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Angesichts einer beim Thema Israel heutzutage aufgeheizten Debatte vermisst man bei den zur Vereinfachung neigenden Parolen sehr oft das Hintergrundwissen. Vier seriöse Bücher können das vermitteln:
Die Geschichte der Hamas Sehr detailliert erzählt der in Haifa geborene deutsche Historiker, Journalist und Buchautor Joseph Croitoru die Geschichte der Hamas. Die Geschichte der Hamas ist auch eine Geschichte der Fatah und der in Ägypten inzwischen verbotenen Muslimbrüderschaft, aus der sie hervorgeht. Diese wurde einst von Israel gegen die säkulare, linksgerichtete Fatah unterstützt. Man erlaubte den Muslimbrüdern nach dem Sechstagekrieg 1967 Koran- und Sportunterricht im Gazastreifen abzuhalten, um Jugendliche von der militanten Fatah fernzuhalten. Die Muslimbrüderschaft konnte dadurch junge Anhänger rekrutieren und gewann durch soziale Wohltätigkeit erhebliche Popularität, während die Fatah - unter Jassir Arafat - Einfluss verlor. Die Hamas wurde Ende 1987 nach Beginn der ersten Intifada als Zweig der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft in Gaza-Stadt gegründet. Sie besteht aus einer politischen Partei, einem Hilfswerk und den paramilitärischen Brigaden. Seit 1989 greift die Hamas Israel immer wieder durch Terrorakte an, darunter Morde, Selbstmordanschläge und Beschuss mit Raketen. Den Frieden, den die Palästinensische Befreiungsorganisation und Israel 1993 schlossen, lehnte die Hamas von Anfang an ab. Mit der Propagierung des Dschihad sorgte die Hamas bereits im Kindergarten für die Ideologisierung junger Palästinenser um später gegen Israel zu kämpfen oder Israelis zu ermorden. 2006, ein Jahr nach Israels Rückzug aus dem Gazastreifen, erhielt die Hamas bei den bislang letzten freien Parlamentswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten die Mehrheit der Wählerstimmen. Im sogenannten Kampf um Gaza im Juni 2007 schaltete sie dort die konkurrierende säkulare Fatah aus und ergriff gewaltsam die Macht. Das „Gesetz zum Schutz des palästinensischen Widerstands“ vom Juli 2008 schrieb von nun an den Kampf gegen Israel als heilige Pflicht und „nie erlöschendes“ Recht jedes Palästinensers fest. Das erklärte Ziel der Hamas ist es den Staat Israel zu vernichten. In Palästina soll ein vom Islam als Staatsreligion geprägter Gottesstaat errichtet werden. Gaza und Palästina Der Gazastreifen selbst ist ein schmales 45 Kilometer langes, zwischen sechs und 14 Kilometer breites, Küstenband am Mittelmeer. Der Gazastreifen ist kleiner als Bremen, aber mit 2,2 Millionen Einwohnern leben dort vier mal soviel Menschen. Die Anfänge liegen in prähistorischer Zeit. Einen ersten Höhepunkt stellte die Herrschaft der alten Ägypter dar, die dort vom späten 4. Jahrtausend bis um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. regierten. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts v. Chr. tauchen die aus dem ägäischen Raum stammenden Philister auf, die dort einen Städtebund gründeten und mit dem alten Ägypten und den Königreichen Israel und Juda in einer Art Dauerkonflikt lag. Danach regierten die Israeliten, die Assyrer, die Babylonier und die Perser das Land. Es folgten Alexander der Große, die Ptolemäer, die Seleukiden, die Römer, die Byzantiner und verschiedene Dynastien muslimischer Araber. Es kamen Kreuzritter, Mongolen, Napoleon und die Osmanen. Palästina wurde bis 1917 in das Osmanische Reich eingegliedert, dann kam es unter britischer Kontrolle. Während der Nazizeit flohen viele Juden nach Palästina, so das deren Bevölkerungsanteil bis 1945 auf rund 30 Prozent anwuchs. Im UN-Teilungsplan für Palästina vom November 1947, der den