|
„Es war der 24. April 1945, und der Geschützlärm der sowjetischen Panzer war schon mehr als deutlich zu hören, als Kieling den Arbeiter Erich Werner vor seinem Haus aus nächster Nähe niederschoss. Dies geschah drei Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin-Friedenau.
Der 24. April war auch der Tag, an dem 15 mit Genickschüssen gerade exekutierte Leichen in einem Park in Moabit gefunden wurden. Dort, wo heute der Hauptbahnhof ist, waren in der Nacht zuvor 16 politische Gefangene des Moabiter Gefängnisses Lehrter Straße in den nahe gelegenen Park geführt und 15 von ihnen ermordet worden. Einer von ihnen überlebte mit einem Kopfschuss.“ (Zitiert aus Ernst Reuß, Endzeit und Neubeginn, Berliner Nachkriegsgeschichten, S. 28) In der Nacht vom 15. auf den 16. April 1945 hatte die sowjetische Großoffensive an Oder und Neiße begonnen. Am 20. April schlagen die ersten Granatentreffer im Zentrum Berlins ein. Einen Tag später erhält das Gefängnis Lehrter Straße die ersten Artillerietreffer. Am 22. April werden 20 Häftlinge aus der Haft entlassen. Doch immer noch sind neun vom „Volksgerichtshof“ zum Tode Verurteilte und mehr als 50 ehemalige Häftlinge der „Sonderabteilung 20. Juli 1944“ im Zellengefängnis inhaftiert. Der Leiter der Gestapo SS-Gruppenführer Heinrich Müller ist Herr über Leben und Tod. Generalstaatsanwalt Hanssen übergibt die zum Tode Verurteilten – mit zwei Ausnahmen - dem Mordkommando der Gestapo unter Leitung von Kurt Stawizki zur Ermordung. Der Weg zur Verlegung soll über den Potsdamer Platz führen, eine angebliche Abkürzung über die Ruinen des „Universum-Landesausstellungsparks” (ULAP). Die Gruppe der Gestapo-Gefangenen wird am Eingang des ULAP-Geländes nach links geführt, die „Verurteilten” nach rechts. Die linke Gruppe wird mit Genickschüssen ermordet. Ein einziger Gefangener überlebt mit einem Wangendurchschuss und stellt sich tot. Die andere Gruppe der vom „Volksgerichtshof“ Verurteilten wird rechts vom Eingang des ULAP-Gelände erschossen. Wer die Schützen waren lässt sich nie ermitteln. In der Nacht darauf erging es drei anderen Häftlingen wohl ähnlich. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Zeugen gibt es nicht. Die Täter schweigen. Die Mordaktion vom 22./23. April 1945 Die unverurteilt ermordeten Gestapo-Gefangenen Albrecht Haushofer Max Jennewein Carlos Wilhelm Moll Ernst Munzinger Hans Victor von Salviati Sergej Sossimow Wilhelm Staehle Die „verurteilten” Gefangenen Klaus Bonhoeffer Hans John Richard Kuenzer (ohne Verurteilung) Carl Marks Wilhelm zur Nieden Friedrich Justus Perels Rüdiger Schleicher Hans Ludwig Sierks Die Mordaktion vom 23./24. April 1945 Albrecht Graf von Bernstorff Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg Ernst Schneppenhorst Der einzige Überlebende und Zeuge der ersten Mordaktion hieß Herbert Kosney und war ein kommunistischer Widerstandskämpfer, der mehrfach verhaftet wurde. Im Januar 1945 wurde er erneut in das Zellengefängnis Lehrter Straße gebracht, diesmal wegen seiner Beteiligung an einer Widerstandsgruppe bei der AEG, wo er als Arbeiter beschäftigt war. Nachdem sein Gerichtstermin am 21. April nicht stattgefunden hatte, sollte er mit den 15 anderen Gefangenen erschossen werden. Kosney überlebte den ungenauen Genickschuss, der durch die Wange austrat. Die Schützen konnte er nicht identifizieren. Juristisch geahndet wurden die Mordaktionen vom April 1945 von der deutschen Justiz nie. Erst im Jahre 1960 wurde in der Bundesrepublik ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und 1969 eingestellt. Einige Verantwortliche der Mordaktion wurden ermittelt. Der Chef der Gestapo Heinrich Müller kam wahrscheinlich in den Kriegswirren ums Leben. Seine Leiche wurde nie identifiziert. Der Berliner Generalstaatsanwalt Kurt-Walter Hanssen wurde von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt, starb jedoch vor der Urteilsvollstreckung am 3. Oktober 1945. SS-Sturmbannführer Stawizki war nicht nur der Mordkommandoführer, sondern als Gestapo-Chef von Lemberg auch mitverantwortlich für den Tod von mindestens 160.000 Menschen. Seit 1953 arbeitete er bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und starb unbehelligt 1959. Erst elf Jahre nach seinem Tod, gelingt es der bundesdeutschen Justiz, seine wahre Identität aufzudecken. Auch der dritte überlebende Täter der Gestapo-Sonderabteilung, Artur Albrecht, arbeitete bis zu seinem Tod 1960 unerkannt beim Finanzamt Berlin-Wedding. (Exzerpt aus https://www.zellengefaengnis-lehrterstrasse.de/das-zellengefaengnis/die-mordaktionen-vom-april-1945) Ernst Reuß
Das aktuell aus dem französischen übersetzte biografische Buch „Erinnerungen eines Vaterlandslosen“ von und über Daniel Cohn-Bendit ist absolut lesenswert und erweckt in älteren politisch interessierten Lesern viele Reminiszenzen.
