HISTORISCHES SACHBUCH
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Ukraine

27/10/2024

 
Seit dem Angriffskrieg Russlands ist im Westen viel über die Geschichte der Ukraine geschrieben worden. Meist von westlichen oder im Westen lebenden Historikern. Yaroslav Hrytsak, einer der einflussreichsten ukrainischen Historiker der Gegenwart, erzählt die Geschichte der Ukraine aus der ukrainischen Perspektive. Sein Buch wurde in der Ukraine zum Bestseller.
Im Buch geht es um die Mythen der russischen Propaganda, aber auch um ukrainische Legenden und Übertreibungen. Laut Hrytsak sei 1914 das Geburtsjahr der Ukraine gewesen, was nicht denkbar gewesen wäre ohne die lange Geschichte der ukrainischen Nationsbildung. Das Buch beginnt mit der Geschichte der Rus und endet in der Gegenwart, wo sich die Ukraine in eine Nation verwandelt hat, deren politische Kultur sich inzwischen fundamental von der Russlands unterscheidet. 
Die Wurzeln der Ukraine liegen laut Hrytsak im 10. Jahrhundert, in der Entstehung der Kiewer Rus. Die Ukraine wurde danach immer wieder Spielball der stärkeren Nachbarn und erst im 19. Jahrhundert entstand dann ein Selbstverständnis als eigenständige Nation. Der Versuch einer Staatsgründung nach dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution wurde jedoch rasch abgewürgt.
Hrystak schreibt: „‚Rus‘ ist primär der Name einer traditionellen, historischen Gemeinschaft, ‚Ukraine‘ hingegen ist primär der Name einer modernen Gesellschaft. So gesehen, verlief die Gründung der Ukraine auf drei Ebenen: von einem Volk zu einer Nation, von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft, von Rus zu Ukraine.“
Als eine „Kolonie Russlands“ war die Ukraine jedenfalls lange ein zurückgebliebenes Land, denn es war der Repression Russlands 350 Jahre lang ausgesetzt. Ukrainisch war verboten. Dichter und Denker wurden unterdrückt.
„Ukrainer behaupten, die Russen hätten ihren Namen ‚gestohlen‘, weil Moskau ebenso wenig mit der Rus zu tun habe wie das heutige Rumänien mit dem alten Rom; und Russen behaupten ihrerseits, die Ukrainer seien, weil man sie früher ‚Kleinrussen‘ nannte, eine künstliche Nation, die im 20. Jahrhundert vom deutschen Generalstab, den Polen, Bolschewiki, jüdischen Freimaurern etc. geschaffen worden sei.“, schreibt Hrystak.
Zwei Tage vor dem Überfall auf die Ukraine erklärte der russische Präsident Wladimir Putin in einer Fernsehansprache, warum es dieses Land nicht geben dürfe. Bereits im Juli 2021 hatte Putin in einem langen Essay mit dem Titel „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“ behauptet Russen und Ukrainer seien ein Volk. Diese russische Sichtweise hat auch im Westen Spuren hinterlassen. In vielen Büchern wurde das Gebiet der heutigen Ukraine als Teil Russlands behandelt, selbst als die Ukraine bereits ein unabhängiger Staat war.
Die Geschichte der Ukraine ist durchdrungen von unvorstellbarer Gewalt. Es gab viele Pogrome gegen Juden und es gab nach sowjetischen Zwangskollektivierungen in den 1930ern den Holodomor. Mindestens 3,5 Millionen Menschen starben daraufhin in der Ukraine den Hungertod. Andere Schätzungen sind weitaus höher. Zwischen 1914 und 1945 war - laut Hrywstak - die Ukraine Schauplatz eines „Dreißigjährigen Krieges“. Wie kein anderes Land in Europa litt die Ukraine unter enthemmter Gewalt. „Bloodlands“ nannte Timothy Snyder das Gebiet in seinem bekannten Buch.
Erst der Zerfall der Sowjetunion macht die Ukraine unabhängig. Es entwickelte sich dort ein oligarchisches System mit hoher Korruption. Laut Hrytsak festigt der von Putin entfesselte Massenmord die ukrainische Nation als Staat, falls er nicht doch noch durch Russland vernichtet wird. Die Gesellschaft ist eigentlich gespalten, durch den Krieg jedoch in eine Solidargemeinschaft verwandelt. 
Hrytsak hofft auf den Weg in eine liberale, westliche Demokratie.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Hrytsak, Yaroslav, Ukraine, Biographie einer bedrängten Nation, Beck Verlag, München 2024, 480 S., 34 €.

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Krieg, Hamstern und seine Folgen

