HISTORISCHES SACHBUCH
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Die Gelbe Birke

20/9/2024

 
Humanitärer Widerstand in Schweinfurt.
Auch in Schweinfurt gab es in der Zeit des Nationalsozialismus organisierten Widerstand. Eine humanitäre Widerstandsgruppe formierte sich mitten im Zweiten Weltkrieg: „Die Gelbe Birke“. Ihr gehörten in Schweinfurt stationierte Wehrmachtssoldaten und Schweinfurter Bürger an, zu einem späteren Zeitpunkt auch Kriegsgefangene. Gründer war der aus dem oberfränkischen Kronach stammende Soldat Andreas Bauer. Dass die Gelbe Birke nicht aufflog, grenzt an ein Wunder.
Hannes Helferich von der Initiative gegen das Vergessen recherchierte intensiv über Andreas Bauer und die Akteure der Gruppe und erarbeitete eine sehr informative und reich bebilderte Broschüre. Die Schweinfurter Initiative leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte Schweinfurts im Nationalsozialismus. Sie erinnert an Menschen, die Menschen blieben, die halfen, ungeachtet der Gefahren, denen sie sich selbst aussetzten. Die Akteure der „Gelben Birke“ bezeichneten ihre Arbeit selbst als Widerstand gegen die verbrecherische, menschenverachtende NS-Politik.
Andreas Bauer, gelernter Schriftsetzer und Zeitungsredakteur, hat von Anfang an mutig Stellung gegen die Nationalsozialisten bezogen, kam deshalb noch als Zivilist 1933 in „Schutzhaft“ und wurde danach mit einem Berufsverbot belegt. 1939 wurde er dennoch zur Wehrmacht einberufen und übernahm nach Kriegseinsätzen in Frankreich und Polen Ende 1942 in Schweinfurt eine 60 Mann starke Soldatengruppe, die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene bewachen sollten.
Der Bau von Luftschutzkellern und Stollen gehörte nicht zu ihren Aufgaben, wurde von Bauer dennoch organisiert und eigenmächtig durchgeführt, weil er festgestellt hatte, dass es trotz der Hochbunker massiv an Schutzeinrichtungen fehlt. Behutsam baute Bauer mit gleich gesinnten Soldaten und Bürgern aus Schweinfurt außerdem die „Gelbe Birke“ auf. Die Widerstandsgruppe versorgte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene mit Kleidung und Lebensmitteln, erlaubte ihnen auch den verbotenen Zugang in die Erdbunker. Die „Gelbe Birke“ rettete Hunderten Schweinfurter Bürgern und Kriegsgefangenen das Leben.
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Eine Broschüre der Initiative gegen das Vergessen
Die Broschüre ist seit September im Buchhandel erhältlich oder kann in der Kulturwerkstatt Disharmonie (https://www.disharmonie.de/), dem Stammhaus der Initiative, bestellt werden. Der Preis liegt bei 9,50 Euro.
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Nachkriegsberlin

