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Der 1904 in Budapest geborene Attila Petschauer war einer der bekanntesten Säbelfechter in den 20er und 30er Jahren und galt als der „neue d‘Artagnan“. 1928 und 1932 gewann er mit dem ungarischen Team jeweils die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen.
Im Einzel gewann er 1928 die Silbermedaille, 1932 wurde er Fünfter. Er war ein allseits bekannter ungarischer Nationalheld, was ihm allerdings nichts nutzte, denn er war ein Jude. Nachdem auch in Ungarn antisemitische Gesetze eingeführt wurden, musste Attila Petschauer Arbeitsdienst verrichten. Er wurde in ein Arbeitslager deportiert, wo er auf einen Olympiakollegen von 1928 traf, der bei den Reitwettbewerben mitgemacht hatte. Kálmán Cseh von Szent-Katolna war dort Lagerkommandant. Petschauer sprach ihn an und hoffte wohl erfreut, dass der ihn aus seiner misslichen Situation befreien könne. Sein ehemaliger Kollege war aber weniger froh ihn zu sehen und gab den Lagerwachen die Anweisung, es „dem Juden zu zeigen“, was diese gern taten. Petschauer wurde verhöhnt, musste auf Bäume klettern und wie ein Hahn krähen. Er musste sich nackt ausziehen und wurde mit Wasser bespritzt. Es war Januar und Petschauer überlebte diese Torturen nicht. Er starb am 20. Januar 1943. Er war nicht der einzige Jude der siegreichen ungarischen Säbel-Mannschaft von 1928 und 1932, der im Holocaust umkamen. Ernst Reuß
Gerade laufen die Olympischen Spiele in Paris. Es ist die XXXIII. Olympiade der Neuzeit. Eine Olympiade beginnt im Jahr der Sommerspiele und dauert (normalerweise) vier Jahre. Nummeriert wird unabhängig davon, ob die Spiele stattfinden oder nicht.
125 Jahren sind nun seit der ersten Olympiade der Neuzeit in Athen vergangen. 1896 erhielten die Olympiasieger eine Silbermedaille und einen Olivenzweig, der Zweitplatzierte eine Bronzemedaille mit Olivenzweigen. Die heute üblichen Ehrungen in Gold, Silber und Bronze wurde erst 1904 eingeführt. Deutschland nahm an den ersten Olympischen Spielen in Athen mit gerade mal 21 Sportlern teil. In der Deutschen Turnerschaft waren der Wettkampfcharakter und der internationale Anspruch der Spiele heftig umstritten und es galt als „undeutsch“, am „französischen Treiben“ teilzunehmen. Schließlich war Baron de Coubertin - der Initiator der Olympischen Spiele - ein Franzose und damit ein „Erzfeind“. In der Absage der Deutschen Turnerschaft hieß es, dass die „Hauptleitung der Feste von vornherein uns Deutschen gegenüber eine Stellung mit Wort und Tat eingenommen hat, die es mit deutscher Ehre unverträglich macht, an den Wettkämpfen in Athen teilzunehmen“. Es war ein junger Berliner namens Dr. Willibald Gebhardt, der 1895 das erste Nationale Olympische Komitee in Deutschland initiierte, das noch „Komitee für die Beteiligung Deutschlands an den Olympischen Spielen zu Athen 1896“ hieß. Er führte, trotz erheblicher Widerstände aus der Funktionärsebene, eine kleine, aber feine deutsche Delegation 1896 nach Athen. Unter ihr waren alleine elf Turner, die hervorragend abschnitten und für vier Goldmedaillen verantwortlich waren. Sie alle hatten mutig gegen die Autorität ihrer eigenen Sportführer rebelliert. Im Deutschen Reich war man danach vielfach trotzdem stolz auf seine Olympiasieger. Die deutsche Mannschaft belegte im Medaillenspiegel nämlich mit sechs Goldmedaillen den dritten Platz hinter den USA und hinter Griechenland. Deutschland stellte außerdem die drei erfolgreichsten Einzelsportler. Sie hießen Carl Schuhmann, Hermann Weingärtner und Alfred Flatow. Die meisten Olympiasiege errang Carl Schuhmann. Er siegte im Ringen gegen