24/10/2024

 
Hunger trieb nach dem Ende des Krieges vor allem Frauen auf der Suche nach Nahrung aufs Land, wo sie bei Bauern Lebensmittel einzutauschen versuchten. Sie mussten sich zumeist um die Ernährung kümmern, denn viele Männer waren im Krieg umgekommen oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.
Die alleine herumziehenden Frauen waren leichte Beute für Gangster aller Art. Raubüberfälle, Vergewaltigungen und Morde waren die Folge. So auch im Schmachtenhagener Forst nördlich von Berlin, unweit des ehemaligen KZ Sachsenhausen. Schmachtenhagen lag im sowjetischen Sektor und ist heute ein Ortsteil von Oranienburg. Das Waldstück war zur damaligen Zeit einer der Verbrechenshotspots, aber in anderen Wäldern rund um Berlin spielte sich Ähnliches ab.
Die Polizei war überfordert, besonders nach ihrer Spaltung Ende Juli 1948. Es gab nun die West-Berliner „Stummpolizei“ und die Ost-Berliner „Markgrafpolizei“. Stumm hatte am 28. Juli 1948 das Polizeipräsidium vom Alexanderplatz im sowjetischen Sektor in die im amerikanischen Sektor liegende Kreuzberger Friesenstraße verlegt und die Polizeiangehörigen dazu aufgefordert, dort ihren Dienst fortzusetzen.
In Berlin selbst gab es vier Sektoren, und schon die Fahrt über die Sektorengrenze ermöglichte es Tätern zu entkommen, denn folgen durfte ihnen nur die im Sektor jeweils zuständige Polizei. Ermittlungen durch unzuständige Polizisten konnten zur Verhaftung durch die Kollegen aus dem jeweils anderen Sektor führen. Besonders wenn Täter oder Opfer aus verschiedenen Sektoren kamen, war es daher mehr als kompliziert, Kriminalfälle aufzuklären. Die Zusammenarbeit von „Stumm- und Markgrafpolizei“ waren von der Obrigkeit nicht gern gesehen.
Berliner und Berlinerinnen gingen jedenfalls in der Umgebung „hamstern“. Seit 1901 hielt die Heidekrautbahn in der Nähe von Schmachtenhagen. Auch der Bahnhof Oranienburg lag nur fünf Kilometer entfernt. Es war ein gefährlicher Ort, denn ein Vergewaltiger und Mörder trieb dort sein Unwesen. Seit Sommer 1946 musste die Polizei in der Region zwischen Nauen, Oranienburg und Eberswalde 24 Vergewaltigungen und 23 Raubüberfälle registrieren. Die zahlreichen Vergewaltigungen lösten mit der „Aktion Roland“ eine der größten Fahndungsaktionen der Nachkriegszeit aus. Weibliche Polizistinnen als Lockvögel machten in den Wäldern die Runde. Kollegen, die ihnen unauffällig auf Dienstfahrrädern folgten, blieben ihnen auf den Fersen. Die Fahndungsaktion blieb allerdings ohne Erfolg, obwohl man inzwischen über die Identität des Täters Bescheid wusste. Mehrere seiner Vergewaltigungsopfer hatten ihn in der Verbrecherkartei erkannt.
Als Täter machte die Polizei den 1912 geborenen Willi Kimmritz aus. Er war das 14. Kind einer Arbeiterfamilie. Zuletzt hatte er als Knecht bei einem Bauern gearbeitet. Seine letzte Meldeadresse in der Oranienburger Straße in Berlin brachte die Polizei allerdings nicht weiter, denn das Haus war nur noch eine ausgebombte Ruine.
Schon 1936 war er wegen einer Vergewaltigung in der Nähe von Eberswalde verurteilt worden. Im April 1945 saß er aufgrund eines Einbruchs bei seinem Arbeitgeber im Knast, wurde jedoch beim Herannahen der Roten Armee freigelassen.
Er lebte danach in Berlin, zumeist bei „leichten Mädchen“, mit denen zusammen er seine Beute auf dem Schwarzen Markt vertickte. Männer, die Geld und Nahrungsmittel heranschafften, waren damals heiß begehrt. Seinen Lebensunterhalt bestritt Kimmritz vor allem durch Einbrüche und Raub. Er bevorzugte Tatorte in der Umgebung von Berlin.
Zwischen 1946 und 1948 bot er in der Bahn nach Oranienburg Frauen seine Hilfe bei der Suche nach Nahrung an. Damit hatte er meist Erfolg. Der Hunger war offenbar größer als die Angst der Frauen, denn die Verbrechen hatten sich inzwischen eigentlich überall herumgesprochen. Kimmritz lockte sein Opfer unter dem Vorwand, eine Abkürzung einzuschlagen, in den Wald und raubte die ihm körperlich unterlegenen Frauen aus. Wenn ihm die Gelegenheit günstig schien, vergewaltigte er sie auch. Brachte Kimmritz während seines Anbahnungsgespräches oder anhand der geraubten Papiere in Erfahrung, wo die Frauen wohnten, fuhr er nach seiner Tat auch noch dorthin, räumte die Wohnung aus und verscherbelte alles, was er finden konnte, auf dem Schwarzmarkt. Sein Steckbrief, der nicht öffentlich ausgehängt werden durfte, um den Täter nicht zu warnen und die Bevölkerung nicht zu verunsichern, kursierte unter den Polizisten und in den Behörden.
Seine letzte Vergewaltigung verübte er an der Tochter einer Bekannten, die er dazu gebracht hatte, ihn bei einer Hamsterfahrt zu begleiten. Danach räumte er das leer stehende Haus seiner Bekannten aus, da er wusste, dass diese immer noch hamstern war.
Wie sich später herausstellte, lebte Willi Kimmritz in dieser Zeit meist am Hackeschen Markt, bis seine dortige Freundin ihn aus der Wohnung warf, als ein solventerer Lebenspartner in ihr Leben trat. Sie hatte ihn nie groß danach gefragt, woher die Waren stammten, bei deren Vermarktung sie half.
