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True Crime Bücher sind auch Sachbücher. Unter Umständen geht ein derartiger Fall auch in die Geschichte ein. „Mörder unter uns“ handelt von realen Fällen, die die Gerichtsreporterin Hariett Drack in ihrem neuen Buch erzählt. Die Fälle wurden vor dem Kölner Landgericht verhandelt.
Dass es sich dabei nicht immer um Mörder handelt kommt dem Buch durchaus zugute, denn es handelt sich teilweise um tagtäglich geschehenden bizarre, spektakuläre und tragische Kriminalfälle, in der Täter mitunter Opfer sind. Drack berichtet von spannenden, erschütternden und fesselnden kurzen Fällen, oft nur ein paar Seiten lang, die man auch zwischendurch mal lesen kann. Es sind Kapitalverbrechen, aber auch kleine Amtsgerichtsdelikte, die alle ihre Berechtigung haben geschildert zu werden. Beispielsweise die Männer, die eine Psychologin entführen. Ein Mann, der in einem abgehörten Selbstgespräch den Mord an seiner Frau zugibt, ohne das man eine Leiche findet. Gewalttätige Männer, die ihre Frauen misshandeln oder töten wollen. Junge Mütter, die ihre frischgeborene Säuglinge entsorgen. Eine verzweifelte Mutter, die aus Angst vor ihrem rechtsradikalen Lebensgefährten ihr Kind tötet. Eine Frau, die versucht ihre demente Mutter zu töten. Ein pädophiler Babysitter. Eine Hundehalterin, die für ihren Liebling eine aufwendige Rehabehandlung erstreiten will oder ein junger Kassierer, der an der Kasse eines Supermarktes einen Kunden mit vollem Einkaufswagen gegen einen Obulus durchlässt. Einige Fälle sind schwer zu ertragen, andere wiederum animieren zum schmunzeln. Drack erzählt sachlich und empathisch von den Menschen, die hinter den Fällen stehen. Mitunter tun sich Abgründe auf. Ernst Reuß Hariett Drack, Mörder unter uns: Wahre Verbrechen, menschliche Abgründe und die Suche nach Antworten – Eine Gerichtsreporterin erzählt München 2025, 176 Seiten, 14 €.
„Kann denn Liebe Sünde sein?“, „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“, „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, „Davon geht die Welt nicht unter“ .....
Diese während der Nazizeit entstandenen Lieder und einige mehr kennt heute noch fast jeder. Genauso wie die nach dem Krieg entstandenen Lieder: „Das machen nur die Beine von Dolores“, „Wenn der Vater mit dem Sohne“ und Heintjes bereits 1941 getextete Lied „Mama“. Die Urversion hatte Mussolinis Lieblingssänger gesungen. Den Texter dieser Lieder kennt dagegen kaum jemand. Bruno Balz textete die Lieder zumeist zusammen mit dem Komponisten Michael Jary. Gemeinsam bildeten sie ein kongeniales Duo und schufen die Lieder, die insbesondere Zarah Leander zum Star machte. Was damals offiziell niemand wissen durfte: Balz war schwul, was gerade in Nazizeiten sehr gefährlich sein konnte. Das 1938 geschriebene Lied „Kann denn Liebe Sünde sein?“, wurde später zur queeren Hymne. Balz hatte sich zuvor bereits als 17-jähriger in der Schwulenbewegung engagiert. 1924 hatte er das Lied „Bubi laß uns Freunde sein“ getextet und schuf damit einen der ersten Songs für eine schwule Zielgruppe. Nun erschien im Nicolai Verlag seine Biografie. Darin räumt die Autorin Judith Kessler mit einigen Legenden aufräumt, die nach seinem Tod gestreut wurden. Balz, 1902 geboren in Berlin und 1988 in Berlin-Wilmersdorf begraben, hätte ebenfalls im KZ landen können, blieb trotzdem recht unbekümmert in seinem Verhalten, was 1936 und erneut 1941 zu Verfolgung durch die NS-Behörden führte. Pro Forma schloss er für seine eigene Sicherheit eine Scheinehe. Auf der 2008 an seinem Wohnhaus in der Fasanenstraße 60 enthüllten „Berliner Gedenktafel“ ist zu lesen, der Song „Davon geht die Welt nicht unter“ sei „nach der Entlassung aus den Folterkellern der Gestapo“ entstanden. Dem widerspricht Judith Kessler vehement. Auf einen Hitlieferanten wie ihn wollte der NS-Staat wohl nicht verzichten. Bis zu seinem Rückzug in den 1960er Jahren schrieb er mehr als 1000 Schlager- und Liedtexte. Ernst Reuß Judith Kessler, Kann denn Liebe Sünde sein?, Auf den Spuren des Liedtexters Bruno Balz. Aus der Reihe "Berliner Portraits", Band 3, Nicolai Verlag, Berlin 2025, 200 Seiten, 24 €.
