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Die Geschichte, die Albrecht Weinberg (verstorben im Alter von 101 Jahren am 12. Mai 2026) von seinem Leben erzählt ist herzzerreißend. Er erzählt wie er in seiner ostfriesischen Heimat zuerst diskriminiert und dann vertrieben wurde. Die Demokratie starb allmählich, doch dann ging alles sehr schnell. Selbst in der tiefsten idyllischen Provinz wirkte das antisemitisch rassistische Gift der Nazis und wie das geschah ist unfassbar, denn jeder Dorfbewohner kriegte das mit. Albrecht Weinberg war im „Fehndorf“ Rhauderfehn in Ostfriesland aufgewachsen. Bereits 1936 durften die Kinder nicht mehr die reguläre Schule besuchen. Auch Ostfriesland wurde „judenrein“ gemacht. Nach den Novemberpogromen 1938 versuchten die Eltern zumindest den Kindern die Auswanderung nach Palästina zu ermöglichen, doch als die Auswanderung dorthin erfolgen sollte, war es Menschen jüdischen Glaubens schon verboten Deutschland zu verlassen.
Albrecht Weinberg musste Zwangsarbeit verrichten, überlebte drei Todesmärsche und wurde im April 1945 in Bergen-Belsen befreit. Nur wenige Familienmitglieder überlebten den Holocaust. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Er, sein Bruder Dieter und seine Schwester Friedel überlebten jedoch das Vernichtungslager Auschwitz. Der Bruder starb tragischerweise jedoch kurz nach dem Krieg. Zusammen mit seiner Schwester Friedel wanderte Albrecht Weinberg 1947 in die USA aus. Mehr als 60 Jahre lebten sie zusammen in New York. Als seine Schwester Friedel im Alter einen Schlaganfall erlitt, kamen die Geschwister 2012 nach Leer zurück. Friedel starb kurz danach in ihrer alten Heimat. Albrecht Weinberg begann nun endlich zu sprechen und besuchte in der Folgezeit zunehmend Schulen. Dadurch fand er späte Anerkennung. In Rhauderfehn gibt es seit 2006 eine Geschwister-Weinberg-Straße. Albrecht wurde Ehrenbürger und das Gymnasium, das er ab 1936 nicht mehr besuchen durfte, wurde inzwischen nach ihm benannt, nachdem ihm dort 2021 das Ehrenabitur verliehen wurde. Die Schülersprecher ehrten ihn mit den Worten: „In den vergangenen Jahren haben Sie uns Schülerinnen und Schülern immer wieder Ihre Geschichte erzählt, für uns haben Sie das Grauen, das Ihnen widerfahren ist, erneut durchlebt, um uns etwas beizubringen, das so viel wichtiger ist als viele der schulischen Inhalte: Was es bedeutet, ausgegrenzt und gehasst zu werden, dass Respekt und Achtung vor unseren Mitmenschen wichtiger sind denn je, und vor allem, dass wir eine Stimme haben, die im Angesicht großer Ungerechtigkeit nicht verstummen darf.“ Eine andere nicht weniger herzzerreißende Lebensgeschichte ist die von Lidia Maksymowicz. In ihren Erinnerungen „Ich war zu jung, um zu hassen.“ erzählt sie von ihrer Leidenszeit in Auschwitz. Sie wurde im Alter von drei Jahren nach Auschwitz deportiert und überlebte das Vernichtungslager nur, weil sie von Josef Mengele für seine grausamen Experimente ausgewählt wurde. Lidias Familie wurde bei Ankunft dort „selektiert“. Die Großeltern wurden sofort in der Gaskammer ermordet, ihre belarussische Mutter musste Zwangsarbeit leisten, während Lidia als Mengeles Versuchskaninchen in die Kinderbaracke geschickt wurde. Lidia erzählt in dem Buch auch von der Suche nach der eigenen Identität und nach ihrer leiblichen Mutter, die Auschwitz in einem der letzten Todesmärsche verlassen musste. Auch sie überlebte und suchte nach dem Krieg in Auschwitz vergeblich nach ihrer Tochter, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Lidia wurde nach dem Krieg von einer Polin aus Auschwitz adoptiert und lebte nun dort. Sie kannte auch kaum etwas anderes. Erst im Erwachsenenalter fand sie ihre leibliche Mutter in Belarus wieder. Schwierige Zeiten für alle Beteiligten, denn ihre leibliche Mutter ging davon aus, dass sie nun wieder bei ihr leben würde. Doch Lidia hatte ihre Heimat in Auschwitz gefunden und blieb. Sie lebt bis heute in der Nähe, in Krakau. Ernst Reuß Nicolas Büchse, Albrecht Weinberg - »Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm«, Eine wahre Geschichte vom Holocaust, dem Überleben und einem Versprechen, das die Zeit überdauert, München 2024, 288 Seiten, 20 Euro. Lidia Maksymowicz, Paolo Rodari, Ich war zu jung, um zu hassen. Meine Kindheit in Auschwitz, München 2024, 192 Seiten, 22 Euro.