Zwar arbeiteten in diesem besonderen Fall ausnahmsweise Berlins Ost- und Westpolizei zusammen, aber einfach war das angesichts der Nachkriegsumstände und der Berlinblockade nicht. Die Polizisten mussten sich nach der Polizeispaltung im Niemandsland an den Sektorengrenzen treffen, um ihr Wissen und ihre Akten auszutauschen. Logischerweise behinderte und verzögerte auch das die Polizeiarbeit.
Allein im Mai 1948 verzeichnete die Polizei im Schmachtenhagener Forst fünf Vergewaltigungen, noch ehe im Juni 1948 dort die erste Tote entdeckt wurde.
Das Auffinden von Leichen war in den Nachkriegsjahren fast schon Polizeialltag. Viele Identitäten konnten nie geklärt werden. Die Akte, die den Mord im Juni betraf, wurde daher zunächst mit dem Vermerk „unbekannte Tote“ zur Seite gelegt. Doch das sollte sich bald ändern, denn die Tote war die seit ein paar Tagen vermisste Frieda Imlau aus der Berliner Borsigstraße in der Nähe des Nordbahnhofs.
Ihr 12-jähriger Sohn hatte sie am 16. Juni 1948, fünf Tage nach ihrem Verschwinden, als vermisst gemeldet. Sie war nach den Aussagen des Kindes zusammen mit einem „Onkel Willi“ zum Hamstern gefahren. Diesem sei der 12-Jährige am selben Tag erneut begegnet, und der habe ihm gesagt, er solle nach Oranienburg fahren, um der Mutter beim Tragen der erhamsterten Lebensmittel zu helfen. „Onkel Willi“ besorgte ihm dazu scheinbar ganz uneigennützig eine Fahrkarte und brachte ihn zum Zug. Als der Junge nach erfolgloser Suche ohne Mutter und Nahrungsmittel wieder zu Hause ankam, war die heimische Wohnung durchwühlt und unordentlich.
Wohnungsplünderungen waren damals nichts Ungewöhnliches und wurden von der Polizei kaum zur Kenntnis genommen. Ernsthaft Sorgen machte sich der Junge daher erst nach ein paar Tagen, denn so lange war die Mutter beim Hamstern noch nie weggeblieben. Wie sich später herausstellen sollte, handelte es sich beim netten „Onkel Willi“ um den gesuchten Kimmritz.
Kimmritz lebte noch eine ganze Weile unerkannt in Berlin. Zu seinen Beutezügen fuhr er wie gewohnt mit dem Zug in die waldreichen Gebiete Brandenburgs, wo er seine Opfer meist schon während der Fahrt ausmachte und ansprach. Im Juli 1948 wurde Elfriede Flory aus der Wilmersdorfer Uhlandstraße nur 35 Kilometer von Oranienburg entfernt im Wald tot aufgefunden. Am 11. August 1948 dann die nächste Leiche: Kimmritz hatte in einem Waldstück bei Friesack, 50 Kilometer von Oranienburg entfernt, die Buchhalterin Elsie Wilhelm aus Berlin-Steglitz ermordet. Wie auch die anderen Frauen war sie auf Hamsterfahrt gewesen.
Kimmritz tötete nun anscheinend im Monatstakt. Die Polizei setzte alles daran, ihn aufzuhalten, aber die Suche endete erst durch eine aufmerksame Zeugin, und zwar genau einen Monat später. Es war Else Bethke, eine Freundin der ermordeten Frieda Imlau, die ihren Bekannten, der sich bei ihr als „Max“ zu erkennen gab, ihrer Freundin Frieda vorgestellt hatte. Willi Kimmritz alias „Max“ verabredete sich mit Frieda Imlau zu der Hamstertour, von der diese nie zurückkehren sollte. Angeblich kannte „Max“ eine Menge Bauern in Brandenburg.
Am 11. September 1948 wurde Kimmritz von Bethke im Berliner Café Reichert am Gesundbrunnen wiedererkannt. Sie war Kimmritz, der sich aus dem Staub machen wollte, von dort aus gefolgt und hatte um Hilfe gerufen. Er wurde im Französischen Sektor verhaftet. Bei der nachfolgenden Vernehmung legte er ein erstes Geständnis ab und wurde in den sowjetischen Sektor ausgeliefert, wo er schließlich 23 Vergewaltigungen, vier Morde und zahlreiche Eigentumsdelikte gestand. Die Morde beging er offenbar, um seine Straftaten zu verdecken.
Ein Mord, den man zuerst nicht mit ihm in Verbindung gebracht hatte, geschah südlich von Berlin, bei Bestensee in der Nähe von Königs Wusterhausen. Ein Waldarbeiter hatte dort die Leiche einer Unbekannten gefunden. In der Vermisstenzentrale des Polizeipräsidiums lag die dazugehörige Akte schon seit März 1948 unbeachtet in der Ablage. Eine von vielen Vermissten und unbekannten Toten, die erst nach Kimmritz’ Geständnis als Ida Grützmacher identifiziert werden konnte. Sie hatte in der Bernauer Straße gewohnt. Kimmritz hatte sich angeboten, ihr beim Abtransport von Kartoffeln bei Königs Wusterhausen zu helfen. Später widerrief er dieses Geständnis.
Außerdem hatten ihn 13 Frauen als ihren Vergewaltiger wiedererkannt, sodass schließlich nur drei Morde und 13 Vergewaltigungen beim Landgericht Potsdam zur Anklage kamen. Aber dies reichte für das Todesurteil vom 18. Februar 1949.
Nach der Berufung durch seinen Anwalt wurden die Vergewaltigungsverfahren insgesamt eingestellt, denn die Vergewaltigungen gingen auch nach der Verhaftung von Willi Kimmritz weiter. Ein weiterer Serienvergewaltiger war gefasst worden, Kimmritz war also nicht der Einzige und auch nicht der Letzte, der in Berlin und im Umland der Stadt sein Unwesen trieb. Drei nachgewiesene Morde sollten aber für ein erneutes Todesurteil am 25. November 1949 reichen. Die eingelegte Revision wurde am 31. Januar 1950 abgelehnt, die Gnadengesuche danach ebenfalls. Am 26. Juli 1950, eine Woche nach Ablehnung seines letzten Gnadengesuchs, wurde Willi Kimmritz in der Haftanstalt Frankfurt/Oder hingerichtet.
 