einen körperlich überlegenen Gegner und beim Pferdsprung. Außerdem gewann er mit der deutschen Turnmannschaft am Barren und am Reck. Die meisten Medaillen gewann Hermann Weingärtner. Er wurde Einzelolympiasieger am Reck, sowie zweimal Mannschaftssieger mit den Turnern. Zweimal Zweiter wurde er zudem an den Ringen und am Pauschenpferd. Alfred Flatow wurde dreimal Olympiasieger und einmal Zweiter. Er gewann den Einzelwettbewerb am Barren und wurde Zweiter am Reck. Zusammen mit dem deutschen Turnteam gewann er außerdem die zwei Mannschaftstitel. Mit dabei beim Mannschaftsolympiasieg, war auch sein sechs Jahre jüngerer Cousin Gustav Flatow. Beide waren Juden und emigrierten im Dritten Reich in die Niederlande. Nach dem deutschen Einmarsch wurde Alfred von den Nationalsozialisten in das KZ Theresienstadt deportiert, wo er 1942 umkam. Seinem Cousin Gustav ging es nicht anders. Der mittlerweile auf 20 kg Körpergewicht abgemagerte Mannschaftsolympiasieger, starb dort drei Jahre später. Auch dieser ersten deutschen Olympiasieger sollte man gedenken, wenn es heißt: „Hiermit erkläre ich die XXXIII. Olympischen Spiele in Paris für eröffnet“ Ernst Reuß
Gisbert Strotdrees hat seine ausgesprochen interessante Artikelserie zur Geschichte der Landjuden in Westfalen zu einem schön illustrierten, großformatigen Buch verarbeitet. Das Landjudentum in Westfalen hat eine lange oft vergessene Geschichte, eine reiche kulturelle Tradition und birgt viele Geschichten, die es zu erzählen lohnt und die im Buch erzählt werden. Seit Jahrhunderten lebten Jüdinnen und Juden im ländlichen Westfalen. Ihre Lebenswelt wurde in der NS-Zeit brutal zerstört.
Dortmund, Münster und Bielefeld sind große jüdische Gemeinden mit einer starken Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Denkt man an jüdisches Leben, wird meist aber nicht an Dörfer und Kleinstädte gedacht. Es gibt dort zwar auch noch Spuren jüdischen Lebens, beispielsweise viele jüdische Friedhöfe, die bis heute erhalten sind. Es gibt Museen und Gedenkstätten, aber die Geschichte der Juden auf dem Land ist weitgehend verdrängt worden. Die ersten urkundlichen Erwähnungen von jüdischem Leben in Dortmund führt zurück ins 11. Jahrhundert. Trotz Diskriminierungen, Vertreibungen und Pogromen bleibt die jüdische Geschichte auch dort spürbar. 1351 wurden die jüdischen Bewohner der Stadt Dortmund vertrieben und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften sich dort wieder Juden niederlassen. 1938 wurde die Synagoge zerstört. Insgesamt wurden über 2 000 Dortmunder Juden in der Zeit des Nationalsozialismus getötet. Auf dem Land konnten Juden meist ungestörter leben. Es gibt viele Beispiele und es gab bekannte jüdische Kauffrauen. Diesbezüglich wird oft übersehen, dass das in der frühen Neuzeit auch ein Betätigungsfeld für Frauen war. Meist arbeitete man aber als Viehhändler, Getreidehändler, war Metzger oder lebte vom Textilhandel. Eine untergegangenen Welt. Pogrome gab es während der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert, in der eine Armee von Kleinbauern und niederem Adel auszog um Nichtchristen das Fürchten zu lehren. Da der Papst Ablass und Immunität versprochen hatte, mischten sich all diejenigen darunter, die nichts mehr zu verlieren hatten. Auf dem Weg nach Jerusalem wurden daher auch gleich Juden gemeuchelt, vor allem im Rheinland. Jerusalem erreichten sie nicht. Die meisten wurden vorher schon von Türken getötet und ihre Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Während der Pest kam es erneut zu Pogromen. Man suchte wieder mal einen Südenbock. Die Juden waren erneut ein leichtes Opfer. Zu