16/9/2024

 
Ralf Langroth ist das Pseudonym eines Autors mit Übersetzungen in fünfzehn Sprachen. In den Romanen um den BKA-Mann Philipp Gerber und um die Journalistin Eva Herden packt Langroth historische Begebenheiten in einen Krimi.
Im zuletzt erschienen Buch ging es um Rosemarie Nitribitt, die 1957 in Frankfurt am Main ermordet worden war. Als Edelprostituierte hatte sie Kontakt zu bedeutenden Persönlichkeiten. Unter anderen soll auch ein späterer Bundeskanzler ihr Kunde gewesen sein.
Nun ist er einige Jahre später angekommen und fiktioniert Begebenheiten rund um den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Bundeskanzler Adenauer, sowie der dubiose Altnazi und spätere BND Chef Reinhard Gehlen, als auch der ebenfalls undurchsichtige Chef des Bundeskanzleramts Hans Globke spielen dabei erneut eine entscheidende Rolle. Während im letzten Band der damalige Bundesminister für Atomfragen und spätere Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und Bill Ramsey auftraten, tun das jetzt Billy Wilder, Egon Bahr und Willy Brandt.
Ebenso wird erneut Gerbers Geliebte, die Journalistin Eva Herden, sowie sein amerikanischer Fastschwiegervater und ehemaliger Geheimdienstchef Anderson in den Fall involviert. Gerber muss sich mehrmals seines Lebens erwehren und erschießt einige Menschen.
„Mauern und Lügen ist nach „Das Mädchen und der General“, der „Akte Adenauer“ und „Ein Präsident verschwindet“ die vierte Folge der Krimireihe um den Kriminalbeamten Philipp Gerber.
Philipp Gerber war 1933 mit seinen Eltern und Geschwistern in die USA emigriert und kam als Angehöriger des amerikanischen Militärgeheimdienstes unter Anderson nach Deutschland zurück. Später wird er Kriminalrat beim BKA – und gilt als Adenauers Mann. Seine möglicherweise baldige Ehefrau Eva Herden hat im Krieg ihre ganze Familie verloren und ist deshalb gegen Adenauers Bestrebungen, die BRD aufzurüsten und an die Westmächte zu binden. Sie ist Journalistin bei einem linken Nachrichtenmagazin, beginnt aber inzwischen an ihren Idealen zu zweifeln.
Auf dem Frankfurter Flughafen vereitelt Philipp Gerber ein Attentat auf Anderson und versucht danach die Drahtzieher des Anschlags ausfindig zu machen. Währenddessen gerät seine Freundin Eva zwischen die Fronten: Sie erfährt, dass eine Mauer zwischen Ost- und West-Berlin gebaut werden soll, denn dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ laufen die Arbeiter und Bauern weg. Monat für Monat erreichen tausende DDR-Bürger die Auffanglager in West-Berlin. Der Krimi nimmt mit einem überlaufwilligen Sowjetgeneral, dessen Geliebte und einer prominenten sowjetischen Scharfschützin seinen Lauf.
Langroth schafft es das Nachkriegsdeutschland plastisch und nachvollziehbar mit viel Zeitkolorit zu beschreiben. So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Möglicherweise wird es ein Wiedersehen mit Philipp Gerber und Eva Herden geben. In der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte - nach dem Bau der Berliner Mauer - gibt es noch genug zu erzählen. Man darf gespannt bleiben.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Ralf Langroth, Mauern und Lügen, Die Philipp-Gerber-Romane, Band 4, Rowohlt Hamburg 2024, 416 Seiten, 18 €.
Zuletzt erschienen: Band 1: Die Akte Adenauer, Band 2: Ein Präsident verschwindet, Band 3: Das Mädchen und der General

Maria Lazar

3/9/2024

 
Die 1895 in Wien geborene Maria Lazar emigrierte mit ihrer kleinen Tochter schon 1933 nach Dänemark und später dann nach Schweden.
Sie war das jüngste Kind einer vermögenden jüdischen, vollkommen assimilierten Wiener Familie und besuchte eine Schule mit reformpädagogischem Ansatz. Dort traf sie mit zahlreichen prominenten Persönlichkeiten der damaligen Wiener Kulturszene zusammen.
Oskar Kokoschka porträtierte die junge Künstlerin schon 1916 in seinem Bild „Dame mit Papagei“. Im dänischen Exil war sie zusammen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel, mit der Lazar besagte Schule besucht hatte. 
1920 hatte sie bereit ihren ersten Roman veröffentlicht und ein Jahr später kam es zur Uraufführung eines Theaterstücks, allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Erst ab 1930 veröffentlichte sie wieder längere Werke, diesmal unter dem Pseudonym Esther Grenen. Die Romane erschienen als Fortsetzungsgeschichten in Tageszeitungen. Mit Machtübernahme der Nazis wurden die Aufführung ihrer Werke verboten. In Dänemark arbeitete sie zwar weiter literarisch, hatte aber mit ihren Werken relativ wenig Erfolg. Ihre Romane und Aufsätze wurden nicht gedruckt, ihre Theaterstücke nicht oder nur kurz aufgeführt.
1937 erschien in einer in Moskau erscheinenden Exilzeitschrift das Buch das als ihr Hauptwerk gelten kann. Der Roman „Die Eingeborenen von Maria Blut“ schildert wie sich das schleichendes Gift des Nazismus in einem österreichischen Provinznest ausbreitet.
Von einer chronischen Krankheit beeinträchtigt beging Lazar 1948 Selbstmord. Danach wurde sie weitgehend vergessen. Weder die Bekanntschaft mit Weigel und Brecht, noch die Netzwerke der Wiener Kunstszene verhinderten dies.
Es ist ein großer Verdienst des Verlegers Albert Eibl des dvb (das vergessene buch) Verlags, die Werke von ihr seit 2014 wieder ausgegraben und verlegt zu haben. Teilweise wurden sie nun mit beachtlichem Erfolg auf die Bühne gebracht.
Zuletzt erschien das Buch „Die vergessenen Theaterstücke“ mit den Stücken „Der blinde Passagier, Die Hölle auf Erden und Die Liebe höret immer auf“. Das Buch  beinhaltet zwei von ihr selbst so bezeichneten Komödien und ein Drama der besonderen Art. Alle in den 1930ern geschrieben, alle bisher unveröffentlicht. Es geht um Flüchtlinge, den Völkerbund und um die bürgerliche Gesellschaft, die zunehmend ins Wanken gerät.
Im Nachwort von Simon Strauss heißt es: „Anders als in den vielen ideologiekritischen deutschsprachigen Theaterstücken aus den 1960er und 1970er Jahren kritisiert hier eine Dramatikerin die Ideologie des Faschismus aus unmittelbarer Anschauung als gegenwärtige Bedrohung. Alle drei in diesem Band erstmals veröffentlichten Stücke sind im Angesicht des Verbrechens geschrieben. (...) Das macht die Theaterstücke von Maria Lazar zu dramatischen Zeugnissen einer brennenden Zeit.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Maria Lazar: Die vergessenen Stücke. Erstmals aus dem Nachlass herausgegeben von Albert C. Eibl. Mit einem Nachwort von Simon Strauß.  368 Seiten, Wien 2024, 28 Euro.

