HISTORISCHES SACHBUCH
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Jüdischer Widerstand

15/7/2025

 
Schoa wird der Genozid bezeichnet, den vor allem Deutsche an rund zwei Dritteln aller damals lebenden europäischen Juden begingen. Juden gelten dabei bis heute als passive und wehrlose Opfer. Dass sich in Deutschland und den okkupierten Gebieten zehntausende Jüdinnen und Juden aktiv wehrten, ist bis heute kaum bekannt. Ihre Geschichten hat Stephan Lehnstaedt für sein Buch „Der vergessene Widerstand. Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust“ gesammelt.
Er stellt Widerständler vor, die bislang nahezu vergessen waren, obwohl sie ihr Leben riskiert und oftmals auch verloren haben. Lehnstaedt zeigt beispielsweise die Geschichte des Übersetzers Oswald Rufeisen, der hunderten Ghettoinsassen in Belarus das Leben rettete. Rufeisen, der akzentfrei Deutsch sprach, arbeitete ab 1941 bei der deutschen Polizei, hielt jüdische Partisanen auf dem Laufenden und rettete viele Menschenleben.
Lehnstaedt schreibt: „Rufeisen war ein polnischer Jude, der nach dem deutschen Einmarsch in seine Heimat 1939 erst nach Wilna floh und 1941 bis nach Mir im heutigen Belarus gelangte. Dort gab er sich als sogenannter Volksdeutscher aus und verdingte sich beim lokalen deutschen Polizeiposten als Übersetzer. Als im August 1942 das Ghetto mit etwa 300 Insassinnen und Insassen liquidiert werden sollte, warnte Rufeisen diese Menschen. Und mehr noch, er führte die Deutschen auf eine falsche Spur auf der Suche nach angeblichen Widerstandskämpfern und ermöglichte dem Ghetto so überhaupt erst die Flucht. Als die Mörder ihren Irrtum bemerkten, folterten sie Rufeisen, bis dieser zugab, selbst Jude zu sein. Unter abenteuerlichen Umständen gelang ihm dennoch die Flucht und das Überleben bei den sowjetischen Partisaneneinheiten – weil Flüchtlinge aus Mir für den höchst verdächtigen ehemaligen Übersetzer bürgten.“ 1998 starb er 87-jährig in Haifa.
Lehnstaedt weiter: „Und wer hat schon von der 1922 in Mannheim geborenen Marianne Cohn gehört, die im besetzten Frankreich seit 1943 mit der jüdischen Widerstandsbewegung Organisation Juive de Combat (Jüdische Kampforganisation) verfolgte Kinder in die sichere Schweiz schmuggelte? Sie bewies wahren Mut, als sie mit einem Transport von 32 Jugendlichen aufflog und von den deutschen Tätern verhaftet wurde: Obwohl sich ihr die Gelegenheit zur Flucht eröffnete, wollte sie ihre Schützlinge nicht im Stich lassen. Diese Haltung bezahlte sie mit dem Leben.“
Der jüdische Partisan Abba Kovner appellierte 1941 „Lasst euch nicht wie die Lämmer zur Schlachtbank führen!“ und rief in den Wäldern rund um Vilnius zum bewaffneten Widerstand gegen die drohende Vernichtung auf. Laut Lehnstaedt war der religiöse Bezug allen bewusst: „Wer zu Hause oder in der Schule auch nur rudimentäre Thora-Studien absolviert hatte, war mit dieser Idee vertraut: Die Israeliten, Gottes Volk, vertraut diesem blind und ist gehorsam bis in den Tod. Wie die Lämmer gegenüber einem guten Hirten protestieren sie nicht gegen die vorherbestimmten Wege. Es ist ein Urvertrauen, das in diesem Bibelzitat zum Ausdruck kommt. Indem Kovner es hinterfragte, wurde er vielleicht nicht zum Ketzer, aber er zeigte doch seine Verwurzelung in der religiösen Tradition genau wie in den sozialistisch-zionistischen Idealen von Selbsthilfe und eines starken, tatkräftigen Judentums.“
Auch er war einer von vielen Heldinnen und Helden, von denen Lehnstaedt berichtet.
In Osteuropa gab es vermutlich häufig Widerstandsaktionen, vor allem im Moment totaler Ausweglosigkeit. Doch die meisten Widerstandshandlungen sind wohl bis heute unbekannt geblieben.
Anders als der Mythos der Passivität es will, gelang es einigen von ihnen immer wieder, die Pläne ihrer Verfolger zu durchkreuzen oder zumindest aufzuhalten.
Von einem umfassenden, organisierten Widerstand kann jedoch nicht die Rede sein, und viele dieser Aktionen sind nur durch glückliche Zufälle überliefert.
Während in der Bundesrepublik der konservative Widerstand um Graf Stauffenberg alles andere überlagerte, galt in den Staaten des Ostblocks nur der jüdische kommunistische Widerstand als relevant.
In Israel wiederum setzte sich ein militärisches Verständnis von Wehrhaftigkeit durch, das bis heute sämtliche Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten bestimmt.
Abba Kovner scheint bis heute nachzuwirken.
 