pogromartigen Ausschreitungen kam es auch 1848 während der Revolution, und dann noch einmal in den 1870er-Jahren in einzelnen Orten Westfalens. Im 19. Jahrhundert gingen aus dem Landjudentum dann wohlhabende Bürgerfamilien, Landwirte, Ärzte, Tierärzte und Rechtsanwälte hervor. Landjuden aus Westfalen waren beispielsweise die Brüder Moritz und Julius Wallach aus Bielefeld, die 1900 in München das Trachtenhaus Wallach gründeten und dort das Dirndl zum modischen Verkaufsschlager machten, das sich in der Oberschicht als typisch „ländliches“ Kleid durchsetzte. Ob heutige Trachtenträger daran denken, wer ihr Mode erschaffen hat? Moritz und Julius konnten während der Nazizeit ins Ausland emigrieren, ihr Bruder Max wurde zusammen mit seiner Frau in Auschwitz ermordet. Gleichberechtigt waren Juden in Westfalen aber erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Man lebte nebeneinanderher, es gab aber auch antisemitische Auseinandersetzungen. Konflikte gab es auch bei Festivitäten wie Schützenfesten, da waren Juden lange ausgeschlossen. Ein großer Teil der Juden ist durch die NS-Verfolgung vertrieben worden. Wer nicht das Glück hatte, das Land noch verlassen zu können, wurde deportiert. Tausende sind so in den Vernichtungslager ermordet worden. Nur in großen Ausnahmefällen konnte man sich hier verstecken. Marga Spiegel, eine Tante des späteren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, hat sich mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann auf Bauernhöfen im Münsterland verstecken können. Aber das ist die Ausnahme. Es hätte die beteiligten Bauernfamilien das Leben gekostet, wenn man sie entdeckt hätte. Der Autor lässt die Lebensumstände und Schicksale der jüdischen Minderheit durch die Jahrhunderte lebendig werden, thematisiert ihre Verfolgung und Ermordung in der NS-Zeit, aber auch die Rückkehr der wenigen Überlebenden nach Kriegsende 1945. Ein sehr interessantes Stück Zeitgeschichte! Ernst Reuß Gisbert Strotdrees, Jüdisches Landleben. Vergessene Welten in Westfalen, Münster 2024, 180 Seiten, Hardcover, 24 Euro.
Der im Oktober 1942 fertiggestellte ehemalige Luftschutzbunker am Anhalter Bahnhof war einst für 3 000 Personen ausgelegt und diente als Schutzraum für Fahrgäste und Personal des Anhalter Bahnhofs. Der Reichsbahnpräsident und seine leitenden Angestellten hatten eine eigene Etage. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Bunker schließlich für tausende von Menschen die letzte Zufluchtsstätte und war zuletzt mit über 10 000 Personen hoffnungslos überfüllt.
Heute beinhaltet das eindrucksvolle Gebäude eine über mehrere Etagen gehende Hitler-Ausstellung und diverse Sonderausstellungen.Die Hitler-Ausstellung lockt immer noch massenhaft Besucher aus aller Welt, vor allem sehr viele ausländische Touristen hier vor Ort. Angesichts momentaner Wahlergebnisse wünscht man dieser lohnenswerten, sehr eindrücklichen und ausführlichen Ausstellung auch viele Besucher aus Deutschland. In der Ausstellung „How could it happen“ bzw. „Hitler – wie konnte es geschehen“ geht es um die Geschichte des Nationalsozialismus und der Frage, wie es in einem zivilisierten Staat zur Diktatur kommen konnte. Wer der Ansicht ist, dies könne heute nicht mehr geschehen, sollte die Ausstellung anschauen oder die Hassmails lesen, die die Macher der Ausstellung bekommen haben und immer noch regelmäßig bekommen. Neu nun auch die Sonderausstellung „Know your Enemy“. Es geht um die Ukraine. Zum ersten Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine hatten die Ausstellungsmacher Wieland Giebel und Enno Lenze bereits einen zerstörten russischer Panzer vor der