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Kein historisches Sachbuch, aber ein durchaus auch mit historischen Fakten gespicktes interessantes Buch hat Volker Kutscher nun mit „Westend“ verfasst. Es handelt sich dabei um deutsche Nachkriegsgeschichte und ist sozusagen der Epilog der viel gerühmten zehnbändigen Krimireihe mit offenem Ende um Kommissar Gereon Rath, die als „Babylon Berlin“ fulminant verfilmt wurde.
Ende 2024 hatte Kutscher den zehnten und letzten Band der Reihe vorgelegt, an der er fast 20 Jahre gearbeitet hatte. Es endete 1938 während der Reichspogromnacht mit brennenden Synagogen. Gereon Rath lebte längst im Untergrund und die große Liebe zwischen ihm und der pfiffigen Kriminalassistentin und späteren Frau Charlotte Ritter war zerbrochen. Ein offenes Ende ohne Happy-End. Neben der Buchreihe gab es seit 2017 drei kleine, von Kat Menschik schön illustrierte dünne Bände, die einzelnen Protagonisten gewidmet sind. Nun der allerletzte Band aus dem Babylon Kosmos, der die offenen Enden weiterstrickt. Nach „Moabit“ und „Mitte“ erschien nun im Galiani Verlag „Westend“, in dem Geheimnisse offengelegt werden. Kutscher erzählt wie es seinen Helden im Krieg und in den Jahren danach ergangen ist. Ein Happy End gibt es dennoch nicht. Das Büchlein ist kein Krimi im klassischen Sinne, sondern in Form eines Dialogs geschrieben. Es handelt sich um ein fiktives Interview mit dem inzwischen 74 jährigen Gereon Rath, der 1973 in einem Westberliner Seniorenheim lebt. Angeblich wurde das auf Kassetten gespeicherte Interview im Nachlass des Anfang Januar 2025 verstorbenen Kölner Geschichtsprofessors Hans Singer gefunden und es ging dabei weniger um wissenschaftliche Zwecke. Rund vierzig Jahre, nachdem er aus Nazideutschland fliehen musste, hatte Gereon Rath Besuch von besagtem Professor Singer erhalten. Das Gespräch sollte sich um die Polizeiarbeit in den 1930er- und 1940er- Jahren drehen. Ein Zeitzeugengespräch. Zum Unbehagen des grantelnden ehemaligen Kommissars nimmt das Gespräch eine überraschende Wendung ins Private und es zeigen sich Raths nicht ganz koscheren Verstrickungen mit den Nazis und den DDR-Behörden. Dabei wird die dunkle Seite von Raths Charakter thematisiert, der inzwischen das „Nicht alles war schlecht“ - Nachkriegsnarrativ bedient. Volker Kutscher verwebt dabei Zeitgeschichte und Fiktion, so wird auch die Spaltung der Berliner Justiz mit den Geschehnissen um Wilhelm Künast und Erich Mielke thematisiert. Es geht auch um die Teilung Deutschlands und Berlins in Ost und West und damit verbundene Schicksal. Alte Nazis werden zu neuen Sozialisten und Stasimitarbeiter. Nicht das Gute siegt immer unbedingt. Für alle Fans von „Babylon Berlin“ wird seit Frühjahr 2025 eine fünfte und letzte Staffel gedreht. Die Ausstrahlung der acht Episoden soll voraussichtlich im Sommer 2026 erfolgen. Ernst Reuß Volker Kutscher, „Westend“. Mit Illustrationen von Kat Meschnik. Galiani Verlag, Berlin 2025. 104 Seiten, 23 Euro. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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