HISTORISCHES SACHBUCH
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Röhm

30/6/2024

 
Der „Röhm-Putsch“ jährt sich Ende Juni zum 90ten mal. Mit einem „Putsch“ - wie behauptet - hatte das alles jedoch eher wenig zu tun. Vielmehr scheint es so als ob relativ wahllos alte Rechnungen beglichen wurden. Das Blutbad von 1934 markierte endgültig Deutschlands Einstieg in den Terror.
Der Offizier Ernst Röhm und der Gefreite Adolf Hitler duzten einander von Anfang an. Röhm war einer der wenigen, mit denen der eher förmliche Gefreite das tat. Sie kannten sich seit 1919 aus rechtsradikalen Militärkreisen. Hitler leitete politische Schulungen für die Reichswehr, bevor er seine eigene Partei gründete, in der Ernst Röhm schon sehr früh Mitglied wurde. Hitler und Röhm waren seitdem gute Freunde, auch noch nach der Machtergreifung der Nazis 1933. Röhms SA hatte wesentlich zu Hitlers Weg an die Macht beigetragen und noch am 31. Dezember 1933 dankte Hitler Röhm in einem besonders herzlichen Schreiben für seine Dienste und beschwor die gemeinsame Freundschaft.
Ein halbes Jahr später war Röhm tot. Ermordet auf Befehl seines ziemlich besten Freundes.
Danach wurden alle Beweise vernichtet und Totenscheine gefälscht. Bis heute ist die ganze Aktion kaum aufgearbeitet. Der Autor Sven Kellerhoff versucht in seinem neuen Buch „Röhm-Putsch!“ dennoch die Geschehnisse chronologisch und sehr detailliert aufzuschreiben. Schon durch die Anführungszeichen im Titel zeigt er, dass keineswegs ein Putsch bekämpft worden war. Bis heute wird die Mordaktion trotzdem als „Röhm-Putsch“ bezeichnet. Ein Erfolg der NS-Propaganda. Strukturelle Planungen für einen Aufstand der SA hatte es nicht gegeben, auch wenn Röhm mehr revolutionären Elan einforderte, während Hitler in Ruhe sein Terrorregime vervollkommnen wollte. Die SA war dabei mit über vier Millionen Kämpfern ein Unruhefaktor. Rivalitäten zwischen SA und Reichswehr konnte Hitler zu der Zeit nicht gebrauchen. Röhm wurde zwar Minister, ließ sich aber mit seiner SA nicht so ganz in den neuen Staat einbinden und war sich seiner Macht durchaus bewusst.
Politisch rechtfertigte sich Hitler im Reichstag mit „Staatsnotwehr“. Die nachträgliche rechtsphilosophische Legitimation lieferte, der auch noch nach dem Krieg in Philosophen- und Juristenkreisen vielfach bewunderte Carl Schmitt, in der „Deutschen Juristen-Zeitung“. Ein wahrer Führer sei immer auch Richter, meinte er und blieb auch nach dem Krieg bekennender Antisemit.
In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1934 wurden Ernst Röhm und weitere SA- Mitglieder auf Hitlers Anweisung festgenommen und – zum Teil noch in derselben Nacht – durch Angehörige der SS ermordet. Weitere Morde folgten in den nächsten Tagen. 90 Ermordete sind namentlich nachgewiesen, mitunter geht man aber von an die 200 Ermordeten aus. Darunter auch bekannte Persönlichkeiten wie Kurt von Schleicher, Hitlers Amtsvorgänger als Reichskanzler, Generalmajor Ferdinand von Bredow, der frühere stellvertretende Reichswehrminister, sowie Gregor Strasser der ehemalige Reichspropagandaleiter und Reichsorganisationsleiter. Daneben gab es auch Zufallsopfer. Röhm wurde in seinem Bett von Hitler persönlich festgenommen und am nächsten Tag in München-Stadelheim von Hitlers Schergen ermordet. Nach den Morden verlor die SA ihre politische Bedeutung, die vorher untergeordnete SS wurde selbständig und nahm eine wichtigere Rolle ein. 
Neben seinem eigenen Buch hat Kellerhoff als Herausgeber auch ein altes Buch zu der Mordaktion wieder ausgegraben und nach 90 Jahren erneut verlegt. Bereits im Herbst 1934 erschien die Schrift „Hitler rast“ eines gewissen Klaus Bredow - ein Pseudonym. Er beschreibt darin den Aufstieg Hitlers und Röhms, erste Entfremdungen und schließlich den Ablauf der Mordaktionen. Bredow gehörte in jener Zeit zu Hitlers Mordopfern und dieses Pseudonym steht für den Journalisten und Autoren Konrad Heiden. Er war als Journalist für die Frankfurter Zeitung tätig und einer der bedeutendsten Publizisten der 20er und 30er Jahre. Heiden hatte den Aufstieg der NSDAP fast von Anfang an beobachtet. Seine Bücher über die Geschichte des Nationalsozialismus, über die Anfänge der NS-Diktatur und die erste Biografie über Adolf Hitler überhaupt wurden mehrfach aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1933 musste er aus Deutschland fliehen, doch er schrieb aus dem Exil heraus weiter.
 