 
Stephan Lehnstaedt: »Der vergessene Widerstand. Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust«, C.H.Beck, München 2025, 384 S., 28 €.
 
 
Exkurs: Der Aufstand von Sobibor

Jedes vierte Opfer des Holocaust kam im Rahmen der bis zum Oktober 1943 dauernden „Aktion Reinhardt“ ums Leben. Heinrich Himmler hatte dies im Juli 1942 angeordnet, weil die mit dem Überfall auf die Sowjetunion stattfindenden Massenerschießungen durch Einsatzgruppen nicht „effektiv“ genug waren. „Aktion Reinhardt“ steht für die systematische Ermordung von Menschen in den abgeschieden an Eisenbahnlinien liegenden drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka an der östlichen Grenze des besetzten Polens.
Die Insassen von Vernichtungslagern im Dritten Reich werden zumeist als gedemütigte, verängstigte und wehrlose Individuen dargestellt, daher wissen die wenigsten, dass es in den Lagern auch vereinzelt Widerstand gab. Am 14. Oktober 1943 kam es in Sobibor zu einem Aufstand, bei dem mindestens 12 SS-Männer und 10 ukrainische Helfer getötet wurden. Bereits im August hatte es einen ähnlichen Aufstand in Treblinka gegeben. Damit hatten die SS-Männer nicht gerechnet, denn sie waren überzeugt, dass die von ihnen so bezeichneten „Untermenschen“ dazu nicht in der Lage wären.
Für den Aufstand in Sobibor hatten sich ungefähr 50 Verschwörer zusammengetan, die noch als Arbeiter gebraucht wurden und daher nicht sofort vergast worden waren. Sie wussten jedoch was auch ihnen bevorstand, denn sie sahen die ankommenden Züge und erlebten was tagtäglich in den Gaskammern geschah. Der Ukrainer Alexander Petscherski und der Pole Leon Feldhendler waren die treibenden Kräfte des Aufstands. Sie hatten alles minutiös geplant und mit einem gezielten Axthieb sollte der Aufstand beginnen.
Der zu diesem Zeitpunkt amtierende Lagerkommandant Niemann wurde zur Anprobe einer neuen Uniform gebeten. Sie hätten was besonders schönes für ihn, behaupteten seine Arbeitssklaven. Niemann kam standesgemäß auf seinem Pferd angeritten, legte seine Uniform mitsamt der Pistole ab, um sich seine Uniform anpassen zu lassen. Nichtsahnend ließ er sich in seiner Hybris vom Schneider in die richtige Richtung drehen, dann traf ihn von hinten die Axt und spaltete seinen Schädel. Ein Schlag hätte genügt, aber einer der Anwesenden stach noch rasend vor Wut mit einer Schere auf ihn ein, während er die Namen seiner in Sobibor ermordeten Frau und Kinder rief.
In der Schusterwerkstatt wurde inzwischen der Kommandeur der ukrainischen Wachleute auf dieselbe Art liquidiert. Ihm waren schöne neue Stiefel versprochen worden.
Innerhalb kurzer Zeit konnten so die wichtigsten SS-Männer im Lager liquidiert, alle Telefonleitungen gekappt und Gewehre aus der Waffenkammer gestohlen werden, ohne dass es die ukrainischen Wachposten an den Lagerzäunen bemerkt hätten. Das Lager war führungslos.
Danach erst wurden die anderen Arbeitshäftlinge eingeweiht. Petscherski hielt eine kurze Ansprache. Für die Wachleute in ihren fernen Wachtürmen sah es aus wie der übliche Nachmittagsappell, zu dem ein eingeweihter „Kapo“ gerufen hatte.