Botschaft Russlands in Berlin aufgestellt worden. Das Panzerwrack vom Typ T-72 diente vor der Botschaft als Mahnmal gegen den Krieg. Ausgerichtet war das Wrack quer auf dem Mittelstreifen des Prachtboulevards „Unter den Linden“, die Kanone zeigte auf die Botschaft. Eine gelungene Aktion, denn laut Wieland Giebel saßen da die neuen Kriegsverbrecher, deren Regime wie einst Hitlers Regime untergehen wird.Nun also die Ausstellung „Know your Enemy“. Laut Eigenbeschreibung der Ausstellungsmacher: „Russland setzt modernste Technik und Elektronik ein, um Ukrainer zu töten. Im Berlin Story Bunker zeigen und analysieren wir dieses russische Kriegsarsenal gegen die Ukraine in Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium der Ukraine und mit dem Nationalen Militärhistorischen Museum der Ukraine in Kyjiw: Teile von ballistischen Raketen, Aufklärungs- und Angriffsdrohnen, Marschflugkörper, Drohnenelektronik, Abwehrwaffen, Laserwaffen, Kommunikationselektronik.“ Auf Wandtafeln erklärt die Ausstellung zudem den Verlauf und die Begleitumstände des brutalen Angriffskrieges. Gezeigt werden Waffen und Ausrüstung, die Russlands Soldaten in der Ukraine benutzt haben. Manches ist komplett erhalten, von anderem sind nur Trümmerstücke übrig. Die meisten Exponate sind eine Leihgabe aus einem Museum in Kyjiw, mit denen Giebel und Lenze seit geraumer Zeit in Kontakt stehen. Man will zeigen mit welcher Brutalität Russlands Armee gegen die ukrainische Zivilbevölkerung vorging und dabei systematisch Kriegsverbrechen beging. Die Museumsmacher verstehen manche Exponate auch als sichtbare Belege gegen den Mythos der Unbesiegbarkeit der russischen Armee. Dies und die angebliche Kriegsmüdigkeit der Ukrainer, seien laut Giebel lediglich Projektionen des Wunsches vieler Deutscher, sich nicht mehr mit Putins Invasion und der Zäsur des 24. Februar 2022 beschäftigen zu müssen. Doch es gibt kein zurück. Ernst Reuß Die Ausstellung „Know your Enemy“ in der Schöneberger Straße 23 A ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet.
Eine unheimliche Menge an Dokumenten aus allen Teilen der Welt hat die Historikerin Andrea Löw für ihr Buch „Deportiert. Immer mit einem Fuß im Grab“ zusammengetragen. Darunter auch unzählige Zeugnisse aus den Ghettos im Osten.
Sie erzählen von den unmenschlichen und mörderischen Umständen dort. Eine Erzählung auf Basis Hunderter Briefe, Postkarten und Tagebücher. Oft letzte Lebenszeichen. Nicht viele überlebten den Massenmord. Selbst Video-Aufzeichnungen von Überlebenden hat Löw ausgewertet. Eine wahre Fleißarbeit, die es so in dieser Fülle und Aufarbeitung noch nie gab, denn Löw gibt den Deportierten ihre Biographie mit den eigenen Sätzen zurück. Hunderte Jüdinnen und Juden kommen dadurch zu Wort und erzählen ihre persönlichen Geschichten - alle aufgeführt im langen Personenregister am Ende des Buches. Löw schreibt: „Vermutlich kennt jeder Leser die Stolpersteine (...) Hinter jedem einzelnen Stolperstein steht eine solche individuelle Geschichte von deportierten Menschen, wie sie in diesem Buch erzählt werden.“ Die Auswahl beschränkt sich weitgehend auf die um die Jahreswende 1941/42 Deportierten. Die Juden, die später verschleppt wurden, kamen größtenteils in die nun „betriebsbereiten“ Vernichtungslager, wo die meisten sofort ermordet wurden. Erst kurz danach begann die systematische Ermordung deutscher Juden im besetzten „Reichskommissariat Ostland“. Alle klammerten sich bis dahin an ihre vagen Zukunftshoffnungen, denn vorstellen konnte man es sich nicht, was einen erwarten würde. „Man vermutet, dass wir in der Landwirtschaft eingesetzt werden“, schrieb