 
Ernst Reuß
 
 
Sven Felix Kellerhoff: „Röhm-Putsch!“ 1934. Hitlers erste Mordaktion. Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2024. 272 Seiten, 24 Euro.
Konrad Heiden (Autor), Sven Felix Kellerhoff (Herausgeber), Hitler rast, HerderVerlag, Freiburg i. Br. 2024, 160 Seiten, 18 Euro.

Israel und die Hamas

17/6/2024

 
Angesichts einer beim Thema Israel heutzutage aufgeheizten Debatte vermisst man bei den zur Vereinfachung neigenden Parolen - wie zuletzt beim ESC - sehr oft das Hintergrundwissen. Drei seriöse Bücher können das vermitteln:
 
Die Geschichte der Hamas
Sehr detailliert erzählt der Historiker, Journalist und Buchautor Joseph Croitoru die Geschichte der Hamas. Die Geschichte der Hamas ist auch eine Geschichte der Fatah und der in Ägypten inzwischen verbotenen Muslimbrüderschaft, aus der sie hervorgeht. Diese wurde einst von Israel gegen die säkulare, linksgerichtete Fatah unterstützt. Man erlaubte den Muslimbrüdern nach dem Sechstagekrieg 1967 Koran- und Sportunterricht im Gazastreifen abzuhalten, um Jugendliche von der militanten Fatah fernzuhalten. Die Muslimbrüderschaft konnte dadurch junge Anhänger rekrutieren und gewann durch soziale Wohltätigkeit erhebliche Popularität, während die Fatah - unter Jassir Arafat - Einfluss verlor. Die Hamas wurde Ende 1987 nach Beginn der ersten Intifada als Zweig der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft in Gaza-Stadt gegründet. Sie besteht aus einer politischen Partei, einem Hilfswerk und den paramilitärischen Brigaden. Seit 1989 greift die Hamas Israel immer wieder durch Terrorakte an, darunter Morde, Selbstmordanschläge und Beschuss mit Raketen. Den Frieden, den die Palästinensische Befreiungsorganisation und Israel 1993 schlossen, lehnte die Hamas von Anfang an ab. Mit der Propagierung des Dschihad sorgte die Hamas bereits im Kindergarten für die Ideologisierung junger Palästinenser um später gegen Israel zu kämpfen oder Israelis zu ermorden. 2006, ein Jahr nach Israels Rückzug aus dem Gazastreifen, erhielt die Hamas bei den bislang letzten freien Parlamentswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten die Mehrheit der Wählerstimmen. Im sogenannten Kampf um Gaza im Juni 2007 schaltete sie dort die konkurrierende säkulare Fatah aus und ergriff gewaltsam die Macht. Das „Gesetz zum Schutz des palästinensischen Widerstands“ vom Juli 2008 schrieb von nun an den Kampf gegen Israel als heilige Pflicht und „nie erlöschendes“ Recht jedes Palästinensers fest. Das erklärte Ziel der Hamas ist es den Staat Israel zu vernichten. In Palästina soll ein vom Islam als Staatsreligion geprägter Gottesstaat errichtet werden.
 
