer jüdischen Mutter beim Selbstmord assistiert hatte. Oder es geht um den Tod eines Hitlerjungen, den die Mörder zu einem Akt des Widerstands stilisierten, um der Guillotine zu entgehen. Es sind jedoch nicht nur Morde, sondern auch anderen Fälle aus der wilden Nachkriegszeit. Ein Tresorknacker, mit seltsamen Motiven, der Hausmeisters des Kölner Kunstvereins, der sich als talentierter Fälscher entpuppte und ein Vermögen mit seiner Begabung machte. Zum Abschluss gibt es dann erschütternde Feldpost und letzte Briefe eines Soldaten, der von der Ardennen Offensive nie mehr zurückkam. Kurz bevor die Amerikaner Köln einnahmen, starb er. Der Autor folgt seinen Spuren zusammen mit dessen Schwester und den Enkeln. Auch das ausgesprochen lesenswert. Ernst Reuß Helmut Frangenberg: Köln in Trümmern - True Crime 1944 bis 1949, Greven-Verlag, Köln 2024, 248 Seiten, 18 Euro. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Januar 2026
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