Die renommierte französische Journalistin Marion van Renterghem schrieb seine Erinnerungen auf und zitiert aus den Gesprächen mit ihm und anderen. Sie zeigt damit die Verwandlung von „Dany le Rouge“ zu „Dany le Vert“ und einen begeisterten Europäer, der sich nicht scheute über Parteigrenzen hinweg für seine Überzeugung einzutreten. Daniel Cohn-Bendit entstammt einer jüdischen Juristenfamilie. Sein Vater Erich war Anwalt der Roten Hilfe und Strafverteidiger von Hans Litten. 1933 mussten er und seine Frau vor den Nazis nach Paris fliehen. Daniels Mutter Herta, die ebenfalls Juristin war, gehörte dort zusammen mit ihrem Mann zu einer Gruppe intellektueller deutscher Exilanten in Paris um Walter Benjamin und Hannah Arendt. Einige ihrer Berliner Verwandten wurden währenddessen deportiert und ermordet. Nachdem Erich in Frankreich zweimal interniert worden war, zogen die Eltern, zusammen mit dem 1936 geborenen Sohn Gabriel, der im Buch mit interessanten Internas auch ausgiebig zu Wort kommt, in die Nähe von Toulouse. Dort wurde Daniel 1945, neun Monate nach der Landung der Alliierten, geboren. Später lebten sie wieder in Paris. Da die Eltern ursprünglich mit ihren Kindern in die USA auswandern wollten, beantragten sie damals nicht die französische Staatsbürgerschaft für Daniel, was für ihn noch Folgen haben sollte. 1952 ließ sich sein Vater als Anwalt in Frankfurt am Main nieder, während seine Frau zuerst mit Daniel in Paris blieb, später aber ebenfalls dort hinzog, um den an Krebs Erkrankten bis zu seinem Ende zu pflegen. Dort musste Daniel sich zwischen der deutschen und französischen Staatsbürgerschaft entscheiden und wählte – anders als sein neun Jahre älterer Bruder Gabriel – die deutsche Staatsbürgerschaft, um dem französischen Militärdienst zu entgehen. Später studierte er dann in Frankreich. Im Mai 1968 wurde er prominenter Sprecher der Studenten in Paris. Nach seiner Ausweisung aus Frankreich als unerwünschter Ausländer war er im Sozialistischen Deutschen Studentenbund und der APO aktiv. In den 1970er Jahren gehörte er zur Sponti-Szene in Frankfurt am Main, wo er auch Joschka Fischer kennenlernte und mit ihm zusammen die gerade entstehende Partei der Grünen formte. In Frankfurt begründete er das Amt für multikulturelle Angelegenheiten und im Europaparlament stritt er über Parteigrenzen hinweg für ein föderales Europa. Nachdem Fischer bei der Bundestagswahl 1983 ein Bundestagsmandat erlangt hatte, trat Cohn-Bendit im Dezember 1984 offiziell den Grünen in Hessen bei und strebte als „Realo“ zusammen mit Fischer eine rot-grüne Regierung an. Noch Anfang 1991 hatte Cohn-Bendit vor dem Zweiten Golfkrieg die Friedensbewegung unterstützt und gefordert nach friedlichen Lösungen zu suchen. Während der Jugoslawienkriege änderte er diese Haltung und plädierte mit einer Gruppe von etwa 30 Personen als kleine Minderheit bei den Grünen erstmals ziemlich erfolglos für militärische Mittel als ultima ratio zum Schutz Bosniens. Er gehörte auch zu etwa 100 Prominenten aus 18 Staaten, die in einem Appell an die UNO forderten, Angriffe im ganzen Gebiet des früheren Jugoslawiens unmöglich zu mache und überzeugte schließlich seinen Freund Joschka Fischer, der als Außenminister 1999 auf einem Sonderparteitag der Grünen nach einer fulminanten Rede die Befürwortung des NATO-Einsatzes im Kosovo-Krieg gegen starken pazifistischen Widerstand in der Partei durchsetzte. Das Gesprächsbuch ist eine flüssig zu lesende anekdotenreich Bilanz seiner Zeit als Gesicht der 68er-Bewegung und seiner jahrelangen Arbeit im Europäischen Parlament. Er galt als einer der Köpfe hinter dem Einigungsprozess und kandidierte abwechselnd für die deutschen und französischen Grünen. 2018 war Cohn-Bendit als Nachfolger des zurückgetretenen französischen Umweltministers Nicolas Hulot im Gespräch, entschied sich aber nach einem Gespräch mit Staatspräsident Emmanuel Macron, den er zu dem Zeitpunkt noch sehr schätzte, das Angebot abzulehnen. Ernst Reuß Daniel Cohn-Bendit, Marion Van Renterghem, Erinnerungen eines Vaterlandslosen, Übersetzung: Petra Willim. Verlag: Jacoby & Stuart Berlin 2026, 240 Seiten, 26 €.