Helene Krebs, die ihrer jüdischen Cousine ein paar Tage Unterschlupf gewährt hatte, wird von einer befreundeten Nachbarin denunziert und festgenommen. Ihr arischer Ehemann versuchte am 3. Dezember 1942 mit einem ergreifenden Bittgesuch an die Gestapo in Düsseldorf die Überstellung seiner schwangeren Frau nach Auschwitz zu verhindern. Abgedruckt auf Seite 183 ff. des sehr lesenswerten Buches von Alfons Dür: Unerhörter Mut, Eine Liebe in der Zeit des Rassenwahns, Innsbruck 2013, EUR 9,95:
„Ich trete heute an die dortige Stelle mit einer Bitte für meine Ehefrau heran in der Hoffnung, daß dieser Bitte stattgegeben wird, wenn man die nachstehende Begründung auch nur in etwa berücksichtigt. Ich bin in der Bergischen Metallwarenfabrik Deppmeyer und Co. Solingen Saarstr. 10–13 und zwar Spezialfachmann als Werkzeugmacher und Vorrichtungsbauer. Ich glaube, von mir sagen zu dürfen, daß ich auf diesem Gebiet in der Firma der einzige bin, der als Spezialfachmann während des ganzen Krieges bei den kriegswichtigen Aufträgen meiner Firma meine Pflicht bis zum Letzten getan habe und nicht nur die vorgeschriebenen Stunden, sondern weit über 80 Stunden in der Woche gearbeitet habe. Ich bin Soldat des Weltkrieges und bei Verdun verwundet worden. Ich habe jetzt auch das Kriegsverdienstkreuz erhalten. Politisch habe ich mich früher nie betätigt und gehöre zu den Elementen, die bestimmt staatserhaltend sind, und mir nimmt man jetzt meine Frau. Weswegen? Wegen einer Unvorsichtigkeit, die ihr aus rein menschlichen Motiven unterlaufen ist. Ich weiß es, meine Frau ist Nichtarierin und hat infolgedessen im heutigen Staat kein Recht; aber sie ist nun einmal meine Frau und trägt ein Kind von mir unter dem Herzen. Seit Monaten ist sie nun verhaftet, weil sie einem jungen Mädchen, Edith Meyer, die Jüdin ist, ein Nachtquartier gewährt hat. Für mich ist das Leben nicht mehr lebenswert, wenn man mein Familienleben vernichtet. Die Familie meiner Frau lebt seit über 400 Jahren im Bergischen Land und auch die Geschwister sind alle mit Ariern verheiratet. In der Familie ist wirklich keine jüdische Gesinnung und keine jüdische Einstellung. Jetzt soll meine Frau nach Polen verschickt werden, und ich weiß nicht, wohin sie kommen soll und was aus ihr wird. Meine Bitte geht nun dahin, mich zu bewahren vor diesem Schicksalsschlag und zu berücksichtigen, daß ein deutscher Mann, der im Weltkrieg seine Pflicht getan hat und der jetzt jeden Tag, wie bei der Firma nachgeprüft werden kann, bis zum Letzten seine Pflicht für sein Vaterland tut und der jetzt ein Kind erwartet, auch eine Ehre im Leib hat und schließlich zugrundegeht und sein eigenes Leben vernichten muß, wenn er sieht, daß das Leben für ihn wirklich nichts mehr bedeutet. Ich bin bereit, jede Schuld auf mich zu nehmen, aber ich kann es nicht ertragen, daß das Menschenkind, mit dem man jetzt jahrelang verheiratet ist, in ein ungewisses Unglück hineingeführt wird, ohne daß man ihm helfen kann. Das kann auch, wenn es einen Herrgott gibt, unser Herrgott nicht gutheißen, und der Führer spricht stets von einem solchen Herrgott. Ich hoffe, daß das, was ich der dortigen Stelle unterbreitet habe, Berücksichtigung finden wird. Zum Schluß möchte ich bemerken, daß auch meine Frau ein Anrecht darauf besitzt, nicht nur Gnade, sondern auch Recht zu finden, denn ihr eigener Vater hat im Weltkrieg als deutscher Soldat sein Leben für Deutschland hingegeben. Ich bitte daher, mir meine Frau wiederzugeben. Heil Hitler Paul Krebs“ Gnade kannte das erbarmungslose Regime nicht. Das „Referat für Judenangelegenheiten“ lehnte ein Gnadengesuch ab, weil „mit der Zeugung eines Mischlings eine evtl. eintretende Evakuierung unmöglich gemacht und weitere Privilegien geschaffen werden sollten.