Konflikt zwischen Arabern und Juden lösen wollte, war der Gazastreifen als Teil des künftigen arabischen Staates vorgesehen. Nach seiner Verabschiedung verließen die britischen Mandatsherren das Land. Am 14. Mai 1948 wurde der israelische Staat ausgerufen. Unmittelbar danach erklärten mehrere arabische Länder dem eben gegründeten Staat den Krieg. Die Bezeichnung Gazastreifen für die Region bürgerte sich erst mit den 1949 zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn geschlossenen Waffenstillstandsabkommen ein. Seit dem 7. Oktober 2023 tobt nun ein brutaler Vernichtungskrieg zwischen Israel und der Hamas. Croitoru schreibt: „Etwa zweitausendfünfhundert bewaffnete palästinensische Terroristen stürmten, gefolgt von einem Mob aus mehreren Hundert Zivilisten, (...) fast dreißig Gemeinden und richteten ein verheerendes Blutbad an (...) Vom Festivalgelände, den Militärbasen und aus den überfallenen Gemeinden wurden rund zweihundertfünfzig Menschen nach Gaza verschleppt.“ Es war die bislang blutigste Terrorattacke auf israelischem Boden. Noch am gleichen Tag rief Israel erstmals seit 1973 den Kriegszustand aus und begann mit Luftbombardements von Hamas-Stellungen. Kurze Zeit später folgte eine Bodenoffensive mit dem Ziel die Hamas endgültig zu zerschlagen. Die Hisbollah In seinem neuesten Buch „Die Hisbollah, Irans Schattenarmee vor den Toren Israels“ beschreibt der Historiker Joseph Croitoru nun auch den Aufstieg der vom schiitischen Iran hochgerüsteten „Partei Gottes“, die im Libanon zu einem Machtfaktor geworden ist und Israel bedroht. Der Libanon ist ein multikonfessioneller Staat, 60 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, davon etwas mehr als die Hälfte Schiiten. Die libanesischen Schiiten unterstützten 1979 die Islamische Revolution im Iran und teilten die Ideen der „Islamischen Weltrevolution“ sowie deren Pläne zur „Befreiung Palästinas“ und zur Vernichtung Israels. Die Hisbollah entstand ab 1982 durch den Zusammenschluss verschiedener schiitischer Gruppen. Die offizielle Gründung fand 1985 statt. Seit 1992 ist die Hisbollah auch in der libanesischen Nationalversammlung vertreten. Croitoru schreibt: „Der 1979 in Teheran an die Macht gekommene iranische Revolutionsführer Ayatollah Ruholla Khomeini war ebenso von der Idee einer islamischen Weltrevolution gegen den imperialistischen Westen besessen wie von der Auslöschung des israelischen Staates. Khomeinis Bewunderer unter den libanesischen Schiiten wollten seine Visionen auch im eigenen Land verwirklichen. Von dort aus sollte zügig auch mit der erträumten ‚Befreiung Palästinas‘ und Vernichtung des verhassten ‚zionistischen Wesens‘ Israel begonnen werden.“ Folgerichtig begrüßte die Hisbollah den Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und bezeichnete diesen als „heroisch“. Die Vernichtung Israels, die Rückeroberung Jerusalems und der Hass auf Juden sind zentrale Lehrinhalte in den Schulen der Hisbollah, die häufig die einzigen noch funktionierenden Schulen des Landes sind und ähnlich ideologisierend wie die im Schulen Gazastreifen ausgerichtet sind. Seit dem Kampf Israels gegen die Hamas in Gaza zeichnet sich immer stärker eine Zusammenarbeit der schiitischen Hisbollah mit den mehrheitlich sunnitischen Palästinensern und den Sunniten des Libanon ab. Croitoru legt dar, wie die Anführer der Hisbollah Israel so lange mit Raketenangriffen provozierten, bis die Regierung in Jerusalem diverse Bodenoffensiven startete. Er schreibt: „Der Gazakrieg, den Israel gegen die Hamas seit ihrem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 führt, hat seine Feinde entlang der pro iranischen ‚Achse des Widerstands‘ im Libanon, Irak und Jemen zu einer Front zusammengeschweißt. Die libanesische Hisbollah begann schon am Tag darauf, israelische Grenzorte und Militärbasen in Nordisrael mit Raketen und Drohnen unter Dauerbeschuss zu nehmen. Israel schlug nicht nur massiv zurück, sondern marschierte ein Jahr später auch in den Libanon ein.