Gaza und Palästina
Der Gazastreifen selbst ist ein schmales 45 Kilometer langes, zwischen sechs und 14 Kilometer breites, Küstenband am Mittelmeer. Der Gazastreifen ist kleiner als Bremen, aber mit 2,2 Millionen Einwohnern leben dort vier mal soviel Menschen. Die Anfänge liegen in prähistorischer Zeit. Einen ersten Höhepunkt stellte die Herrschaft der alten Ägypter dar, die dort vom späten 4. Jahrtausend bis um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. regierten. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts v. Chr. tauchen die aus dem ägäischen Raum stammenden Philister auf, die dort einen Städtebund gründeten und mit dem alten Ägypten und den Königreichen Israel und Juda in einer Art Dauerkonflikt lag. Danach regierten die Israeliten, die Assyrer, die Babylonier und die Perser das Land. Es folgten Alexander der Große, die Ptolemäer, die Seleukiden, die Römer, die Byzantiner und verschiedene Dynastien muslimischer Araber. Es kamen Kreuzritter, Mongolen, Napoleon und die Osmanen. Palästina wurde bis 1917 in das Osmanische Reich eingegliedert, dann kam es unter britischer Kontrolle. Während der Nazizeit flohen viele Juden nach Palästina, so das deren Bevölkerungsanteil bis 1945 auf rund 30 Prozent anwuchs. Im UN-Teilungsplan für Palästina vom November 1947, der den Konflikt zwischen Arabern und Juden lösen wollte, war der Gazastreifen als Teil des künftigen arabischen Staates vorgesehen. Nach seiner Verabschiedung verließen die britischen Mandatsherren das Land. Am 14. Mai 1948 wurde der israelische Staat ausgerufen. Unmittelbar danach erklärten mehrere arabische Länder dem eben gegründeten Staat den Krieg. Die Bezeichnung Gazastreifen für die Region bürgerte sich erst mit den 1949 zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn geschlossenen Waffenstillstandsabkommen ein.
Seit dem 7. Oktober 2023 tobt nun ein brutaler Vernichtungskrieg zwischen Israel und der Hamas. Croitoru schreibt: „Etwa zweitausendfünfhundert bewaffnete palästinensische Terroristen stürmten, gefolgt von einem Mob aus mehreren Hundert Zivilisten, (...) fast dreißig Gemeinden und richteten ein verheerendes Blutbad an (...)  Vom Festivalgelände, den Militärbasen und aus den überfallenen Gemeinden wurden rund zweihundertfünfzig Menschen nach Gaza verschleppt.“ Es war die bislang blutigste Terrorattacke auf israelischem Boden. Noch am gleichen Tag rief Israel erstmals seit 1973 den Kriegszustand aus und begann mit Luftbombardements von Hamas-Stellungen. Kurze Zeit später folgte eine Bodenoffensive mit dem Ziel die Hamas endgültig zu zerschlagen.
 