Erst als ein vom Einkauf zurückkehrender SS-Mann den ersten ermordeten Kollegen fand, brach das Chaos aus. Unter dem Kugelhagel der alarmierten ukrainischen Wachleute wurde von den Häftlingen das Lagertor durchbrochen, um in den nahen Wald zu fliehen. Im Kugelhagel und im Minenfeld starben viele schon beim Fluchtversuch. Danach begann eine mörderische Hetzjagd, der auch viele zunächst erfolgreich Geflüchtete zum Opfer fielen. Von den 550 Insassen zum Zeitpunkt des Aufstands sollten nur 53 die nächsten Monate überleben.
Zwei davon, Aleksandr Petscherski und der damals 16-jährige Thomas Blatt, haben beeindruckende Augenzeugenberichte hinterlassen. Petscherskis eher nüchterner Bericht wurde 2018 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, Thomas Blatts Buch „Nur die Schatten bleiben“, bereits einige Jahre zuvor. Blatts Augenzeugenbericht beeindruckt auch durch ein dokumentiertes Gespräch von 1983 mit einem seiner deutschen Peiniger.
Die im Lager verbliebenen Juden wurden schon am Tag nach dem Aufstand erschossen. Das Vernichtungslager wurde von der SS dem Erdboden gleichgemacht, wohl auch um die Verbrechen vor der herannahenden Roten Armee zu verbergen.
Weder Petscherski noch Blatt hatten es nach dem Krieg leicht. Aleksandr Petscherski galt als ehemaliger Kriegsgefangener in der Sowjetunion als Verräter. So hatte es Stalin einst dekretiert. Erst 2016 verlieh ihm Präsident Wladimir Putin posthum die Tapferkeitsmedaille.
Auch Thomas Blatt war in seiner polnischen Heimat Izbica nicht mehr gern gesehen. Ein Bauer versuchte ihn zu töten, nachdem er ihm zuvor Unterschlupf gewährt hatte. Er überlebte mit einem Steckschuss im Kiefer, seine Begleiter nicht. Neue Besitzer hatten sich jüdisches Eigentum unter den Nagel gerissen und sahen ihn nun als Konkurrenten. Auch andere zurückgekehrte Juden wurden getötet, denn Antisemitismus war weit verbreitet. Ein Nachbar, der Blatt vor einheimischen Antisemiten versteckte, riet ihm: „Lauf von hier weg, Tiovi, und verlier keine Zeit, sonst ist es zu spät. (…) Sie suchen dich, sie suchen dich überall. Lauf, lauf nach Lublin, bevor es zu spät ist.“
Der zweiten Anführer des Aufstands von Sobibor Leon Feldhendler ging nach der Befreiung nach Lublin, wurde dort im April 1945 von einem Antisemiten angeschossen und erlag nach drei Tagen seinen Verletzungen.
 
 
Ernst Reuß

 
Literatur:
 
Aleksandr Petscherski: Bericht über den Aufstand in Sobibor. Herausgegeben und übersetzt von Ingrid Damerow. Mit einem Beitrag von Stephan Lehnstaedt. Metropol Verlag, Berlin 2018, 137 Seiten, 19 Euro.
Steffen Hänschen, Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust, Metropol Verlag, Berlin 2018, 608 Seiten, 29,90 Euro.
Sara Berger, Experten der Vernichtung, Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka, 622 Seiten, Mit 23 Abbildungen, Hamburger Edition, Hamburg 2013, 28 Euro.
Jules Schelvis, Vernichtungslager Sobibór, Unrast Verlag, Münster 2012, 360 Seiten, 20 Euro.
Thomas Tiovi Blatt, Sobibór – der vergessene Aufstand, Unrast Verlag, Münster 2004, 254 Seiten, 18 Euro.
Thomas Tiovi Blatt, Nur die Schatten bleiben, Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibor, Aufbau Verlag, Berlin 2000, 335 Seiten.