“ Israelphobie Wer immer noch nicht den Unterschied zwischen einer antisemitische Pogrome veranstaltenden Mörderbande und einer Freiheitsbewegung gegen ein Apartheidsregime erkennt, sollte das Buch „Israelphobie. Die unendliche Geschichte von Hass und Dämonisierung“ lesen. Auf englisch erschienen, und inzwischen für die Edition Tiamat aus Berlin auf Deutsch übersetzt. Das Buch erschien vor dem 7. Oktober und wirkt wie eine Prophezeiung auf das was danach geschah. Mit dem Buch bemüht sich der englische Journalist Jake Wallis Simons zu erklären, warum bei Eskalationen im Nahost-Konflikt regelmäßig der Hass auf Israel aufblüht, so wie zuletzt nach dem Pogrom vom 7. Oktober 2023. Er bezeichnet dieses immer wieder auftretende Phänomen als „Israelphobie“, die auch in linken Kreisen vorherrscht, seitdem vor vielen Jahren das Tragen eines Palästinensertuches zum modischen Accessoire von linken Jugendlichen geworden ist. Israel bleibt ein Feindbild, nicht nur für muslimische Jugendliche. Simons schreibt: „Die palästinensische Sache ist zu einem ideologischen Totem für den revolutionären Instinkt der Linken (....) geworden“. Die einschlägigen Schlagworten lauten: „Apartheid“, „Rassismus“, „Völkermord“. Im Buch dargestellt sind unzählige Beispiele von Denunziationen Israels. Im Mittelalter wurden die Juden wegen ihrer Religion gehasst, später dann wegen ihrer „Rasse“. Heute wird Israel als „Apartheidstaat“ gehasst. Jake Wallis Simons nennt das „Israelphobie“ und geht der Frage nach, warum die einzige Demokratie im Nahen Osten, die die Rechte von Frauen sowie von sexuellen und religiösen Minderheiten achtet, so unverhältnismäßig viel Hass auf sich zieht. Dabei werden Fakenews verbreitet und weitaus schlimmere Auswüchse in anderen Ländern verschwiegen oder die schlechte Behandlung von Palästinensern in muslimischen Ländern nicht thematisiert. Vielfach werden die Propagandameldungen aus vergangen Nazi- und Sowjetzeiten einfach nachgeplappert. „Israelphobie ist die neueste Version des ältesten Hasses“, schreibt Simons, der die Dämonisierung Israels mit diesem Buch entlarven will. Heute ist das auch bei uns wieder zu erleben, wie man immer wieder in der Tageszeitung lesen kann. Die Monster wecken Ron Leshem, ein international bekannter Autor, zeichnet in seinem Buch „Israel und der 7. Oktober“ anhand des Messengers Telegram minutiös den Pogrom vom 7. Oktober 2023 nach. Es ist der erste mittels Videos bestens dokumentierte Terrorangriff der Menschheitsgeschichte, der lange zuvor geplant wurde. Die immer akut werdenden Warnungen von israelischen Aufklärungseinheiten wurden nicht ernst genommen. Nach dem Angriff herrschte Chaos auf der isralischen Kommandoebene. Die Täter filmten sich und ihre Opfer. Sie dokumentierten das bis dahin unvorstellbare Grauen in allen entsetzlichen Details. Es ist schwer zu ertragen was da geschah, auch wenn Leshem die grausamsten Videos der Mörder laut eigenem Bekunden, nicht schildert. Es war Gewalt von unfassbarem Ausmaß, wahrlich keine leichte sondern eine äußerst schmerzhafte Lektüre. Seit dem 7. Oktober überschlagen sich die Ereignisse. Israel marschierte bombardierend in Gaza ein und viele Menschen scheinen zu vergessen, was die Ursache war. Leshem lebt inzwischen seit zehn Jahren in Boston, weil er für seine Tochter an einem sicheren Ort sein wollte und erlebt dort die studentischen