Israelphobie
Wer immer noch nicht den Unterschied zwischen einer antisemitische Pogrome veranstaltenden Mörderbande und einer Freiheitsbewegung gegen ein Apartheidsregime erkennt, sollte das Buch „Israelphobie. Die unendliche Geschichte von Hass und Dämonisierung“ lesen. Letztes Jahr auf englisch erschienen, nun für die Edition Tiamat aus Berlin auf Deutsch übersetzt. Das Buch erschien vor dem 7. Oktober und wirkt wie eine Prophezeiung auf das was danach geschah.
Mit dem Buch bemüht sich der englische Journalist Jake Wallis Simons zu erklären, warum bei Eskalationen im Nahost-Konflikt regelmäßig der Hass auf Israel aufblüht, so wie zuletzt nach dem Pogrom vom 7. Oktober 2023. Er bezeichnet dieses immer wieder auftretende Phänomen als „Israelphobie“, die auch in linken Kreisen vorherrscht, seitdem vor vielen Jahren das Tragen eines Palästinensertuches zum modischen Accessoire von linken Jugendlichen geworden ist. Israel bleibt ein Feindbild, nicht nur für muslimische Jugendliche. Simons schreibt: „Die palästinensische Sache ist zu einem ideologischen Totem für den revolutionären Instinkt der Linken (....) geworden“. Die einschlägigen Schlagworten lauten: „Apartheid“, „Rassismus“, „Völkermord“.
Im Buch dargestellt sind unzählige Beispiele von Denunziationen Israels. Im Mittelalter wurden die Juden wegen ihrer Religion gehasst, später dann wegen ihrer „Rasse“. Heute wird Israel als „Apartheidstaat“ gehasst. Jake Wallis Simons nennt das „Israelphobie“ und geht der Frage nach, warum die einzige Demokratie im Nahen Osten, die die Rechte von Frauen sowie von sexuellen und religiösen Minderheiten achtet, so unverhältnismäßig viel Hass auf sich zieht. Dabei werden Fakenews verbreitet und weitaus schlimmere Auswüchse in anderen Ländern verschwiegen oder die schlechte Behandlung von Palästinensern in muslimischen Ländern nicht thematisiert. Vielfach werden die Propagandameldungen aus vergangen Nazi- und Sowjetzeiten einfach nachgeplappert. „Israelphobie ist die neueste Version des ältesten Hasses“, schreibt Simons, der die Dämonisierung Israels mit diesem Buch entlarven will. Heute ist das auch bei uns zu erleben, wie vor kurzem bei der Schließung eines israelischen Restaurant wegen anhaltender Anfeindungen in Berlin-Friedrichshain.
 