Ernst Reuß ist Autor. 2022 erschien sein Buch „Endzeit und Neubeginn, Berliner Nachkriegsgeschichten“ im Metropol Verlag.
berliner zeitung vom 20. Oktober 1924
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Eichmann und zwei Judenretter

9/10/2024

 
Kollaborateur oder Judenretter? Das ist die Frage, wenn man sich mit Berthold Storfers Leben beschäftigt.
Eine österreichische Historikerin schrieb seine Biographie die zwiespältige Gefühle hinterlässt, denn der 1880 in Czernowitz geborene Bankier Storfer war unter Adolf Eichmann Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ und organisierte die Auswanderung von Juden nach Palästina, bevor er schließlich selbst in Auschwitz ermordet wurde.
Storfer verhalf laut seiner den NSDAP-Behörden vorgelegten eigenen Aufzeichnungen mindestens 9096 österreichischen und deutschen Juden zur Auswanderung und rettete sie damit vor der späteren Vernichtung. Das waren unzählig mehr Menschen als Oskar Schindler rettete und trotzdem ist Bernhard Storfer weitgehend unbekannt, was wohl der Tatsache geschuldet war, dass er gemeinsame Sache mit den Nazis machte. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 begann auch in Storfers Heimat der Terror gegen die Juden und viele verließen panisch das Land. Storfer, der katholisch getauft war, aber laut „Nürnberger Gesetzen“ trotzdem als Jude galt, flüchtete nicht. Stattdessen diente er sich den Nazis an und wurde wenige Wochen später Leiter der in Wien unter Leitung von Adolf Eichmann gegründeten „Auswanderungsbehörde“. Storfer wurde dadurch zu einer zentralen Figur für die Auswanderung der Juden aus dem gesamten Deutschen Reich. Eine äußerst knifflige Aufgabe, denn die Auswanderung war eigentlich eher eine Flucht vor den Nazis.
Wollte Storfer helfen, wollte er sich bei den Nazis lieb Kind machen, oder wollte er sich persönlich bereichern? Zumindest letzteres kann nach Lektüre des Buches sicherlich ausgeschlossen werden.
Jedenfalls organisierte er bis zum Verbot der Auswanderung und dem Beginn des systematischen Holocaust im Herbst 1941 vier große Schiffstransporte Richtung Palästina. Offiziell war dies verboten weil Großbritannien, als „Mandatsmacht“ – laut Völkerbund eine Art Vormundschaft über Völker - in Palästina die Einwanderung von Juden sehr restriktiv handhabte. Im Gegensatz zu den zionistischen Organisationen, die vor allem junge Menschen zum Aufbau des kommenden Staates Israel illegal ins Land holten, organisierte Storfer die Flucht von Menschen aller Altersklassen, auch von freigekauften KZ-Häftlingen und setzte durch, dass auch nicht solvente Flüchtlinge mitkamen.
Mit der Auflösung seiner Behörde wurde Storfer nicht mehr gebraucht, obwohl er verzweifelt versuchte, Adolf Eichmann von seiner Unentbehrlichkeit zu überzeugen. Ihm wurde 1943 mitgeteilt, dass er seinen „Wohnsitz“ nach Theresienstadt zu verlegen habe. Daraufhin versteckte er sich bei einer arischen Freundin, wurde allerdings nur fünf Tage später festgenommen und nach Auschwitz deportiert.
Dort gelang es ihm, Eichmann von einem Zusammentreffen zu überzeugen. Dieser berichtete darüber später in seinem Prozess in Israel. „Ja, mein lieber guter Storfer, was haben wir denn da für ein Pech gehabt?“, will er gesagt und ihm mitgeteilt haben, dass er ihm nicht helfen könne. Kurze Zeit später wurde Storfer wahrscheinlich erschossen.
Verdienstvoll, dass Storfers Leben und Wirken jetzt in dieser Biographie geschildert wird, allerdings ist die Studie sehr detailliert und dadurch nur mühsam lesbar. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass mit ihrer Hilfe auch dieses Kapitel der Geschichte und das Leben Berthold Storfers nicht der Vergessenheit anheimfallen.


Andere Erfahrungen mit Adolf Eichmann machte Willy Perl. Eichmann drohte ihm mit einer Pistole im Rücken und einem „zweiten Arschloch“, während Perl vergeblich versuchte diesen für seinen Rettungsplan Wiener Juden zu interessieren. Zumindest hörte Eichmann zu und schoss nicht, glaubte Perlaber nicht, sondern hielt es für einen „jüdischen Trick“. Er ließ ihn aber dennoch vorerst laufen.
Trotzdem setzte der Wiener Anwalt Perl am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ein Unternehmen in Gang, das tausende Juden aus Zentral- und Osteuropa vor dem Holocaust rettet. Trotz zwischenzeitlicher Verhaftung durch Gestapo und SS organisiert er heimliche Flüchtlingstransporte nach Palästina. Aus südeuropäischen Ländern evakuierte er mit heruntergekommenen Frachtern und Segelbooten in 14 Transporten mindesten 8 000 Juden. Er selbst sprach von 40 000 Menschen.
Robert Lackner zeichnet diese dramatischen Jahre in Perls Leben eindrücklich nach und bedient sich dabei Perls 1979 erschienen Biographie „The Four-front War: From the Holocaust to the Promised Land“. Willy Perl sah sich im Kampf an vier Fronten: gegen die Nazis, die Briten, die die illegale Einreise nach Palästina verhindern wollten, genauso wie jüdische Eliten, die den legalen Weg bevorzugten und mit den vier Elementen, da die Schiffsüberfahrten gefährlich waren.
Eichmann drohte ihn auch noch zu „kriegen“, was fast gelang. 1940 wurde Perl in Griechenland verhaftet. Mit einem aufgeschnittenen Handgelenk konnte er kurz vor der jugoslawischen Grenze einen Suizid vortäuschen und wurde zurückgesandt, wobei ihm die Flucht gelang. Über Portugal entkam er nach Mosambik, wo er 1941 ein Visum für die Vereinigten Staaten erhielt.
Er trat schließlich in die US-Armee ein und diente in Europa als Oberstleutnant im Heeresnachrichtendienst. Dort erlebte er auch noch sein persönliches Happy End, denn dort traf er seine Ehefrau Lore in Wien wieder, die kurz vor ihrer Hochzeit im April 1938 heimlich vom Katholizismus zum Judentum konvertierte. Sie war für den Versuch, einen jüdischen Nachbarn zu verstecken 1942–1944 im KZ Ravensbrück inhaftiert worden.
Die israelische Regierung lud Willy Perl 1961 als Beobachter zum Eichmann-Prozess ein.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Robert Lackner, Wie ein junger Anwalt Tausende Juden rettete, Kremayr & Scheriau Wien 2024, 304 Seiten, 27 €.
Gabriele Anderl, „9096 Leben’. Der unbekannte Judenretter Berthold Storfer“ Mit einem Vorwort von Arno Lustiger, Rotbuch Verlag , Berlin 2012, 400 Seiten, 19,95 €.