In ihrem neuesten Buch „Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen.“ widmet sich die Historikerin Susanne Heim einem traurigen Kapitel der internationalen Diplomatie.
Heim schreibt in ihrer Einleitung: „Obwohl der NS-Staat danach trachtete, die Juden außer Landes zu treiben, erschwerte gerade ihre weitgehende Enteignung durch deutsche Behörden und «Arisierungs»-Profiteure die Auswanderung. Dies hatte Folgen für die Chancen auf einen Neuanfang im Ausland und beeinflusste auch die Migrationspolitik der Zufluchtsstaaten: Mittellose Flüchtlinge waren nirgends willkommen. Neben der Suche nach geeigneten Aufnahmeländern war die Finanzierung der jüdischen Auswanderung das zentrale Problem der internationalen Flüchtlingspolitik.“ Erschienen ist diese Gesamtschau auf das globale Scheitern der Flüchtlingspolitik während der NS-Zeit, in der renommierten Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung. Heim beschreibt darin sehr detailliert die abgeschlossenen Abkommen und Verträge. Dabei rekonstruiert sie akribisch, wie sich das Zeitfenster für die jüdische Bevölkerung nach 1933 immer schneller schloss. Während der Verfolgungsdruck in Deutschland und in den okkupierten Gebieten massiv zunahm, reagierte die Weltgemeinschaft nicht mit Solidarität, sondern mit bürokratischer Abschottung. Potenzielle Zufluchtsstaaten schlossen ihre Grenzen und schirmten sich noch stärker ab, als zuvor. Ein besonders bedrückendes Beispiel ist die Konferenz von Évian im Juli 1938. Heim schildert wie Staaten und Hilfsorganisationen dort zwar zusammenkamen und konferierten, letztlich aber nur Gründe formulierten, warum sie keine Flüchtlinge aufnehmen konnten. Das schlachteten die Nazis wiederum für ihre Propaganda aus und spotteten, dass niemand die Flüchtlinge haben wolle, womit sie natürlich nicht unrecht hatten. Den in Deutschland verfolgten Juden blieb nichts mehr anderes übrig als mitunter unseriöse Fluchthelfer zu bezahlen und seeuntüchtige Boote zu besteigen. Wie viele davon nicht ans Ziel kamen, ist nicht überliefert. Heim schreibt: „Spätestens nach dem Novemberpogrom 1938 wurde die Flucht zunehmend chaotischer, und die Bemühungen um eine «geordnete Auswanderung» wurden Makulatur. Der Beginn des Krieges sortierte die Landkarte der Fluchtwege nochmals völlig neu, versperrte bislang etablierte Routen und vervielfachte gleichzeitig die Zahl der Flüchtlinge ebenso wie die Gefahren, denen sie ausgesetzt waren.“ Der Überfall der Wehrmacht auf Polen 1939 und der Krieg im Westen ab 1940 verschärften die Lage von Millionen Geflüchteten dramatisch. Man war gefangen und hoffte auf ein Ende des „Blitzkrieges“. Vor der endgültigen Besetzung der „freie Zone“ Frankreichs erwarteten am Mittelmeerhafen Marseille Tausende Verfolgte ihre ungewisse Ausreise nach Übersee. Es gab dort zwar Konsulate, Stützpunkte von Hilfsorganisationen, aber auch Spitzelei und Denunziation, sowie zwielichtige Gestalten, die die prekäre Lage ausnutzen wollten, sowie die Bedrohung durch Behörden des mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes. Besonders jüdische Flüchtlinge waren in ganz Europa von Deportation, Ghettoisierung und Ermordung bedroht, während Fluchtwege ins Ausland abgeriegelt worden waren. Heim weiter: „Im Oktober 1941 verbot Himmler die Auswanderung der Juden aus dem deutschen Machtbereich. Nahezu zeitgleich begannen die systematischen Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa. Damit war Flucht endgültig zu einer Frage des Überlebens geworden.“ Schnell waren viele weitere Millionen Menschen der Gefahr ausgesetzt ermordet zu werden. Bislang geläufige Fluchtrouten waren versperrt. Es sind beklemmende Parallelen zur Gegenwart. Mit 19 Abbildungen und zwei Karten ist das wissenschaftlich fundierte Buch anschaulich aufbereitet. „Die Abschottung der Welt“ ist eine traurige Lektüre für empathische Leser. Susanne Heim ist ein grundlegendes Werk gelungen, das den Leser mit der unbequemen Frage zurücklässt, wie viel wir seitdem tatsächlich dazugelernt haben. Ein Standardwerk für alle, die verstehen wollen, wie internationale Ignoranz zur tödlichen Falle werden kann. Ernst Reuß Heim, Susanne, Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945, C.H.BECK, München 2026, 384 S., 34 €. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
|