Die Monster wecken
Ron Leshem, ein international bekannter Autor, zeichnet in seinem Buch „Israel und der 7. Oktober“ anhand des Messengers Telegram minutiös den Pogrom vom 7. Oktober 2023 nach. Es ist der erste mittels Videos bestens dokumentierte Terrorangriff der Menschheitsgeschichte, der lange zuvor geplant wurde. Die immer akut werdenden Warnungen von israelischen Aufklärungseinheiten wurden nicht ernst genommen. Nach dem Angriff herrschte Chaos auf der isralischen Kommandoebene.
Die Täter filmten sich und ihre Opfer. Sie dokumentierten das bis dahin unvorstellbare Grauen in allen entsetzlichen Details. Es ist schwer zu ertragen was da geschah, auch wenn Leshem die grausamsten Videos der Mörder laut eigenem Bekunden, nicht schildert. Es war Gewalt von unfassbarem Ausmaß, wahrlich keine leichte sondern eine äußerst schmerzhafte Lektüre.
Seit dem 7. Oktober überschlagen sich die Ereignisse. Israel marschierte bombardierend in Gaza ein und viele Menschen scheinen zu vergessen, was die Ursache war. Leshem lebt inzwischen seit zehn Jahren in Boston, weil er für seine Tochter an einem sicheren Ort sein wollte und erlebt dort die studentischen Demonstrationen sowie die Romantisierung der Hamas vor Ort. Den weltweiten Medienkrieg scheint die Hamas gewonnen zu haben, denn die Verbrechen des 7. Oktober wurden nicht allein zum fortgesetzten Aufputschen der weltweiten Unterstützer gestreamt, sondern sie wurden gleichzeitig geleugnet und mit Hilfe von russischen und iranischen Desinformations-Experten als „Fake“ dargestellt. Die Strategie dahinter war Israel zu traumatisieren und sich gleichzeitig im Westen als Opfer darzustellen.
Wie viele Israelis ist auch Ron Leshem persönlich vom Pogrom betroffen. Die Hamas ermordete seinen Onkel und seine Tante, verschleppte seinen Cousin, der auch deutscher Staatsbürger war, als Geisel - bevor sie ihn hinrichteten. Sie lebten in einem linksgerichteten Kibbuz, mit vielen Friedensaktivisten. Leshem schildert aus linksliberaler israelischer Sicht die historische Entwicklung, die schließlich im Pogrom vom 7. Oktober kulminiert, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch eine einseitige Schuldzuweisung ist. Ron Leshem zeigt ein zutiefst gespaltenes Land und geht auch intensiv auf die teilweise rechtsextremistische Regierung Netanjahu ein, die ihm zufolge durch ihre Politik eine gehörige Mitschuld tragen. Er zeigt die religiösen Fanatikern aus beiden Seiten auf, die wenig an Frieden interessiert sind und warnt davor „die Monster“ zu wecken. Ron Leshem bietet Fakten. Er berichtet von den Versuchen der jetzigen israelischen Koalition, dem modernen Rechtsstaat - ohne Zukunftsvisionen, auch was den Krieg in Gaza betrifft - den Garaus zu machen.
Leshem resümiert: „Die gemäßigten Muslime sind meine Brüder, ich bin ihnen näher und ähnlicher als jedem anderen Volk auf der Welt. Die Fanatiker meines eigenen Volkes hingegen sind meine Feinde. Wird die Politik weiterhin von religiösen Zielen geleitet, befinden wir uns auf einem mörderischen und fatalen Pfad.“
 
 
Ernst Reuß
 
 
Joseph Croitoru, Die Hamas, Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel, Beck Verlag, München 2024, 223 Seiten, 18 €.
Jake Wallis Simons, Israelphobie. Die unendliche Geschichte von Hass und Dämonisierung, Berlin 2023 (Edition Tiamat), 238 S., 24 €.
Ron Leshem, Feuer, Israel und der 7. Oktober, Rowohlt Verlag, Berlin 2024, 320 Seiten, 25 €.

"Fussball ist unser Leben......