ein Mann aus Köln im Zug voller Hoffnung. Kurz darauf wurde er erschossen. Tausende Deutsche aus allen Regionen des „Dritten Reiches“ wurden in den Osten deportiert. Vor allem nach Riga. Nur die allerwenigsten von den Deportierten haben ihre Befreiung erleben dürfen. Einer der wenigen von ihnen, schreibt: „Die Zeit in Riga war noch die beste Zeit (...) Was hernach kam (...) war alles noch viel fürchterlicher und dass es überhaupt Menschen gibt, die das alles überstehen konnten und zu denen wir irrtümlich gehören, wird uns immer unbegreiflicher.“ Riga, war bis zum Einmarsch deutscher Truppen im Sommer 1941 das Zentrum jüdischen Lebens in Lettland. Anfangs - nach der vorhergehenden sowjetischen Besatzung - wurden dort die deutschen Soldaten als „Befreier“ empfangen. Die Stadt wurde jedoch nun zum Zielort von Deportationen und Schauplatz von unfassbaren Verbrechen. Von 1941 mindestens 500 000 im jetzigen Reichskommissariat „Ostland“ (Lettland, Litauen, Estland und Weißruthenien) ansässigen Juden lebten nach dem Krieg keine 10 000 mehr. SS, Polizei, Wehrmacht und lokale Hilfstruppen ermordeten fast alle lettischen - sowie die aus dem Deutschen Reich und dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Riga deportierten - Jüdinnen und Juden. Als die Juden aus Deutschland und den besetzten Gebieten ankamen, wurden an ihrer Stelle die baltischen und weißrussischen Juden ermordet, die zuvor in Ghettos konzentriert worden waren. Nun musste man dort „Platz schaffen“. Bei den Opfern handelte es sich meist um lettische Juden aus dem Ghetto Riga, welches „freigemacht“ wurde. Eine Überlebende war Frida Michelson. Sie war eine Schneiderin und kam ins Ghetto, wie alle anderen Juden auch. Ihr Buch „Ich überlebte Rumbula“ ist sehr ergreifend, da es immer wieder unfassbar ist, was die Menschen durchmachen mussten und was Menschen anderen Menschen antun können. Die Deportierten lebten unter erbärmlichsten und oft tödlichen Bedingungen in den blutverschmierte Wohnungen der Menschen, deren Essen oft noch auf dem Tisch stand als man eingezogen war. Eine Zeit lang durften sie noch Briefe in die Heimat schicken. Wer konnte, schrieb also Briefe an Verwandte. Dann war auch das verboten. Ab 1942 wurden viele aus Deutschland Deportierte nicht mehr in die Ghettos deportiert, sondern kurz nach ihrer Ankunft in einem Wäldchen namens Biķernieki in der Nähe Rigas oder im nicht weit entfernten Wald von Rumbula erschossen und in Massengräbern verscharrt. Wer „Glück“ hatte durfte also noch eine Zeit lang im Ghetto vegetieren, bevor man selbst ausgesondert wurde. Endgültig wurde das Ghetto Riga Ende 1943 geräumt. Von dort hat Löw besonders viele Zeugnisse ausgewertet, belässt es aber nicht nur dabei, sondern wertet auch Dokumente von anderen östlichen Deportationsorten aus. Eine der Deportierten war die Berliner Sportlerin und Weltrekordlerin Lilli Henoch. Die 1899 geborene Henoch war Mitglied des Berliner Sport-Clubs und in den zwanziger Jahren eine der bedeutendsten Leichtathletinnen weltweit. Sie wurde zwischen 1922 und 1926 in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung sowie mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des Berliner Sport Clubs zehnfache Deutsche Meisterin und stellte vier Weltrekorde auf. Daneben war sie auch im Hockey und Handball ein Star und leitete später die Damenabteilung des Klubs. Noch 1929 hatte man Lilli Henoch in der Vereinszeitung lauthals gerühmt: „Wenn jemals ein Beispiel an Klubtreue und Uneigennützigkeit gebraucht wird, dann ruft ihren Namen. Und die Luft muss rein um uns werden“. Nur vier Jahre später – kurz nach der Machtergreifung