Demokratie am Scheideweg?

1/9/2024

 
Scheitern der Weimarer Republik
Ursachen und Hintergründe des Scheiterns der Weimarer Republik zu ergründen ist gerade heutzutage sehr bedeutsam. Das Buch „Schicksalsstunden einer Demokratie“ des Historikers Volker Ullrich will dies tun. Diesbezüglich sind schon viele Bücher erschienen, die beispielsweise zeigen, dass in der Hyperinflation von 1923 die Selbstbehauptungskräfte der Demokraten stärker waren als von vielen angenommen. Die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten im April 1925 stellte allerdings eine Zäsur dar. Sie hätte verhindert werden können, wenn die KPD über ihren Schatten gesprungen wäre und im zweiten Wahlgang keinen eigenen Kandidaten aufgestellt hätte.
Ullrich schreibt: „Doch selbst noch im Januar 1933 war der Triumph Hitlers nicht unvermeidlich, gab es immer noch Möglichkeiten, ihn von der Macht fernzuhalten. Das Scheitern der Weimarer Republik bleibt ein Lehrstück, wie zerbrechlich eine Demokratie ist, und wie rasch die Freiheit verspielt werden kann, wenn die demokratischen Institutionen versagen und die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu schwach sind, um den Verächtern der Demokratie Einhalt zu gebieten.“
Binnen fünf Monaten und mit einer zuvor von den regierenden Demokraten nie gezeigten Entschlossenheit beseitigten die Nazis die Weimarer Republik und damit auch die Demokratie. Mit dem „Röhm-Putsch“ 1934 ermordeten sie ihre letzten verbliebenen Widersacher und stellten die Weichen auf Diktatur.
Bereits in seiner Einleitung schreibt Ullrich dazu folgendes: „Demokratien sind fragil. Sie können in eine Diktatur umschlagen. Freiheiten, die fest errungen scheinen, können verspielt werden.“ 
Ullrich untersucht „das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik“ um Schlüsse daraus zu ziehen, die für die Gegenwart durchaus wichtig sein können. 
Exemplarisch beschreibt Ullrich dabei auch das „Modell Thüringen“, wo 1930 die NSDAP erstmalig in eine Landesregierung einzog. Eine Brandmauer gab es damals nicht, man glaubte in konservativen Kreisen die Nazis politisch zähmen zu können. Die bürgerlichen Parteien in Thüringen lieferten damit die Blaupause, wie sich eine Machtübernahme auch auf Reichsebene durchführen lässt. 
Im Kapitel „Modell Thüringen.“ erzählt Ullrich von „Wilhelm Fricks brauner Kulturrevolution“.
Am 23. Januar 1930 wurde Wilhelm Frick in Thüringen Innenminister und somit der erste Naziminister der Weimarer Republik. Frick betrieb daraufhin die Entlassung von kommunistischen Lehrern und Bürgermeistern, den Personalabbau von sozialdemokratischen Beamten sowie die bevorzugte Einstellung von Nationalsozialisten in die Landespolizei. Frick setzte danach gegen den Willen der Universität Jena die Berufung eines „Rasseforschers“ für den neugeschaffenen Lehrstuhl Sozialanthropologie durch und sorgte für Erscheinungsverbote von kritischen Zeitungen sowie für Aufführungsverbote von Theaterstücken und Filmen. Er verfügte, dass Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues in keiner Schule des Landes mehr gelesen werden durfte und versuchte ein nationalsozialistisch angehauchtes Schulgebet einzuführen. An den Kunstschulen verloren zahlreiche Lehrkräfte ihren Arbeitsplatz. Die Gemäldesammlung des Weimarer Stadtschlosses wurde „gesäubert“. Frick sorgte dafür, dass Werke „entarteter Künstler“ aus den Sammlungen entfernt wurden.
Nicht nur dieses, aber gerade auch dieses Kapitel ist eine deutliche Mahnung: Wir selbst haben es in der Hand, ob die Demokratie siegt oder scheitert.
Die nächsten Landtagswahlen könnten schon entscheidend sein.
 