14/6/2024

 
 ... – denn König Fußball regiert die Welt, sang 1974 die bundesdeutsche Fußballnationalmannschaft. Es wurde ein Hit.
Bald findet in Deutschland die Fußballeuropameisterschaft statt und viele Menschen überall in Europa werden genau das empfinden.
Als der Fußball nach Deutschland kam, regierte der Fußball noch nicht die Welt und wurde in Deutschland als „Fußlümmelei“ abgewertet und abgelehnt. Turnen und der eher militärische Drill waren damals angesagt. Fußball galt als durch und durch „undeutsch“. Man rümpfte die Nase über den proletenhaften Sport aus England. Da in einigen dieser deutschen Turnvereine bereits um die Jahrhundertwende Juden nicht erwünscht waren, waren aber gerade Fußballvereine für jüdische Mitbürger besonders attraktiv.
Bayern, der Club oder die Eintracht aus Frankfurt wurden von Juden mitgegründet. Auch an der Entstehung des DFB waren Juden entscheidend beteiligt.
Am bedeutsamsten diesbezüglich wurde Walther Bensemann, der ebenfalls jüdischen Glaubens war. Der reisefreudige Mann war an der Gründung zahlreicher Fußballvereine in Süddeutschland beteiligt. Er organisierte die ersten internationalen Begegnungen und hatte sich den Namen Deutscher Fußball-Bund ausgedacht. 1920 gründete er außerdem den „Kicker“. Auch heute noch die „Bibel“ für den deutschen Fußballfan.
Nur wenige Wochen nach Hitlers Machtantritt wurden Juden aus den bürgerlichen Vereinen ausgeschlossen. Sie wurden zu Sündenböcken eines gnadenlosen Regimes, dem ein großer Teil der aufgehetzten Bevölkerung willig folgte.
Bensemann wurde fortgejagt. Er starb 1934, kurz nach der geglückten Emigration in die Schweiz. Auch dem jüdischen Nationalspieler Gottfried Fuchs, der den bis heute unerreichten Rekord von zehn Toren in einem Spiel der Nationalmannschaft aufgestellt hatte, gelang die Auswanderung nach Kanada.
Anders erging es jedoch dem jüdischen Nationalstürmer Julius Hirsch, der 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde.
Aus den berühmten Nationalmannschafts-Sammelalben des Kicker Sportmagazins wurden die Porträts der beiden Nationalspieler fortan verbannt.
Hirsch galt als einer der besten Stürmer seiner Zeit. Als erstem Fußballer gelang es ihm, mit zwei Vereinen Deutscher Meister zu werden: 1910 mit dem Karlsruher FV und 1914 mit der SpVgg Fürth. In seinem zweiten Länderspiel gegen die Auswahl der Niederlande schoss er als erster deutscher Nationalspieler vier Tore in einem Spiel.
Hirschs Schicksal wurde auch in der Nachkriegszeit noch lange verschwiegen. Erst nach vielen Jahrzehnten begannen unabhängige Sporthistoriker damit, sich seiner Person ausführlicher zu erinnern. Seit 2005 vergibt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den „Julius-Hirsch-Preis“. Dieser wird besonders für Aktivitäten verliehen, die sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen wenden.
Bereits zwei Monate nach der Machtübernahme der Nazis hatten einige - teilweise von Juden mit gegründete - Vereine in einer gemeinsamen Erklärung unterstrichen, „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen“ mit den neuen Machthabern „freudig und entschieden“ zusammenarbeiten zu wollen. Mit dabei waren Kaiserslautern, die Eintracht aus Frankfurt, der „Club“ und Fürth, die Bayern und die „60er“.
Dies alles geschah im vorauseilenden Gehorsam, ohne dass die nationalsozialistische Regierung darauf gedrängt hatte.
Julius Hirsch kam seinem Rausschmiss kurz nach der Erklärung durch Austritt zuvor und schrieb an seinen Verein:
„Ich lese heute im Sportbericht Stuttgart, dass die großen Vereine, darunter auch der KFV, einen Entschluss gefasst haben, dass die Juden aus den Sportvereinen zu entfernen seien. Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV, dem ich seit 1902 angehöre, meinen Austritt anzeigen. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt.“