Srebrenica

13/7/2025

 
Der Ort Srebrenica steht für das kaltblütige Massaker an mehr als 8 000 wehrlosen muslimischen Männern und Jugendlichen aus Bosnien. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Am Abend des 11. Juli 1995 befanden sich in Potočari, nahe Srebrenica, bis zu 25 000 bosniakische Flüchtlinge. Tausende drängten sich auf einem UN-Blauhelm-Gelände, während der Rest sich auf benachbarte Felder verteilte. Die einmarschierenden Truppen der bosnischen Serben, selektierten die Menschenmassen unter den Augen der dort stationierten niederländischen UN-Soldaten. Frauen, Kinder und Männer wurden getrennt abtransportiert. Fast alle männlichen bosniakischen Gefangenen wurden zwischen dem 13. und 17. Juli in sorgfältig durchgeführten Massenexekutionen getötet.
Wie konnte es im Juli 1995 dazu kommen? Mitten im „aufgeklärten“ Europa, in einer Sicherheitszone der Vereinten Nationen?
Matthias Fink, Autor und Journalist, beschreibt minutiös den Hergang des unerträglichen Geschehens. Fast tausend Seiten, voller Unmenschlichen, die sehr stark an Judenpogrome im Zweiten Weltkrieg erinnern. Täter und Opfer kannten sich teilweise. Sie waren in dieselben Schulen gegangen oder hatten jahrelang in denselben Dörfern gelebt. Der Hass wurde von nationalistischen Politikern geschürt. Die „Türken“, wie sie von den bosnischen Serben bezeichnet wurden, also muslimische Bosniaken, die nichts anderes als die „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne gehabt hätten, mussten aus deren Sicht eliminiert werden. Kommt einem bekannt vor. Offensichtlich kann sich Geschichte durchaus wiederholen.
Beim Dankgottesdienst anlässlich des kurz nach dem Massaker erfolgten „militärischen Sieges“ in einer nahen christlichen Kirche ließ der Bischof die versammelte Gemeinde wissen: „Gott hat sich unserem Volke zugeneigt, und der Himmel war uns nie näher als jetzt. Wir fühlen, dass Gott mit uns ist. Wir spüren, dass die Hand Gottes uns führt, denn [...] ist es nicht ein Wunder und die Gnade Gottes, dass hier in drei Tagen mutige serbische Krieger serbisches Land, das seit der Zeit der Osmanen besetzt war, befreit haben? Dass dort, wo das altehrwürdige Kreuz geleuchtet hatte, sie den Schandfleck des Halbmonds entfernen?“
Fink lässt keinen Zweifel an der Schuld der bosnisch-serbischen Truppen und ihren Befehlsgebern, der als Hauptverantwortlicher für das Massaker geltende Ratko Mladić wurde im November 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt, dokumentiert aber auch das Versagen der Staatengemeinschaft und verschweigt nicht die Verbrechen, die auf das bosniakische Konto gehen.
Das akribisch recherchierte und umfangreiche Buch ist eine, anhand von Zeugenaussagen plastische und sehr erschreckende Schilderung der Mordtaten.
Die Gebeine des 14jährige Mirnes Osmanovic wurden erst 14 Jahre später in einem Massengrab entdeckt. Die Mutter, die zwischendurch in Deutschland als Flüchtling geduldet war, erfuhr 2011 davon. Sie hatte nicht nur ihn, sondern auch ihren Mann bei dem Massaker in Srebrenica verloren. An die 8 500 Opfer wurden seit Ende des Bosnienkrieges exhumiert. Etwa 7 000 Leichen konnten bislang namentlich zugeordnet werden.
Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stufte das Verbrechen in Srebrenica als Völkermord ein.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Matthias Fink, Srebrenica, Chronologie eines Völkermords oder Was geschah mit Mirnes Osmanovic, 992 Seiten, gebunden, 20 Abb., 12 Karten, Hamburger Edition 2015, 45 €

Das Srebrenica Tape – Liebesbotschaft aus dem Krieg

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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