HISTORISCHES SACHBUCH
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Babyn Yar – damals und heute

29/9/2025

 
Babyn Yar (oder Babi Jar) war eine Schlucht kurz vor den Toren der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Dort fand 1941 das größte Massaker an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg statt.

„In der Schlucht von Babi Jar bei Kiew wurden am 29. und 30. September 1941 insgesamt 33 771 Menschen bestialisch ermordet. Die am Morden in der Schlucht von Babi Yar beteiligten Polizeibataillone sollen auch hier ‚nur‘ abgesperrt und die Opfer zum Erschießungsort getrieben haben, was zur Zeit der Ermittlungen als verjährte Beihilfe nicht mehr bestraft werden konnte.
Da auch bei den Erschießungen alles seine Ordnung haben musste, wurde normalerweise die Kleidung der Massakrierten fein säuberlich auf Lastwagen verfrachtet, desinfiziert und der NS-Volkswohlfahrt zugeführt.
Auch das wurde penibel dokumentiert: ‚137 Lastwagen Bekleidungsstücke, die im Zuge der in Shitomir und Kiew vorgenommenen Judenaktionen angefallen waren, wurden der NSV zur weiteren Verwendung zur Verfügung gestellt. Der größte Teil davon gelangte nach der notwendigen Desinfektion zur Verteilung an Volksdeutsche. U. a. konnte auch ein Kriegslazarett der Waffen-SS seinen Bedarf an Wolldecken usw. aus diesem Vorrat decken.‘“
​

(Ausschnitt aus Ernst Reuß, Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg, S. 35 f.)

In Deutschland wurden diese Verbrechen lange verdrängt. 1968 sagte eine der wenigen Überlebenden vor dem Landgericht Darmstadt aus und wurde wenig beachtet. Lediglich ein Lokalblatt berichtete. In der Sowjetunion wurde in der Erinnerungspolitik eher an Helden als an Opfer erinnert. Die besondere Erinnerung an Opfergruppen insbesondere der jüdischen Opfergruppe war unerwünscht.
Heute gibt es diese Schlucht so nicht mehr. Die Stadt Kiew ist inzwischen größer geworden. Der U-Bahn Ausgang ist genau dort, wo einst die Menschen zu ihrer Erschießung getrieben worden waren. Es gab dort nicht nur dieses eine große Massaker Ende September 1941, sondern viele weitere Erschießungen. Nach dem Krieg wurden die Leichen exhumiert, mindestens 65 000 sollen es nach neuesten Erkenntnissen gewesen sein. Danach sollte dort ein Vergnügungspark entstehen. Inzwischen erinnern im aufgeschütteten parkähnlichen Gelände jedoch viele Gedenktafeln und Denkmäler an die Opfer und an die verschiedenen Opfergruppen. Auch ukrainischen Nationalisten wird gedacht. Babyn Jar ist inzwischen ein umkämpfter Erinnerungsort. Im Augenblick wird ein Konzept für ein einheitliches Gedenkzentrum entwickelt. Man streitet sich über verschiedene Konzepte. Es geht auch da viel um nationalistische und antirussische Bestrebungen und es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis man sich auf ein gemeinsames Konzept geeinigt hat. Erinnerungspolitik im eher schlechten Sinn, bei der es immer auch um die Sichtweise der jeweiligen Machthaber geht und weniger um das Gedenken an das größte Massaker an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg.
Mit Babyn Jar hat sich anlässlich des 80. Jahrestags des Verbrechens auch die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde beschäftigt und veröffentlichte das Themenheft „Babyn Jar – Der Ort, die Tat und die Erinnerung“ in ihrer Zeitschrift Osteuropa 1-2/2021. Intensiv beschäftigt man sich dort mit dem Verbrechen, analysiert die juristische Aufarbeitung, die erinnerungspolitischen Konflikte, die künstlerische Aufarbeitung und dokumentiert die Aussagen von Dina Proničeva eine der wenigen Überlebenden. Lesenswert!
 
 
Ernst Reuß
 
 
Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. (Hrsg.), Osteuropa 1-2/2021, Babyn Jar – Der Ort, die Tat und die Erinnerung, Berlin 2021, 20 €.
Der Spiegel vom 05. September 2017
Aussage der Überlebenden Dina Proničeva