Die AfD
Am 1. September 2024 wird in Sachsen und Thüringen gewählt. Unzählige Wähler werden die AfD wählen. Wähler, die sicher nicht folgende Bücher gelesen haben und wahrscheinlich auch faktenresistent genug wären, dass ihnen die Bücher nicht zu einem Umdenken verhelfen würden. Es sind Bücher, die beschreiben was für eine Gefahr die AfD darstellt.
„Angriff auf Deutschland. Die schleichende Machtergreifung der AfD“ von Michael Kraske und Dirk Laabs setzt sich intensiv mit den systematischen Vernetzung der AfD mit rechtsextremen Gruppierungen auseinander. Die AfD arbeitet systematisch daran, Deutschland in einen autoritären, völkischen Albtraum zu verwandeln. Kontakte ins rechtsterroristische Milieu sei kein Zufall, so die Autoren.
Höcke und Co. hetzen seit langem offen gegen Minderheiten und gegen die Demokratie. Der vorbestrafte Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann bezeichnet politische Gegner in NS-Jargon als „Schädlinge“, „Parasiten“ und „Maden“. Im Buch heißt es: „In einer lupenreinen Vernichtungsfantasie sprach er darüber, wie der gesellschaftliche Graben geschlossen werden könnte. Alle Unterstützer der ‚Volksfeinde‘ sollten rein in den Graben, so Bachmann damals: ‚Wir werfen sie in den Graben. Dann schütten wir diesen Graben zu.‘“
Höcke nennt Deutschland ein „geschlossene Anstalt“ und sagt: „Und ich möchte an dieser Stelle ergänzen, dass Deutschland ein ganz besonderes Irrenhaus ist. Nämlich ein Irrenhaus, in dem die Patienten tatsächlich denken, dass sie die Ärzte sind.“ 
Die Autoren recherchieren seit Jahren im extremistischen Milieu und liefern Fakten, die für denjenigen, den es interessiert schon lange offen liegen. Trotzdem erreicht die AfD in den Umfragen immer wieder neue Höchstwerte. Kraske und Laabs benennen die rechtsextremen Netzwerker rund um die AfD und zeigen, wie die Partei nicht nur wegen ihrer Deportationsfantasien zu einer extremistischen Gefahr werden konnte. AfD-Mitglieder geraten unter Terrorverdacht. In vielen AfD-Büros arbeiten radikalste Kader aus der ultrarechten Szene und die Partei setzt ihren Plan, das Land radikal nach völkischen Vorstellungen umzubauen, Schritt für Schritt um, ohne bislang wirksam bekämpft zu werden. Doch die Zeit für ein AfD-Verbot wird knapp! Die Autoren plädieren für ein Parteienverbot, denn vieles erinnert an die Zögerlichkeiten beim NSDAP-Verbot, als die Weimarer Republik noch existierte.
 
Unterwanderung?
Die Gefahr der Unterwanderung von Polizei und Justiz ist inzwischen nicht mehr von der Hand zu weisen, auch wenn immer wieder von „Einzelfällen“ die Rede ist. Auch der Autor Joachim Wagner, ein Jurist und ehemaliger Fernsehredakteur, will in seinem Buch „Rechte Richter“ auf das Problem von möglicherweise rechtsradikalen Richtern, Staatsanwälten und Schöffen aufmerksam machen.
Wagner beschreibt einige Beispiele von „rechter Rechtsprechung“: Ein thüringischer Staatsanwalt leitete ein Ermittlungsverfahren gegen die Aktionskünstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ ein, nachdem B. Höcke sie als solche bezeichnet hatte. Beleidigungsverfahren gegen rechte Hetzer stellte er vielfach mit absurden Begründungen ein, die auf eine rechte Gesinnung schließen lassen könnte. Seltsam, dass seine Vorgesetzten da nicht vorher hellhörig wurden. 
Nachdem in einem Facebook Chat darüber schwadroniert wurde Benzin für ein Flüchtlingsheim zu besorgen, urteilte ein sächsischer Richter „In diesem Zusammenhang ist nach Ansicht des Gericht die Entscheidung der Bundeskanzlerin, eine bisher nicht bekannte Anzahl von Flüchtlingen unkontrolliert ins Land zu lassen, viel mehr geeignet den öffentlichen Frieden zu stören, als der Facebook-Kommentar des Angeklagten.“
Ein hessischer Verwaltungsrichter, der den Slogan „Migration tötet“ als eine „empirisch zu beweisende Tatsache“ wertete, die deshalb nicht als „volksverhetzend zu qualifizieren“ sei, durfte weiterhin über Asylverfahren entscheiden. Befangenheitsanträge wurden lange abgelehnt.
Das Verwaltungsgericht Gera fiel damit auf, sehr restriktiv über Asylbegehren zu entscheiden. Weniger Probleme hatte das Gericht, beziehungsweise dessen Richter, mit Freundschaften zu vom Verfassungsschutz beobachteten Personen. Erstaunlicherweise wurden aber martialische Fackelzüge zu Hitlers Geburtstag oder zur Reichspogromnacht genehmigt. 
 