Lange Zeit galt Messalina als Inbegriff des weiblichen sittlichen Verfalls im antiken Rom. Die männliche Geschichtsschreibung zeichnete das Bild einer nymphomanischen Intrigantin.
Sex war in Rom eine überall zu erwerbende Handelsware, an der viele mitverdienten. Graffiti, die das Tun von Prostituierten anpriesen, aber auch Angebergraffitis wie: „Hier habe ich viele Mädchen gevögelt“ finden sich noch heute bei Ausgrabungen. Zudem beschrieben Historiker zahllose Sexskandale am Kaiserhof. Justinians Frau Theodora soll in nur einer Nacht mit 30 Männern Sex gehabt haben. Messalina habe sich nachts in den städtischen Bordellen Wettkämpfe mit den erfahrensten Huren Roms geliefert, wer mehr Freier befriedigen könne. Kaiser Nero soll es nicht nur mit Sklaven getrieben haben, sondern sogar mit seiner Mutter Agrippina. Ob es sich dabei jedoch um Fakten handelte oder nur um die ausufernden Fantasien von Historikern, steht nicht zweifelsfrei fest. Fest steht aber, dass die Veröffentlichung derartiger Geschichten zu Lebzeiten der Geschmähten einem Selbstmord gleichgekommen wäre, so erschienen sie postum. Es ging wohl dabei darum mit dem verhassten Verstorbenen abzurechnen. Es ging also normalerweise um Verleumdung und das ging häufig ins Sexuelle. Vorwürfe der sexuellen Zügellosigkeit im antiken Rom waren Standardrepertoire, um politisch einflussreiche Frauen zu diskreditieren. Ehebruch - für Frauen - war strafbar. Die Oxforder Historikerin Honor Cargill-Martin räumt in ihrer neuen Biografie konsequent mit den Verleumdungen einer der am meisten geschmähten Frauen der Weltgeschichte auf. Sie führt den Leser zurück ins Jahr 41 n. Chr., als Messalina an der Seite des behinderten Claudius zur mächtigsten Frau Roms aufsteigt. Das Buch dekonstruiert die jahrhundertealten Mythen über angebliche Orgien und moralischen Verfall. Stattdessen erzählt die Autorin eine andere durchaus nachvollziehbare Geschichte von Messalina. Sie zeigt eine strategisch denkende junge Frau, die versuchen musste, in einem harten politischen Umfeld zu überleben. Verleumdungen, vor allem sexueller Art, gehören zum politischen Alltag in jener Zeit. Messalina wird hier als Akteurin gezeigt, deren Handeln oft eine rationale Antwort auf die Gefahren am kaiserlichen Hof war. Ihr Ziel war nicht das Vergnügen, sondern die Absicherung ihres Sohnes Britannicus als Thronfolger. Das Buch ist spannend wie ein Roman zu lesen und bietet detaillierte Stammtafeln, Karten und Farbbilder. Das Buch ist eine Korrektur der männlich dominierten antiken Quellen. Ernst Reuß Cargill-Martin, Honor, Messalina, Intrigen, Macht und Orgien im antiken Rom. Die wahre Geschichte der Skandalkaiserin. Beck, München 2026, 459 S., 34 €. Andere in „Historisches „Sachbuch“ besprochene Bücher zu Rom: Michael Sommer: „Dark Rome“. Das geheime Leben der Römer. Beck, München 2022. 288 S., 23 €. Michael Sommer: Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators. Beck, München 2024, 316 S., 26 €. Emma Southon „Eine Geschichte des Römischen Reiches in 21 Frauen“, Aufbau Verlag, Berlin 2024, 495 S., 28 €. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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