Der 7. Oktober

7/10/2024

 
Ron Leshem, ein international bekannter Autor, zeichnet in seinem Buch „Israel und der 7. Oktober“ anhand des Messengers Telegram minutiös den Pogrom vom 7. Oktober 2023 nach. Es ist der erste mittels Videos bestens dokumentierte Terrorangriff der Menschheitsgeschichte, der lange zuvor geplant wurde. Die immer akut werdenden Warnungen von israelischen Aufklärungseinheiten wurden nicht ernst genommen. Nach dem Angriff herrschte Chaos auf der isralischen Kommandoebene.
Die Täter filmten sich und ihre Opfer. Sie dokumentierten das bis dahin unvorstellbare Grauen in allen entsetzlichen Details. Es ist schwer zu ertragen was da geschah, auch wenn Leshem die grausamsten Videos der Mörder laut eigenem Bekunden, nicht schildert. Es war Gewalt von unfassbarem Ausmaß, wahrlich keine leichte sondern eine äußerst schmerzhafte Lektüre.
Seit dem 7. Oktober überschlagen sich die Ereignisse. Israel marschierte bombardierend in Gaza ein und viele Menschen scheinen zu vergessen, was die Ursache war. Leshem lebt inzwischen seit zehn Jahren in Boston, weil er für seine Tochter an einem sicheren Ort sein wollte und erlebt dort die studentischen Demonstrationen sowie die Romantisierung der Hamas vor Ort. Den weltweiten Medienkrieg scheint die Hamas gewonnen zu haben, denn die Verbrechen des 7. Oktober wurden nicht allein zum fortgesetzten Aufputschen der weltweiten Unterstützer gestreamt, sondern sie wurden gleichzeitig geleugnet und mit Hilfe von russischen und iranischen Desinformations-Experten als „Fake“ dargestellt. Die Strategie dahinter war Israel zu traumatisieren und sich gleichzeitig im Westen als Opfer darzustellen.
Wie viele Israelis ist auch Ron Leshem persönlich vom Pogrom betroffen. Die Hamas ermordete seinen Onkel und seine Tante, verschleppte seinen Cousin, der auch deutscher Staatsbürger war, als Geisel - bevor sie ihn hinrichteten. Sie lebten in einem linksgerichteten Kibbuz, mit vielen Friedensaktivisten. Leshem schildert aus linksliberaler israelischer Sicht die historische Entwicklung, die schließlich im Pogrom vom 7. Oktober kulminiert, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch eine einseitige Schuldzuweisung ist. Ron Leshem zeigt ein zutiefst gespaltenes Land und geht auch intensiv auf die teilweise rechtsextremistische Regierung Netanjahu ein, die ihm zufolge durch ihre Politik eine gehörige Mitschuld tragen. Er zeigt die religiösen Fanatikern aus beiden Seiten auf, die wenig an Frieden interessiert sind und warnt davor „die Monster“ zu wecken. Ron Leshem bietet Fakten. Er berichtet von den Versuchen der jetzigen israelischen Koalition, dem modernen Rechtsstaat - ohne Zukunftsvisionen, auch was den Krieg in Gaza betrifft - den Garaus zu machen.
Leshem resümiert: „Die gemäßigten Muslime sind meine Brüder, ich bin ihnen näher und ähnlicher als jedem anderen Volk auf der Welt. Die Fanatiker meines eigenen Volkes hingegen sind meine Feinde. Wird die Politik weiterhin von religiösen Zielen geleitet, befinden wir uns auf einem mörderischen und fatalen Pfad.“
 
 
Ernst Reuß
 
 
Ron Leshem, Feuer, Israel und der 7. Oktober, Rowohlt Verlag, Berlin 2024, 320 Seiten, 25 €.

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Sörensen

5/10/2024

 
Kein historisches Sachbuch, aber ein zeitgenössischer friesischer Krimi mit viel Humor und tollen Dialogen. Genau deshalb ist er auch hier eine Erwähnung wert.
​„Sörensen macht Urlaub“ ist inzwischen der fünfte Teil einer Krimireihe. Teilweise wurden sie bereits verfilmt und mit tollen Schauspielern in Szene gesetzt. Sörensen hat eine Angststörung und erinnert im Film mit seinem Parka ein bisschen an Schimanski nach drei Wochen ohne Schlaf und eben soviel durchzechten Nächten. Wunderbar im Film dargestellt von Bjarne Mädel, den man beim Schmökern unwillkürlich vor Augen hat. Für ihn hatte der Autor Sven Stricker die Figur einst auch entworfen.
Sörensen ließ sich von Hamburg nach Katenbüll in die nordfriesische Provinz versetzen, wo der seltsame Kauz, der seiner Angststörung und dem Stress in Hamburg entfliehen will, gut hinpasst, aber eher barsch empfangen wird - was auch daran liegt, dass er Veganer ist und Leute gerne auf Abstand hält.
Im fünften Band der Krimireihe „Sörensen macht Urlaub“ fährt er in Urlaub nach Österreich. Für ihn so etwas wie eine Weltreise. Er will dort in einem Bauernhof mit Streichelzoo schwimmen gehen und auf die Berge gucken, was erwartungsgemäß misslingt. Sörensen landet bei der Fahrt gen Süden wieder in Hamburg, bei Nele, der Mutter seiner Tochter Lotta und wird dort in einen Fall verwickelt.
Neles Mitbewohnerin fühlt sich verfolgt und Sörensen versucht den Übeltäter ausfindig zu machen, auch wenn er eher glaubt, dass die Mitbewohnerin „Achim“ dringend einer Therapie bedarf.
Parallel hat Kollegin Jennifer in Katenbüll plötzlich einen eigenen Mordfall zu bearbeiten. Und sie wird den Teufel tun, Sörensen davon zu erzählen. Sie simsen miteinander und Sörensen erzählt von Österreich, während Jennifer vom langweiligen Alltag in Katenbüll berichtet.
Sörensen sieht sich bald schon in einem Netz aus größeren und kleineren Lügen gefangen, löst aber trotzdem - nach drei Toten - zusammen mit Jennifer den Fall.
Sven Stricker zeichnet skurrile Figuren. Der Kriminalfall ist Nebensache. Amüsant immer wieder die außergewöhnlichen Dialoge.
Ein Ende der Sörensen-Reihe ist hoffentlich nicht in Sicht. Sehr lustig! Als Buch, und auch als Film!
 