der Nazis - wurde sie aus dem BSC kommentarlos ausgeschlossen. Am 5. September 1942 wurde die einstmals vielgerühmte Sportlerin mit dem 19. „Judentransport“ gemeinsam mit ihrer Mutter in den Osten deportiert. In Riga angekommen wurde Lilli Henoch zusammen mit ihrer Mutter und allen anderen Insassen des Zuges nach Biķernieki geführt und erschossen. Der geschichtsinteressierte Martin-Heinz Ehlert, ein Mitglied des BSC Berlin, entriss sie erst viele Jahrzehnte später dem Vergessen, indem er ihre Geschichte recherchierte und veröffentlichte. Inzwischen sind in Berlin ein Sportplatz und Hallen nach ihr benannt. Aus Deutschland gab es viele Deportationen nach Riga, die ähnlich endeten. Die meisten wurden in Biķernieki ermordet. Dort existiert inzwischen seit 2001 ein Mahnmal. Stelen aus Granit in unterschiedlicher Größe und Farbe erinnern nun an die vielen Opfer und benennen die Orte, aus denen die Transporte kamen. Auf einem Gedenkstein sind die verplombten Kapseln der Städte mit den Namenslisten der von dort deportierten Opfer eingeschlossen. Darauf steht auf Hebräisch, Russisch, Lettisch und Deutsch die Inschrift der Tora: „ACH ERDE, BEDECKE MEIN BLUT NICHT, UND MEIN SCHREIEN FINDE KEINE RUHESTATT!“ Als Reichskommissar „Ostland“ war der 1896 geborene Hinrich Lohse für das was dort geschah an führender Stelle verantwortlich. Er war ein überzeugter Nazi und bereits seit 1925 Gauleiter von Schleswig-Holstein. Zwischen 1941 und 1944 pendelte er zwischen Riga und Kiel, um beide Ämter ausüben zu können. Zwar verbot Lohse per Erlass „die aktive Teilnahme von Amtsträgern der Ostverwaltung bei Exekutionen jeder Art“. Dies geschah jedoch nicht aus moralischen Gründen, sondern der bekennende Antisemit war der Ansicht: „Selbstverständlich ist die Reinigung des Ostlandes von Juden eine vordringliche Aufgabe; ihre Lösung muß aber mit den Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft in Einklang gebracht werden“. Auf „gut Deutsch“: „Vernichtung durch Arbeit“. Mit diesem Ansinnen stieß er jedoch auf taube Ohren. Lohse selbst nahm an einer Massenerschießung teil, um sich ein „Bild zu machen“. Er überlebte den Krieg, im Gegensatz zu den Opfern der Massenerschießungen. Ein Militärgericht verurteilte ihn 1948 zu zehn Jahren Gefängnis, aber man entließ ihn schon bald wegen „dauernder Haftunfähigkeit. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Lohse dann erstaunlicherweise als Minderbelastet eingestuft, ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde eingestellt und Lohse erstritt sich in einer Klage gegen die Landesregierung von Schleswig-Holstein 25 Prozent seiner Pensionsansprüche. Zudem erhielt er vom Verlag der Kieler Nachrichten das Gehalt eines Redakteurs und „forschte“ ausgerechnet zur „NS-Geschichte“. Er brachte allerdings nichts zu Papier, was vielleicht besser so war. Lohse starb unbescholten und weitgehend unbemerkt im Jahre 1964. Einer der einheimischen Täter war der berüchtigte lettischer Kollaborateur Viktors Arājs, der am Holocaust während der deutschen Besetzung Lettlands und Weißrusslands mit seinem „Sonderkommando“ beteiligt war und für die Ermordung von etwa der Hälfte der lettischen Juden verantwortlich gewesen sein soll. Nach dem Krieg lebte er unter falschem Namen in Deutschland. Er wurde 1979 vom Landgericht Hamburg für schuldig befunden. Arājs war maßgeblich daran beteiligt, die im Großen Rigaer Ghetto lebenden Juden am 8. Dezember 1941 im Wald von Rumbula durch Massenerschießung zu ermorden. Arājs bekam lebenslänglich und starb 1988 mit 78 Jahren im Gefängnis. Er wurde viel älter, als die meisten seiner Opfer. Das grundlegende