Nach den vielen Demütigungen unternahm Hirsch 1938 einen Selbstmordversuch. Später ließ sich seine Frau von ihm scheiden, um zumindest die gemeinsamen Kinder zu retten. Was für eine verzweifelte und traurige Entscheidung! Für Hirsch bedeute dies das Ende der von den Nazis privilegierten „Mischehe“.
Im Februar 1943 wurde dem 50-jährigen Julius Hirsch mitgeteilt, dass er sich zu einem Transport zum „Arbeitseinsatz“ am Hauptbahnhof einzufinden habe. Von dort wurde er gemeinsam mit elf weiteren badischen Juden nach Auschwitz deportiert, wo er wahrscheinlich umgehend vergast wurde. In den dortigen Eingangsbüchern wurde er nicht mehr erwähnt.
Sein letztes Lebenszeichen war eine Postkarte von unterwegs, die erst am 3. März in Dortmund abgestempelt wurde:
„Meine Lieben. Bin gut gelandet, es geht gut. Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland. Herzliche Grüße und Küsse euer Juller“
Seine beiden 22 und 17 Jahre alten Kinder wurden dennoch später in das KZ Theresienstadt deportiert. Beide wurden jedoch am 7. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit. Seine Frau nahm nach dem Krieg den Namen Hirsch wieder an, sprach aber bis zu ihrem Tod nicht über das tragische Schicksal.
Seine Tochter erinnert sich nach dem Krieg:
„Am 1. März 1943 habe ich meinen Vater Julius Hirsch zum Hauptbahnhof in Karlsruhe gebracht und von dort wurde er abtransportiert, in einem normalen Zugabteil. Es war eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Es war ein strahlend schöner Tag. Noch heute kann ich nicht begreifen, dass an diesem Tag die Sonne scheinen konnte! Wir haben nicht geglaubt, dass wir ihn nie mehr wiedersehen werden. (...) Er hing an Deutschland, er war für Deutschland - wie auch seine Brüder im Ersten Weltkrieg. Nie dachte er, dass man ihn so behandeln würde.“
Hirsch wurde 1950 vom Amtsgericht Karlsruhe für tot erklärt. Gleichzeitig wurde eine „Entschädigung“ in Höhe von 3 450 DM ausgezahlt.
Die meisten Täter, wie der für die Deportation verantwortliche Gestapochef, machten im Nachkriegsdeutschland Karriere.
1972 wollte der ehemalige Bundestrainer Sepp Herberger den letzten Überlebenden Gottfried Fuchs als Gast des DFB zu einem Länderspiel anlässlich der Eröffnung des Olympiastadions in München einladen. Das Präsidium des DFB, in dem einige ehemalige Nazis saßen, lehnte dies ab, um keinen „Präzedenzfall“ zu schaffen.
1972 war die Zeit der Träumer. Man glaubte an ein besseres Deutschland. 1972 war auch das Jahr mit dem vermeintlich schönsten Fußball der bundesdeutschen Nationalmannschaft. Für denjenigen, der sich an die Zeit noch erinnern kann, bleibt der damalige Fußball mit Netzer, Breitner und Co. – obwohl der WM Titel erst 1974 geholt wurde - das fußballerische Maß aller Dinge 
Exemplarisch dabei die Lebensgeschichte von zwei jung gestorbenen Träumern. Stan Libuda und Rio Reiser: „An Gott kommt keiner vorbei. Nur Libuda“, stand auf einigen Gelsenkirchener Mauern - während Reiser sang: „Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. Kommt zusammen, Leute, lernt euch kennen“. „Der Traum ist aus“ hatte letzterer damals in anderem Zusammenhang ebenfalls getextet. Der Traum vom romantischen Fußball scheint inzwischen jedenfalls tatsächlich ausgeträumt.
Als Paul Breitner, der mit der „Peking-Rundschau“ unterm Mao-Poster posiert hatte, in der WG von Rio Reisers Band Ton Steine Scherben in Berlin-Kreuzberg auftauchte, weil die ihm ihr Album „Keine Macht für Niemand“ geschickt hatten, schlief Rio, der sich nicht für Fußball interessierte, tief und fest. Das Spiel im Wembley Stadion von 1972, zwei Tage nach dem Misstrauensvotum gegen Willy Brandt und die darauffolgende Europameisterschaft bleiben unvergessen. Das Gute und Schöne schien zu siegen. Doch auch damals war nicht alles schön und gut. Es war auch die Zeit der angehenden Kommerzialisierung und des Fußballbundesliga-Bestechungsskandals, bei dem Bundesligapartien „verkauft“ worden waren. Horst-Gregorio Canellas, der Präsident des deswegen abgestiegenen Vereins Offenbacher Kickers, hatte den Skandal mittels mitgeschnittener Telefongespräche aufgedeckt.