 
Ernst Reuß
 
 
Sven Stricker, Sörensen macht Urlaub, Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2023, 576 Seiten, 14€.
Band 1: Sörensen hat Angst 2015, Band 2: Sörensen fängt Feuer 2018, Band 3: Sörensen am Ende der Welt 2021, Band 4: Sörensen sieht Land 2023, Band 5: Sörensen macht Urlaub 2024.

Anita Berber

3/10/2024

 
„Laster - Sehnsucht des Bürgers!“, schreibt der Autor Armin Fuhrer und scheint zu wissen wovon er spricht. Der Titel „Sextropolis“ zielt auf genau dieses Publikum, genau so wie der leicht voyeuristische Blick auf Anita Berber, ihren ersten Sex mit einem viel älteren Mann, dem ehemaligem Liebhaber ihrer Mutter, sowie auf die nachfolgenden reichlichen Skandale in ihrem kurzen Leben. Dennoch erwartet den Leser ein mit vielen Anekdoten garniertes, interessant zu lesendes Sachbuch über die Gesellschaft in den Zwanziger Jahren, durch den das Leben der Anita Berber wie ein roter Faden führt. Die junge Frau, die auch in vielen Filmen mitspielt und durchaus wohlwollende Rezensenten findet, gelingt es sogar mit ihrer Tanzperformance den größten Saal Wiens bis auf den letzten Platz zu füllen. Künstlerische Anerkennung für ihre Tanzdarbietungen findet sie jedoch nicht und fühlte sich in ihren künstlerischen`Ambitionen unverstanden, denn die Zuschauer waren eher an ihren Nacktszenen interessiert.
Die 1899 geborene Anita Berber war Filmstar, Tänzerin, Modeikone und Skandalfigur zugleich. Im Text des Verlages heißt es: „Sie trug Frack und Monokel, lange vor Marlene Dietrich, sie lebte auf offener Bühne ihre Bisexualität und ihre Drogensucht aus, prügelte sich mit Kritikern, versuchte Gäste ihrer Aufführungen zu bestehlen – und geriet damit immer wieder in Konflikt mit den Normen der Gesellschaft.“
Man lernt im Buch einschlägige, damals berühmt-berüchtigte Lokale und andere Protagonisten jener Zeit kennen, die heute weitgehend vergessen sind. Oft starben die Szeneangehörigen jung, meist an ihren Alkohol - und Drogenexzessen. Fuhrer hat sich sehr intensiv mit der Zeit und diesem speziellen Milieu beschäftigt.
Das tragische Leben Anita Berbers ist das Spiegelbild einer wilden Zeit, den sogenannten „Goldenen Zwanzigern“. Nirgendwo anders als im Berlin der frühen Zwanzigerjahre wäre ihre kurze, einzigartige Karriere möglich gewesen, heißt es. Dort ist sie zur damaligen Zeit die unumstrittene „Königin der Nacht“ und durchstreift zusammen mit ihrer Entourage regelmäßíg das wilde exzessive Nachtleben der Stadt. Gerne tat sie das im hochgeschlossenen Nerz, unter dem sie nackt war, was sie durchaus gerne zur Schau stellte.
Viele Anekdoten ranken sich um sie, so das wahrscheinlich nicht sicher gesagt werden kann, ob alle auch wirklich stattfanden. Die berühmte Tanzszene im Film Metropolis ist ihr jedenfalls, anders als im Buch behauptet, wohl nicht zuzuordnen. Andere Geschichten mögen auch der Public Relation geschuldet sein, denn Skandale und Sex verkaufen sich gut. Sex sells. Damals wie heute.
In den Zwanzigerjahren war Berlin mit 3,6 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt und an jeder Ecke schossen nach Ende des Ersten Weltkriegs Bordelle, Lesben- und Schwulenkneipen, Varietés sowie Spielhöllen aus dem Boden. Hemmungslos frönten die Menschen ihrer Gier nach Leben und Amüsement. Und immer mittendrin Anita Berber, die aber selbst für die wilden Zwanziger zu wild war, weil ihr alle Konventionen vollkommen egal waren. Berber offenbarte ihre Bisexualität ohne jegliche Scheu, prügelte sich regelmäßig mit Leuten, die ihr dumm kamen und kokste in aller Öffentlichkeit. Doch die Zeiten änderten sich. Die Nazis sollten dem wilden Treiben bald ein Ende bereiten. Berbers Stern sank, das Publikum wandte sich ab.
Bei einer Tournee im Nahen Osten brach die Tänzerin am 13. Juli 1928 auf der Bühne in Beirut zusammen. Ihr Partner schaffte die Todkranke zurück nach Berlin, dort kämpfte Anita Berber mit dem Tod und starb am 10. November 1928 mit erst 29 Jahren.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Armin Fuhrer, Sextropolis, Anita Berber und das wilde Berlin der Zwanzigerjahre, Berlin 2024, 304 Seiten, 24 €

