HISTORISCHES SACHBUCH
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Eine Deutsche in der Ukraine

11/6/2026

 
Dieses Buch ist das ungefilterte, fast zwei Jahre umfassende Tagebuch von Savita Diana Wagner. Die in Bonn geborene junge Deutsche reiste kurz nach dem russischen Überfall 2022 als humanitäre Helferin in die Ukraine und schloss sich bald darauf als Frontsanitäterin der Armee an.
Savita Diana Wagner hatte keinen biografischen Bezug zum Land, keinerlei militärische Vorerfahrung und lediglich einige Semester Medizin studiert. Inzwischen studierte sie Mathematik. Sie wollte für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eintreten und kritisierte schon 2014, dass niemand eingriff, als die Krim besetzt wurde. Als die damalige deutsche Verteidigungsministerin 5000 Helme in die Ukraine schickte, machte sie das wütend und sie beschloss selbst etwas zu tun. Kurz danach - am 26. März 2022 - machte sie sich auf den Weg in die Ukraine. Ihre Mutter sagte: „Sie war schon im Kindergarten so: Wenn jemand Unterstützung brauchte, war sie da. Koste es, was es wolle.“
Sie war geschockt, als sie zwei Jahre später durch den Anruf íhres Schwiegersohn vom Tod ihrer Tochter erfuhr, denn sie wähnte sie in relativer Sicherheit. Savita hatte ihr erzählt, dass sie in der Arztpraxis einer Militärbasis arbeite, weit weg von der Front. Offenbar wollte sie ihre Mutter nicht beunruhigen, denn sie war inzwischen Frontsanitäterin.
In ihrem Tagebuch erzählt sie von gefährlichen Fronteinsätzen und den Problemen im Krieg. Schlamm, Ungeziefer, die Kälte der Schützengräben und das ständige Sterben ihrer Freunde und anderer Soldaten werden darin schonungslos dokumentiert. Die Texte, sind oft direkt im Schützengraben verfasst. Also in mit Zweigen bedeckten Löchern voller Mäuse, die man ausgehoben hat um darin, zwar nicht stehen, aber überleben zu können. Die Texte sind geprägt von einem absolutem Überlebenswillen, tiefer Erschöpfung und Galgenhumor. Es handelt sich dabei um keine heroische Romantik, sondern um eine Rubrik des Überlebens. Die anfängliche Euphorie helfen zu können, weicht der ständigen Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. Eindringlich beschreibt sie die Umstände in der sie unter unzumutbaren Umständen zu überleben versucht. Man erkennt deutlich die psychischen und physischen Grenzen im Krieg. Das Tagebuch ist ein erschütternder und ungeschönter Einblick in die brutale Realität des Ukraine-Krieges.
Daneben sinniert sie über das Heute und Damals, sowie über ihre Rolle als Deutsche und als Frau in diesem Wahnsinn. Selbst geschossene Fotos von ihrem Leben, zeigen ihre schwierigen Lebensumstände, aber auch glückliche Momente. Der letzte Eintrag, einen Tag vor ihrem Tod, lautet: „Ich habe so viel Glück wie kein anderer Mensch auf dieser Welt.“ Kurz zuvor war ein Granatsplitter zwischen Rücken und Schutzweste hindurchgeflogen. Es war purer Zufall, dass sie überlebte.
Am Tag danach, am 31. Januar 2024 bezahlte sie den mutigen Einsatz bei der Bergung verletzter Soldaten mit ihrem Leben. Sie wurde gerade mal 36 Jahre alt. Ein Granatsplitter durchschlug eine Arterie in ihrem Hals. In der Ukraine wird sie als Heldin verehrt und ist auf der Allee des Ruhmes in Kyjiw beigesetzt. In Deutschland kennt kaum jemand ihren Namen. Auf dem Friedhof, wo sie begraben ist, liegen zwei weitere Deutsche. In Deutschland unbekannt in der Ukraine gelten auch sie als Helden. Das gilt auch für andere Freiwillige.
Ihre Mutter und ihr Mann haben nun ihr Tagebuch als Buch zugänglich gemacht.
Ein halbes Jahr zuvor schrieb sie: „Sollte mir etwas zustoßen, möchte ich, dass ihr wisst: ich habe mich bewusst hierfür entschieden, sogar immer wieder dafür zurückzukehren, nachdem ich erlebt habe wie es hier an der Front in der Ukraine ist, und dafür, diese Arbeit zu machen.“ und „wenn mir etwas zustoßen sollte, nehmt das nicht als Beispiel dafür, dass gute Taten bestraft werden, sondern als Erinnerung daran, dass einfache Menschen Großes leisten können. Das bedeutet, dass ihr das auch könnt.“
“Denn manche Dinge sind wichtiger als du selbst“, schreibt sie elf Tage vor ihrem Tod. 
Die Mutter, die nun keine Erbin mehr hat verkaufte ihr Haus um die Savita-Diana-Wagner-Stiftung gründen, die Hilfsprojekte in der Ukraine und in anderen Ländern anschieben sollen.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Ursula Wagner, Karl Stenerud (Herausgeber), Eine Deutsche im Ukraine-Krieg  Das Fronttagebuch der Savita Diana Wagner, Verlag Herder, Freiburg 2026, 256 Seiten, 18 €. 
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A Political Girl