Es war auch die Zeit der vielen „Hater“, die sich hauptsächlich über die Frisuren der Nationalspieler ausließen. Damals noch mit der Deutschen Bundespost, Internet gab es noch nicht. Bundestrainer Schön sammelte die Briefe. Man wünschte sich den akkuraten Haarschnitt der Weltmeister von 1954 zurück. Ähnliches geistert ja auch heute durch das Internet, wenn man sich die Hautfarbe der Spieler von 1974 zurückwünscht.
Von „Fake News“ sprach man damals noch nicht, aber den Umgang mit dem „Volksverräter“ Brandt würde man heute wohl durchaus als „Hate Speech“ bezeichnen. Schon damals tat sich die Bildzeitung diesbezüglich besonders hervor. Zwei der Hauptopfer wurden später zu Nobelpreisträgern gekürt. Neben Willy Brandt, dem, nach seinem Kniefall vor dem Warschauer-Ghetto-Mahnmal, vorgeworfen wurde ein „Vaterlandsverräter“ zu sein, wurde auch Heinrich Böll, der, nachdem er sich über die kampagnenartige RAF Berichterstattung der Bildzeitung echauffierte, als „Helfershelfer“ von Terroristen bezeichnet, vom Nobelkomitee ausgewählt.
Bundestrainer Helmut Schön, ein eher konservativer Mann, pflegte einen ganz anderen Führungsstil als seine Vorgänger und gab den mündigen Spielern - so wie er selbst einer war - Mitspracherechte. Schön war bekannt für seine kultivierte Art und seine leisen Töne. Er galt als Schöngeist und Fußballästhet. Auch deswegen spielte die Nationalmannschaft unter Schöns Führung meist einen offensiven und erfolgreichen Fußball, der noch heute Fußballromantiker vor Wonne seufzen lässt. Schöns Karriere begann zwar während der Nazizeit. Ein Nazi war er trotzdem nie, ein Widerständler aber auch nicht. In der frisch gegründeten DDR wurde er kurz Nationaltrainer, bevor er in Ungnade fiel und in den Westen floh.
Eine Gesellschaft war jedenfalls in Bewegung geraten und es ist eigentlich kaum zu glauben, dass 1977 Horst-Gregorio Canellas in der in Mogadischu befreiten „Landshut“-Maschine saß. Eben dieser Canellas hatte im Juni 1971 den Bundesliga-Bestechungsskandal ausgelöst; undEr sagte nach der Geiselbefreiung: „Mogadischu hatte noch menschliche Züge. Der Skandal war schlimmer, viel schlimmer.“  
1974, bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, dann das Deutsch-Deutsche Duell. Der kurz zuvor zurückgetretene Willy Brandt, dessen Leben nicht nur aus Fußball bestand, interessierte sich weniger dafür, sein Sohn Matthias, inzwischen ein bekannter Schauspieler, dagegen sehr. Er durfte für seinen Vater im Aktuellen Sportstudio auf die Torwand schießen.
Fußball ist immer auch Zeitgeschichte.
 
 
Ernst Reuß, ehemals sehr fußballaffin, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er „Endzeit und Neubeginn. Berliner Nachkriegsgeschichten“ im Metropol Verlag.
 
 
Literatur:
Werner Skrentny: Julius Hirsch. Biografie eines jüdischen Fußballers, 352 S.
Henry Wahlig/Lorenz Peiffer: Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Eine Spurensuche. 576 S.
Bernd-M. Beyer: Helmut Schön. 544 S. und Die Saison der Träumer, Schieber, Spieler und Rebellen. 352 S.  
Ronald Reng, 1974 – Eine deutsche Begegnung, Als die Geschichte Ost und West zusammenbrachte; 432 S.


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Fußball-EM 2024: Ein Blick in die Geschichte.... Berliner Zeitung vom 14.05.2024

    Autor

    ​Ernst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt.
    ​Lebt als Autor in Berlin.

    Publikationsauswahl:
    Berliner Justizgeschichte / Millionäre fahren nicht auf Fahrrädern / Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg / Mord? Totschlag? Oder was? / Sirius, Katzenkönig und Co. / Mord und Totschlag in Berlin / Endzeit und Neubeginn.


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