Letzte Hinrichtungen

1/10/2024

 
Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft, damit war die Todesstrafe in der Bundesrepublik Deutschland abgeschafft. Kurz zuvor wurden allerdings noch Hinrichtungen vollstreckt.
In der DDR wurde die Todesstrafe erst Ende 1987 abgeschafft – laut Statistik des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR nach ungefähr 160 Hinrichtungen. Die Vollstreckungen wurden auch vor den Angehörigen oft vollständig geheim gehalten. Zahl und Art der Hinrichtungen sind daher erst nach der Wende bekannt geworden. Das letzte Todesurteil wurde 1981 vollstreckt.
Wie kam es zu diesen „letzten Hinrichtungen“?
Zunächst der Blick nach Westdeutschland: Am 18. Februar 1949, also rund drei Monate vor Inkrafttreten des Grundgesetzes, wurde Richard Schuh in Tübingen mit der Guillotine hingerichtet. Er hatte einen Lastwagenfahrer erschossen, der ihn als Anhalter mitnahm, weil er die Reifen des LKW´s auf dem Schwarzmarkt verticken wollte.
In West-Berlin wurde am 11. Mai 1949, zwölf Tage vor Verkündung des Grundgesetzes, die letzte Hinrichtung vollzogen. Obwohl man sich bereits auf das Grundgesetz geeinigt hatte, blieb West-Berlin unerbittlich und beharrte auf dem Vollzug des Todesurteils.
Opfer einer eher engstirnigen Anwendung der Gesetze wurde der bei seinem Tod 24-jährige Raubmörder Berthold Wehmeyer. Auch er wurde guillotiniert. Deutsche „Fallbeile“ gab es nach dem Ende des Nationalsozialismus genug. Derartige Tötungsinstrumente, mit denen viele Tausende Menschen enthauptet worden waren, fertigte die Gefängnisschlosserei Tegel. Hitler gab 1933 dort den Bau von mehr als 30 Guillotinen in Auftrag. Sie wurden – außer in Frankreich, wo es seit der Revolution eine ausreichende Anzahl dieser Tötungsmaschinen gab – vor allem in den besetzten Gebieten gebraucht. Dort kamen sie massenhaft zum Einsatz.
Der gelernte Schlosser und ehemalige Krankenpfleger Berthold Wehmeyer, der durch die Umstände seines Todes einen zweifelhaften Ruhm erlangte, hatte zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bekannten Hans Wagner, der später wegen Beihilfe zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, eine ältere Frau aus Berlin-Weißensee bei der gemeinsamen Hamsterfahrt bei Wusterhausen an der Dosse vergewaltigt und erwürgt.  „Hamsterfahrten“ nannte man die Versuche von Stadtbewohnern auf dem Land Hausrat, Kleidung und Wertgegenstände gegen Lebensnotwendiges einzutauschen. Mordfälle wie dieser gehörten damals zum Nachkriegsalltag.
Da es Zeugen der Begegnung zwischen den beiden jungen Männern und der älteren Frau gab, ermittelte die Kriminalpolizei recht schnell die mutmaßlichen Täter. Während die 61-jährige Eva Kusserow 20 Kilogramm Kartoffeln ergattern konnte, waren Wehmeyer und Wagner erfolglos beim Versuch, Lebensmittel zu bekommen. Die 20 Kilogramm Kartoffeln schienen für sie eine lohnende Beute zu sein. Ein aus heutiger Sicht recht armseliges Motiv, doch in jener Zeit herrschte Hunger. Kartoffeln bildeten den Hauptbestandteil der Nachkriegsernährung, und um die Kartoffel kreiste damals das Denken vieler Menschen.
Wehmeyer sagte aus, dass er die Frau von hinten gepackt und gegen den Hals geschlagen habe. Angeblich sei er von seinem Mittäter Wagner dazu angestiftet worden. Danach habe er versucht, sie zu vergewaltigen. Das habe aber nicht geklappt, weil er sich von seinem Mittäter gestört gefühlt habe, der schließlich statt seiner die röchelnde Frau vergewaltigt haben soll. Danach habe er ihr ein weißes Tuch in den Mund gesteckt, und sie hätten ihr die Nase zugehalten und sie geschlagen, bis kein Lebenszeichen mehr zu vernehmen war.
Der 28-jährige ehemalige Bäcker Wagner, der inzwischen als „Hilfsdesinfektor“ beim Gesundheitsamt Steglitz arbeitete, war laut eigener Aussage angeblich entsetzt von Wehmeyers Tat gewesen, habe aber Angst vor ihm gehabt. Zusammen mit seiner Gattin belastete er den verdächtigen Berthold Wehmeyer als Haupttäter schwer. Delikat war dabei, dass der ledige Wehmeyer mit Wagners Ehefrau eine Affäre eingegangen war.
Die beiden Täter beschuldigten sich also gegenseitig der Tat. Die Kriminalpolizei war unschlüssig. Ein psychiatrisches Gutachten sollte den wahren Mörder ermitteln. Wehmeyer habe ein stark ausgeprägtes Sexualverlangen, hieß es im Gutachten und die Richter konnten sich nicht vorstellen, dass Wagner das viel ältere und damit weniger attraktive Opfer missbraucht haben soll, wo er doch mit einer jungen Frau verheiratet war. Das Verhältnis zwischen Wehmeyer und der Frau seines Mittäters spielte bei diesen Überlegungen anscheinend keine Rolle.
Wehmeyer sei eine „primitive, triebhaft handelnde, psychopathisch, egoistisch veranlagte Persönlichkeit“. Als 16-Jähriger hatte er eine Frau in der S-Bahn beraubt und sie aus dem Wagen zu stoßen versucht. Dafür war er zu neun Jahren Haft verurteilt worden, aber bereits 1944 auf freien Fuß gekommen.
Der Gutachter sah eher Wehmeyer als Anstifter als den älteren, aber „infantilen“ Wagner, der leicht zu beeinflussen gewesen sein soll. Damit war die Sache für Polizei und für das Gericht klar. Laut Urteil sei Wehmeyer Wagner „körperlich und in seiner Entschlusskraft weit überlegen“ gewesen.
Am 5. Juli 1948 wurde Wehmeyer wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs zum Tode verurteilt. Die Revision wurde zurückgewiesen, ein Gnadengesuch mit den dürren Worten „zur Befürwortung einer Begnadigung sehe ich keinen Anlass“ abgelehnt.