4/6/2026

 
„Es ist unvermeidlich: Eines Tages werden sich die Gefängnistore öffnen, und du wirst hindurchgehen. Das heißt allerdings nicht, dass du die Kategorie »Gefängnis« wirklich verlassen und die Kategorie »Freiheit« betreten hast. Die wahren Tore – die in deinem Geist – können nur von dir selbst aufgeschlossen werden“ schreibt Maria Aljochina zu Beginn ihres Buches. In diesem Sinne scheint sie völlig frei zu sein.
Spätestens seit 2012 und der Aktion in einer Moskauer Kathedrale kennt man Pussy Riot-Mitglied Maria Aljochina als oppositionelle Aktivistin gegen Putin. Ihre neue Autobiografie „Political Girl“ ist eine fesselnde Chronik des radikalen Widerstands gegen die repressive Diktatur Putins. Das Buch schlägt den Bogen vom legendären „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale im Jahr 2012 bis zu ihrer spektakulären Flucht aus Russland im Mai 2022. Dabei entfaltet sich ein Bild von Putins Russland, das keinen Protest mehr erlaubt und die Opposition systematisch mit allen erdenklichen Mitteln mundtot macht.
Nach ihrer Entlassung aus dem Straflager Ende 2013 – wo sie für das „Punk-Gebet“ inhaftiert war – erlebt Aljochina ein immer paranoideres Regime. Eine Zeit geprägt von permanentem staatlichen Terror: ständiger Überwachung, unendlichen Verhören, willkürlichen Hausarresten, Fußfesseln, gesperrten Konten, „Arrestkarussell“ und gewalttätigen Angriffen durch regierungstreue Schläger.
Das Buch ist ein sehr lesenswertes und leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit und für gewaltfreien Protest, von einer bedenkenswert mutigen und beeindruckenden Frau. Im Buch beschrieben werden die kreativen Proteste von Pussy Riot. Für ihren Mut zahlten sie und ihre Mitstreiter:innen immer wieder mit Gefängnis. Als der Krieg gegen die Ukraine beginnt und die russische Opposition zum Schweigen gebracht wird, protestieren sie und ihre Freunde weiter. Vor einer erneuten Gefängnisstrafe flieht Maria 2022 aus Russland - verkleidet als Essenslieferantin.
Aljochina schreibt knapp, oft fragmentarisch und mit einem trockenen Humor. Trotz der Schilderung brutaler Realitäten liest sich das Buch leicht. „Political Girl“  ist eine Warnung an westliche Demokratien, dass Freiheit niemals garantiert ist. Das Buch ist auch eine tiefe Verbeugung vor allen ermordeten und inhaftierten Oppositionellen Russlands, die man hier nicht kennt. Davon gibt es ziemlich viele, was im Westen lange Zeit nicht wahrgenommen wurde. Maria Aljochina erzählt von einigen dieser mutigen Menschen.
Ein historisches Zeugnis aus erster Hand, das die Transformation Russlands in eine vollständige Diktatur greifbar macht. Nach Russland kann die Autorin nicht zurück, weil sie sofort verhaftet werden würde. Zudem wurde Ende 2025 Pussy Riot in Russland als „extremistische Vereinigung“ eingestuft.
Aber wie man inzwischen weiß lebt man als russischer Oppositioneller auch im Westen gefährlich. Bleibt zu hoffen, dass Putins Killer nicht zuschlagen.
Am Ende des Buches schreibt sie: „Das Einzige, was ich für mich tun kann, ist, nicht darüber zu schweigen, was ich in dem Land meiner Geburt gesehen habe. Das Land, das ich liebe - gefangen, allumarmend und allabstoßend zugleich.“
Prädikat absolut lesenswert!
 
 
Ernst Reuß
 
 
Maria Aljochina, Political Girl, Pussy Riot - Leben und Schicksal in Putins Russland, Berlin Verlag, Berlin 2025, 528 Seiten, 26 EUR.

Pussy Riot - Punk Prayer
​​ „Maria, Mutter Gottes, Jungfrau, jage Putin davon, jage Putin davon, jage Putin davon!“

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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