Parteienverbot?
Argumente für ein Verbot der AfD liefert auch das das Buch von Hendrik Cremer, der im Deutschen Institut für Menschenrechte zu Rassismus und Rechtsextremismus forscht. Er sammelte Beweise, die zeigen, welche völkischen und verfassungsfeindlichen Ziele die Partei heute verfolgt und wie es ihr gelingt, die öffentlichen Debatten zu beeinflussen, sei es in Talkshows oder in unkritischen Interviews.
Bereits der Parteitag der Alternative für Deutschland im Sommer 2015 war ein Wendepunkt zur Radikalisierung der Partei nach ganz rechts. Damals setzte sich Frauke Petry gegen den euroskeptischen Gründer Bernd Lucke durch, der die AfD in der Folge verließ. Inzwischen sind Petry und Lucke Geschichte, genauso wie viele andere rechtspopulistische Parteimitglieder. Der völkische Flügel um ihren Führer Höcke hat sich vollkommen durchgesetzt.
Hendrik Cremer charakterisiert die AfD mit nachvollziehbaren Bewertungen als rechtsextreme Partei. Die AfD ist laut Cremer eine Partei, die die Menschenwürde vieler in Deutschland lebender Menschen nicht achtet, Gewalt befürwortet und die Grund- und Menschenrechte systematisch in Frage stellt.
Am Ende der Lektüre des Buches fragt man sich, warum es noch nicht schon längst das Parteiverbotsverfahren gibt, denn sehr deutlich belegt der Autor wie gefährlich die AfD ist. Was sie will machen die führenden Parteimitglieder immer wieder mehr als deutlich. Die Beweisführung zum rechtsextremen Charakter der AfD konzentriert sich auf Aussagen der Führungsfiguren Höcke, Weidel, Gauland und Chrupalla. Hendrik Cremer belegt das alles mit öffentlichen Zitaten. Eigentlich müsste sie jeder kennen.
Erschreckend!
Momentan sei ein Verbot wegen der Länge des Verfahrens jedoch keine sinnvolle Option mehr, meint Cremer, fordert aber die „längst überfällige Einstufung der AfD als ‚erwiesen rechtsextremistische Bestrebung‘“. Laut Cremer erhebt die „AfD den totalitären Anspruch, Menschen zu Objekten zu degradieren, nach Gutdünken über sie zu entscheiden und zu verfügen“, „was Deportationen deutscher Staatsangehöriger einschließt“. Er resümiert: „Käme die AfD an die Macht, wäre niemand mehr in diesem Land sicher“
Schon 2018 sprach Höcke in einem Buch von der Notwendigkeit eines „großangelegten Remigrationsprojekts“, das eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“ erfordere.
Wer sich noch mal auf den neuesten Stand bringen möchte, welche Ziele die AfD heute verfolgt und was für Gefahren der Demokratie drohen, kann das in den obengenannten Büchern nachlesen. Gut recherchiert und gut zu lesen mögen sie viele Leser finden.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Volker Ullrich: Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik. Verlag C.H. Beck, München 2024. 383 Seiten, 26 Euro.
Kraske, Michael / Laabs, Dirk, „Angriff auf Deutschland, Die schleichende Machtergreifung der AfD.“ Verlag C.H. Beck, München 2024. 350 Seiten, 18 Euro. 
Joachim Wagner: „Rechte Richter. AfD-Richter, -Staatsanwälte und -Schöffen: eine Gefahr für den Rechtsstaat?“, BWV Berlin 2021, 194 Seiten, 29 Euro.
Hendrik Cremer: „Je länger wir schweigen, desto mehr Mut werden wir brauchen“, Berlin Verlag, Berlin 2024. 240 Seiten, 22 Euro.

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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