Auch die Alliierte Kommandantur lehnte sodann eine Begnadigung in englischer, russischer und französischer Sprache ab. So kam es schließlich zur Hinrichtung im Gefängnis in der Lehrter Straße. Der Scharfrichter wurde informiert, beim Bezirksbürgermeister wurden Lebensmittelkarten für die Henkersmahlzeit und für die an der Vollstreckung beteiligten Personen bestellt sowie 300 rote Plakate gedruckt. Sie dienten dazu, die vollstreckte Hinrichtung an ausgesuchten Litfaßsäulen der Stadt der Allgemeinheit bekannt zu geben.
Nach der Hinrichtung Wehmeyers wurde die letzte Berliner Guillotine demontiert und vier Jahrzehnte im Keller der Untersuchungshaftanstalt Moabit verwahrt. Heute ist sie im Strafvollzugsmuseum in Ludwigsburg zu besichtigen.
Bis zur Abschaffung der Todesstrafe fanden zwischen 1947 und 1949 im Berliner Zellengefängnis Lehrter Straße insgesamt zwölf Exekutionen statt. Vier davon waren vom britischen Militärgericht angeordnet, acht erfolgten auf Anordnung des Landgerichts Berlin.
Das letzte staatliche Hinrichtungs-Opfer in der DDR war der 1942 geborene MfS-Hauptmann Dr. Werner Teske. Er hatte an der Humboldt-Universität Finanzökonomie studiert und promovierte 1969. Eigentlich schwebte ihm eine wissenschaftliche Karriere vor, doch schon 1967 war er als IM „Tesla“ angeworben worden und arbeitete nach dem Rigorosum hauptamtlich an der Stasizentrale in Berlin–Lichtenberg. Teske wurde zum Agentenführer, der häufig im Westen war, wo er zum Beispiel bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 und bei der Winterolympiade 1976 in Innsbruck für die Westdevisen der streng ausgewählten „Reisegruppe“ zuständig war und dies auch für Unterschlagungen nutzte. Teske hatte Eheprobleme, trank zu viel, war unzufrieden mit seinem Job – und in Österreich hatte es ihm gefallen.  
Laut Urteil war er als „operativer Offizier mit der Führung von in der Deutschen Demokratischen Republik und im kapitalistischen Ausland wirkenden Patrioten betraut“. Dann jedoch sollen „zunehmende Oberflächlichkeit, Unehrlichkeit und Unlust zu mehreren dienstlichen Verfehlungen geführt“ und Teske soll „keine innere Bindung zum Staat der Arbeiter und Bauern gezeigt haben“.  
Teske hatte sich darüber Gedanken gemacht, in den Westen zu flüchten und geheime Informationen mitzunehmen. Dafür hatte er Dokumente gesammelt. Mit Rücksicht auf seine Familie wagte er die Flucht dann aber doch nicht.
In der geheimen Urteilsbegründung hieß es: „In Vorbereitung der Fahnenflucht prägte er sich im Jahr 1977 zum Zwecke des Verrats an einen imperialistischen Geheimdienst von 18 Patrioten, die im kapitalistischen Ausland wohnhaft waren, die Namen, Altersangaben, Wohnanschriften, berufliche Tätigkeit und Arbeitsstellen fest in das Gedächtnis ein. Mit dem Verrat dieser Informationen wollte er seinen Bruch zum Ministerium für Staatssicherheit und zum sozialistischen Staat dokumentieren.“ Die vom Angeklagten begangenen Verbrechen seien „von außerordentlich hoher Gesellschaftsgefährlichkeit und vom skrupellosen Verrat an der Arbeiter-und-Bauern-Macht durchdrungen“.
Weiter hieß es: „Der Angeklagte wird wegen vorbereiteter und vollendeter Spionage im besonders schweren Fall in Tateinheit mit vorbereiteter Fahnenflucht im schweren Fall […] zum Tode verurteilt.“
Rechtsstaatliche Ansprüche erfüllte das Urteil keineswegs, wie man 1993 feststellte. Es sollte wohl ein Exempel statuiert werden, denn kurz zuvor war es einem Kollegen Teskes gelungen, in den Westen zu flüchten. Er sei an Herzversagen gestorben, erfuhr Teskes Familie später aus der Sterbeurkunde.
Es war die letzte Hinrichtung in der DDR. Sie erfolgte am 26. Juni 1981 und geschah durch – wie es in der „geheimen Verschlusssache 02014“ im schönsten Behördendeutsch hieß – „unerwarteten Nahschuss in das Hinterhaupt“. Ort der Hinrichtung war die damalige Hausmeisterwohnung der Leipziger Strafvollzugsanstalt.  
Dorthin war Teske am frühen Morgen aus der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen gebracht worden. Er solle verlegt werden, wurde dem Häftling mitgeteilt. Beim Betreten des extra dafür eingerichteten Hinrichtungsraums trat der letzte Henker der DDR – Hauptmann Hermann Lorenz – unvermittelt von hinten an den Verurteilten heran und gab ihm mit einer schallgeschützten Pistole einen Genickschuss. Kaum eine Minute zuvor hatte der Staatsanwalt dem wohl verdutzten Teske eröffnet: „Ihre Hinrichtung steht unmittelbar bevor“, denn „der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“, also Erich Honecker, habe davon abgesehen, ein Gnadenverfahren einzuleiten.  
Bereits im Dezember 1979 und im Juli 1980 waren ein Major der Stasi und ein ehemaliger Fregattenkapitän im Nachrichtendienst auf dieselbe Weise umgebracht worden. Das Urteil gegen Teske wurde 1993 als rechtsstaatswidrig annulliert. 1998 wurden der Richter und der Staatsanwalt des Urteils zu vier Jahren Haft verurteilt.
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Ernst Reuß ist Autor. 2022 erschien sein Buch „Endzeit und Neubeginn, Berliner Nachkriegsgeschichten“ im Metropol Verlag.
Berliner Zeitung vom 01. Oktober 2024

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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