Karriere

24/9/2025

 
Michael Roth, 55, stammt aus dem nordhessischen Zonenrandgebiet und trat dort als Schüler 1987 in die SPD ein. 1998 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. Rot-Grün war nun am Ruder. Gerhard Schröder wurde als Nachfolger von Helmut Kohl zum Bundeskanzler gewählt. Insgesamt siebenmal gewann Roth seinen Wahlkreis und verbrachte sein halbes Leben in der Politik, bevor er 2025 nicht mehr kandidierte. 
Roth kam aus kleinen, schwierigen Verhältnissen und wollte überaus ehrgeizig „nach oben“. Dabei stieß er immer wieder an Grenzen in seiner eigenen Partei. Der langjährige Außenpolitiker schreibt vom innerparteilichen Machtkampf unter dem er immer stärker litt und schließlich mit der Politik aufhörte. In seinem Buch „Zonen der Angst. Über Leben und Leidenschaft in der Politik“ rechnet er mit vielen Weggefährten ab und thematisiert sein Schwulsein, die eigenen Ängste und seine psychische Erkrankung. Aber er schreibt auch über die vielen Misserfolge bei Wahlen, denen er sich ambitiös mit großem Ego immer wieder stellte, was ihm bei Parteigenossen nicht immer Sympathien einbrachte. Im Buch lamentiert er immer wieder über Pöstchen, die ihm versprochen wurden, die er aber nicht bekam - wobei er Parteigenossen brandmarkt, die das verhindert hätten.
Wenige Monate nach dem Ende seiner Karriere kommt schon dieses Buch, denn er will offensichtlich etwas sagen. Es ist ein zeithistorisches Buch und der Krieg in der Ukraine nimmt viel Raum ein. Roth schreibt: „Als Putin am 25. September 2001 im Bundestag sprach, Russland als ‚freundlich gesinntes europäisches Land‘ bezeichnete und für ein ‚einheitliches Großeuropa‘ warb, klang das wie ein Versprechen. Auch ich saß damals im Plenarsaal und applaudierte. Doch später stellte ich fest, dass Anspruch und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklafften: Putins Terrorpolitik im zweiten Tschetschenienkrieg oder die offenbar staatlich angeordnete Ermordung von Regimekritikerinnen wie Anna Politkowskaja sprachen der Zugehörigkeit zu einer europäischen Wertegemeinschaft Hohn. Allerdings blendete ich diese faktischen Entwicklungen wie viele andere anfangs aus. (...) Als ich Ende 2013 Staatsminister wurde, war Russland längst eine lupenreine Diktatur mit totalitären Zügen. Putin und seine Getreuen verfolgten das Ziel, alles zu zerstören, was für ein anderes Russland stand.“
Polen und die baltischen Staaten mahnten von Anfang an, dem russischen Imperialismus müsse durch Wehrhaftigkeit, Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung etwas entgegengesetzt werden. Sie hatten in der Vergangenheit ihre traumatischen Erfahrungen gemacht, während man in Deutschland diese Länder für hysterisch hielt. Roth ging öffentlich dagegen an und wurde bekannt, aber machte sich auch viele Feinde. Roth schreibt: „Hätten wir Willy Brandts Losung ‚Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein‘ wirklich beherzigt, wäre unser Blick nicht nur nach Moskau, sondern auch nach Warschau, Vilnius, Riga und Tallinn gegangen.“
Weit vor der Annexion der Krim begann Putin damit das östliche Europa zu destabilisieren. All jene Länder, die sich Richtung Westen und Europäische Union aufmachten, bestrafte er hart: Georgien, Moldau, die Ukraine. Aus heutiger Sicht eigentlich unverständlich, dass man trotzdem immer noch Geschäfte mit ihm machte und damit seinen aggressiven Terror mitfinanzierte.
Das zweite große politische Thema des Buches ist Israel, auch da hat er einen klaren Standpunkt: „Erst nach dem 7.Oktober 2023 erkannte ich, wie weit verbreitet und fest verankert Israel- und Judenhass bis weit in die gesellschaftliche Mitte wirklich sind. Nicht nur auf Berliner Straßen feierten Menschen überwiegend mit migrantisch-arabischem Hintergrund den Terror der Hamas und ihrer Verbündeten als legitimen Widerstand gegen das israelische Besatzungsregime. An deutschen Hochschulen werden jüdische oder pro-zionistische Studierende ausgegrenzt, gemobbt, beschimpft und gedemütigt, nicht weil sie womöglich hartleibige Verfechter von israelischem Nationalismus, sondern weil sie Juden sind. Menschen, die sich auch öffentlich zum Judentum bekennen, weil sie eine Kippa oder einen Davidstern tragen, sind auf deutschen Straßen und Plätzen nicht mehr sicher. Dieser Skandal lässt sich durch nichts rechtfertigen oder gar verharmlosen. Hier geht es mitnichten um eine in der Sache gebotene Kritik am israelischen Regierungshandeln. Hier werden Jüdinnen und Juden für eine Politik in Haftung genommen, mit der sie überhaupt nichts zu tun haben. Sie sind Zielscheibe von Diskriminierung, nur weil sie jüdisch sind. Das ist Antisemitismus. Und nichts anderes.“
Rothe schreibt kluge Sachen und eine äußerst persönliche Geschichte über sein Leben in der Politik. Lesenswert auch wegen des zeitgeschichtlichen Aspekts. Der 24. Februar 2022 war eine Zeitenwende, durch die viele alte Gewissheiten nicht mehr galten.
 