und ausgesprochen empfehlenswertes Werk „Die ‚Endlösung‘ in Riga“ wurde bereits 2006 von Andrej Angrick und Peter Klein verfasst. Die Autoren widmen sich akribisch der Gesamtgeschichte des Rigaer Ghettos und des verzweifelten Überlebenskampfs seiner Insassen, sowie auf Grundlage sämtlicher erreichbarer Quellen die Vernichtungspolitik der Nazis in Riga. Zum Schluss folgt man den Spuren einzelner Täter und Opfer in der Nachkriegszeit und betrachtet die strafrechtliche Aufarbeitung der Massenmorde. Andrej Angrick hat auch in seinem bereits 2003 erschienen und jetzt wieder neu aufgelegten Buch „Besatzungspolitik und Massenmord" auf eindrucksvolle Weise den Weg der Einsatzgruppe D nachverfolgt und die Protagonisten porträtiert. Ein äußerst berührendes Buch ist auch „Adieu, Atlantis“ von Valentina Freimane, erschienen 2015 im Wallstein Verlag. Während ihre gesamte Familie dem Holocaust in Riga zum Opfer fiel, überlebte Valentīna Freimane in verschiedenen Verstecken. Sie schreibt: „Und dann kam der Tag, an dem meine Eltern ins Ghetto gehen mussten. Natürlich stand auch ich auf der Liste, und der redliche Hausmeister Obolevics trug denn auch ins Hausbuch ein: ‚Alle drei ins Ghetto gegangen.‘ Ich erinnere mich an das letzte Gespräch mit meiner Mutter. Wir saßen in der Küche, und ich weinte hemmungslos. Mama konnte solche Gefühlsausbrüche nicht leiden, und ich hatte längst gelernt, mich zu beherrschen. Doch in diesem Augenblick vermochte ich es nicht. Mir kommt es bis heute so vor, als sei meine Mutter noch nie so schön gewesen wie an jenem Tag, als ich sie zum letzten Mal sah. Völlig ruhig saß sie auf dem Küchenstuhl wie eine Königin auf dem Thron. Sie war zweiundvierzig Jahre alt, wirkte jedoch viel jünger. Uneingeweihte hielten sie oft für meine ältere Schwester. Vater war älter als sie, Ende vierzig, ein Mann in den besten Jahren.“ (Valentīna Freimane, Adieu Atlantis, S. 237) „Ich glaube, dass alle meine Toten - die Menschen, die ich liebte und die mich geliebt haben -, wo immer sie jetzt auch sein mögen, sich freuen, dass ich noch lebte. Ich weiß nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Wenn ja, dann bin ich überzeugt: sie schauen von dort mit Wohlwollen auf mich. Ich empfinde keine Schuld, sondern Verantwortung ihnen gegenüber. Ich bemühe mich, mein Leben anständig zu leben, weil ich es auch an ihrer statt lebe. Schuldig würde ich mich nur dann fühlen, wenn ich mein Leben vergeudet hätte.“ (Valentīna Freimane, Adieu Atlantis, S. 288 f.) Ernst Reuß Literatur: Andrea Löw, Deportiert. „Immer mit einem Fuß im Grab“. Erfahrungen deutscher Juden. Fischer 2024, 368 S., 26 €. Frida Michelson, Ich überlebte Rumbula, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2020, 222 Seiten 22 €. „Der Tod ist ständig unter uns / Nave mit musu vidu“, Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland / Deportacijas uz Rigu un holokausts vacu okupetaja Latvija, Herausgeber Oliver von Wrochem im Auftrag der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, Metropol Verlag, Hamburg 2022, 216 Seiten, 15 €. Andrej Angrick, Peter Klein, Die „Endlösung“ in Riga, Ausbeutung und Vernichtung 1941-1944, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, 520 Seiten, 89,90 €. Andrej Angrick, Besatzungspolitik und Massenmord, Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburger Edition, Hamburg 2003, Gebunden, 796 Seiten, 35,00 EUR Valentīna Freimane, Adieu, Atlantis, Erinnerungen, Aus dem Lettischen von Matthias Knoll, Göttingen 2015, 341 Seiten, 22,90 €. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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