“ Helene stirbt kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz. Gegen die Denunzianten wurde 1948 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das jedoch eingestellt wurde, weil sich die vernommenen Polizei- und Gestapobeamten an den Fall nicht mehr erinnern wollten und die Gestapo-Akte nicht zur Verfügung stand. Ernst Reuß
Fredy Gareis reiste per Zug, Bus, Anhalter oder Mietauto am neuen Eiserner Vorhang entlang und schreibt im Stile Bruce Chatwins über diese Reise. Der 1975 in Kasachstan geborene Autor wuchs in Rüsselsheim auf und war in Deutschland als Journalist tätig. Seit 2013 arbeitet er als freier Autor und es erschienen bereits mehrfach Reisebücher von ihm.
Anstoß für diese Reise war der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022. Der Startpunkt war ganz im Norden im norwegischen Kirkenes. Dort befindet sich ein Grenzübergang nach Russland und Murmansk. Von Kirkenes aus ging es 8 000 Kilometer gen Süden über Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis in die Türkei. Der mehrfach ausgezeichnete Reiseschriftsteller schreibt über Grenzorte, historische Städte und führte Gespräche mit Menschen, die die Zeit erlebt haben, als der Eiserne Vorhang fiel und die wenig Illusionen haben, was ihren ehemaligen Okkupanten betrifft. Damals versuchte die Sowjetunion noch, die Unabhängigkeit der baltischen Staaten zu verhindern. Umso weiter er gen Süden kommt sind es mitunter auch sehr befremdliche Gespräche, mit Menschen, die sich offensichtlich hauptsächlich in den sozialen Medien weiterbilden. Menschen, die 1989 noch nicht einmal oder gerade eben geboren wurden, schwärmen von der „guten alten Zeit“. Die spannenden Gespräche sind interessant, gut nachvollziehbar zu lesen und gleichzeitig lebendiger Geschichtsunterricht für allzu viele hierzulande, die sich nicht sonderlich mit dem Osten beschäftigt haben. Sein Buch heißt: „Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann“ und der Titel erklärt sich beiläufig während der Lektüre des Buches. Es sind spannende Porträts von Menschen, die im Schatten des großen Nachbarn Russland leben und weiter leben wollen. Gareis ergänzt die Gespräche immer wieder mit historischen Details. Reisen bildet! Dadurch wird die Geschichte der Länder und deren Erfahrungen mit Russland geschildert, die im Westen jahrzehntelang nicht ernsthaft wahrgenommen wurden. In Norwegen und Finnland macht man sich keine Illusionen bezüglich der Gefahr, die von Russland ausgeht. Die Menschen im Baltikum verweisen darauf, dass sie schon vor zehn Jahren vor Russland gewarnt hätten, aber dass das im Westen keiner hören wollte. „Wir haben schon 2014 versucht zu warnen, aber niemand wollte uns zuhören. Im Gegenteil, man nannte uns russophob, beschimpfte uns als Narren. Niemand hörte zu, und Deutschland schlief einfach.“, berichtet eine Gesprächspartnerin. Gareis spricht aber auch mit russischstämmigen Einwohnern, die eher nostalgische Gefühle hegen. Ein hochaktuelles, lesenswertes Buch! Gerade auch für Nostalgiker. Ernst Reuß Fredy Gareis, Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann, Eine Reise von der Arktis bis zum Bosporus entlang des neuen Eisernen Vorhangs, Malik Verlag, München 2025, 256 Seiten, 18 €. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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