​ 
Ernst Reuß
 
 
Michael Roth: Zonen der Angst. Über Leben und Leidenschaft in der Politik. C. H. Beck, 302 Seiten, 26 Euro
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Göring

9/9/2025

 
Laut deutschen Historikern war Göring der Einzige, der Hitler hätte ersetzen können. Er genoss im Gegensatz zu Goebbels, Himmler oder Heß echte Sympathien in Teilen der Bevölkerung. In der Riege der NS-Größen sei Göring zudem der „kompletteste Politiker“ gewesen; nur er sei „intelligent, wandlungsfähig, brutal, machtgierig, zielstrebig, intrigant, kommunikationsstark und volksnah“ genug gewesen um – „auf der gesamten Klaviatur des politischen Systems seiner Zeit“ spielen zu können.
„Allerdings ist er nicht immer Herr der Lage; er verzettelt sich, verbraucht sich und langweilt sich in der Vielzahl seiner Ämter und Posten. Außerdem zählt zu seinen größten Schwächen, dass er nicht der Fleißigste ist.“, schreibt Andreas Molitor, der das Leben des machthungrigen Mannes, der Gegner kaltblütig ausschaltete, am Holocaust mitwirkte und ein bizarres Luxusleben führte, ausgesprochen spannend erzählt.
Hermann Göring wurde 1893 während eines Kuraufenthalts seiner Mutter im oberbayerischen Rosenheim geboren. Sein Vater, ein promovierter Jurist diente währenddessen als hoher Diplomat in Haiti und in der Dominikanischen Republik. Seine Mutter gab ihren Sohn die ersten drei Jahre zur Pflege, während sie mit ihrem Mann in Haiti war. 1896 kehrten die Görings nach Deutschland zurück. Hermann wurde in Fürth eingeschult, später schickte ihn sein Vater zum Militär.
Als Jagdflieger erlangte er im Ersten Weltkrieg einige Bekanntheit, ging danach nach Dänemark und Schweden, wo er seine erste Frau kennenlernte und heiratete. Göring immatrikulierte sich 1921 an der Universität München und nahm 1923 am Hitlerputsch teil. Danach musste er flüchten, wurde morphiumsüchtig und landete 1925 in Stockholm in einer Nervenheilanstalt. Die vom Reichstag im August 1925 erlassene Amnestie für politische Straftäter erlaubte Göring die Rückkehr nach Deutschland. Er trug anschließend maßgeblich zum Aufstieg der Nazis bei. Im August 1932 wurde er zum Reichstagspräsidenten gewählt, kurze Zeit später ernannte Hitler ihn zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich und zum Reichskommissar für den Luftverkehr. Am 11. April 1933 wurde Göring auch Ministerpräsident Preußens. Er war für die Gründung der Gestapo sowie die Einrichtung der ersten Konzentrationslager verantwortlich.
Seine Geltungssucht und sein Streben nach Macht zog sich wie ein roter Faden durch Görings Leben. Nur seinem Führer Adolf Hitler ist er devot ergeben. Molitor schreibt: „Was Göring als Treue deklariert, ist in Wirklichkeit der Opportunismus einer schwachen und zerrütteten Persönlichkeit, die nichts Neues in die Welt gebracht hat – außer der Erkenntnis, dass man es mit Ehrgeiz, Cleverness, Intrigen, Skrupellosigkeit und Brutalität sehr weit bringen kann. (...) Sein größtes Talent liegt in der Selbstinszenierung. Die allerdings treibt er zur Perfektion. Göring ist intelligent genug, zu wissen, dass ausschließlich die Gunst Hitlers ihm seine Macht und seinen pompösen Lebensstil sichert.“
Nachdem er sich in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges dieser Gunst nicht mehr sicher sein konnte, zog er sich auf seinen Landsitz zurück, wo ihm Kunstraub, Jagdleidenschaft und dekadenter Luxus weit wichtiger waren als die Angriffe alliierter Bomber.
Hitler duldete Görings pfauenhaften Lebensstil, den er insgeheim verachtet, denn beim Volk ist Göring weiterhin relativ beliebt. Goebbels schrieb Anfang Dezember 1944. „Der ganze Lebensstil, den Göring augenblicklich pflegt, ist dem Führer widerwärtig und ekelhaft geworden.“ Ganz zum Schluss verstieß Hitler seinen designierten Nachfolger Göring und wollte ihn hinrichten lassen.
Göring war schließlich einer der im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher Angeklagten, wo er nochmal einen großen Auftritt hatte. Er wurde am 1. Oktober 1946 schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. Durch Suizid am Vorabend der Hinrichtung entzog er sich der Vollstreckung des Urteils.
Molitor beschreibt auch das Ende sehr fesselnd. Göring der anfangs noch hoffte, dass man mit ihm als offiziellen Vertreter des besiegten NS-Regimes über die Kapitulation verhandeln würde, musste seinen Irrtum schnell einsehen, denn er wurde ins Gefängnis gebracht, auf Diät gesetzt und von seiner Drogensucht entwöhnt.
In der Nacht vor dem Hinrichtungstermin brachte er sich mit einer Zyankali-Giftkapsel um. Sein Leichnam und der von zehn Hingerichteten wurden eingeäschert und die Asche in einen Isar-Zufluss gestreut.
Eine außerordentlich interessant und kenntnisreich erzählte Biographie, die auch viele persönliche Seiten Görings zeigt.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Molitor, Andreas, Hermann Göring, Macht und Exzess. Eine Biografie. Verlag C.H.Beck, München 2025, 411 S., 32 €.

Das Blättchen vom 20. Oktober 2025, S. 7
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    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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