Demonstrationen sowie die Romantisierung der Hamas vor Ort. Den weltweiten Medienkrieg scheint die Hamas gewonnen zu haben, denn die Verbrechen des 7. Oktober wurden nicht allein zum fortgesetzten Aufputschen der weltweiten Unterstützer gestreamt, sondern sie wurden gleichzeitig geleugnet und mit Hilfe von russischen und iranischen Desinformations-Experten als „Fake“ dargestellt. Die Strategie dahinter war Israel zu traumatisieren und sich gleichzeitig im Westen als Opfer darzustellen. Wie viele Israelis ist auch Ron Leshem persönlich vom Pogrom betroffen. Die Hamas ermordete seinen Onkel und seine Tante, verschleppte seinen Cousin, der auch deutscher Staatsbürger war, als Geisel - bevor sie ihn hinrichteten. Sie lebten in einem linksgerichteten Kibbuz, mit vielen Friedensaktivisten. Leshem schildert aus linksliberaler israelischer Sicht die historische Entwicklung, die schließlich im Pogrom vom 7. Oktober kulminiert, was jedoch nicht bedeutet, dass das Buch eine einseitige Schuldzuweisung ist. Ron Leshem zeigt ein zutiefst gespaltenes Land und geht auch intensiv auf die teilweise rechtsextremistische Regierung Netanjahu ein, die ihm zufolge durch ihre Politik eine gehörige Mitschuld tragen. Er zeigt die religiösen Fanatikern aus beiden Seiten auf, die wenig an Frieden interessiert sind und warnt davor „die Monster“ zu wecken. Ron Leshem bietet Fakten. Er berichtet von den Versuchen der jetzigen israelischen Koalition, dem modernen Rechtsstaat - ohne Zukunftsvisionen, auch was den Krieg in Gaza betrifft - den Garaus zu machen. Leshem resümiert: „Die gemäßigten Muslime sind meine Brüder, ich bin ihnen näher und ähnlicher als jedem anderen Volk auf der Welt. Die Fanatiker meines eigenen Volkes hingegen sind meine Feinde. Wird die Politik weiterhin von religiösen Zielen geleitet, befinden wir uns auf einem mörderischen und fatalen Pfad.“ Ernst Reuß Joseph Croitoru, Die Hamas, Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel, Beck Verlag, München 2024, 223 Seiten, 18 €. Joseph Croitoru, Die Hisbollah, Irans Schattenarmee vor den Toren Israels, Beck Verlag, München 2025, 183 Seiten, 18 €. Jake Wallis Simons, Israelphobie. Die unendliche Geschichte von Hass und Dämonisierung, Berlin 2023 (Edition Tiamat), 238 S., 24 €. Ron Leshem, Feuer, Israel und der 7. Oktober, Rowohlt Verlag, Berlin 2024, 320 Seiten, 25 €.
„Karl Marx in Algier“, nicht zu verwechseln mit einem 1995 mit fast gleichem Titel erschienenen Buches, erschien bereits 2018 als „Karl Marx beim Barbier“ und wurde nun überarbeitet und neu aufgelegt.
Ausgehend von den zehn Wochen, die Marx 1882 in Algier verbrachte, beschreibt Uwe Wittstock dessen Leben und Wirken. Am 18. Februar 1882 besteigt Karl Marx in Marseille einen Dampfer und verlässt zum ersten Mal Europa. Mit dem Aufenthalt in Algier, will Marx seine Krankheiten auskurieren. Den Tod seiner Frau Jenny drei Monate zuvor hat er nicht verwunden. Wittstock schreibt: „Seit Monaten war er krank, Dr. Donkin sprach von Rippenfellentzündung, einer Pleuritis, und hartnäckiger Bronchitis. Als Erholungswochen auf der Isle of Wight keine Sonne, sondern Sturm, Kälte, Regen gebracht hatten, war der Arzt alarmiert gewesen und hatte für den Winter auf einen ausgedehnten Erholungsaufenthalt in mildem Klima gedrängt. Aber wohin? Er war ein Staatenloser, hatte seit Jahrzehnten keinen Pass mehr, und in vielen Ländern musste er mit Schwierigkeiten rechnen. An der italienischen Riviera war vor Kurzem ein Mann mit ihm verwechselt und umgehend verhaftet worden. Frankreich jedoch stand ihm offen, die neue Regierung hatte eine Amnestie für politische Flüchtlinge erlassen, und Algier galt als idealer Kurort für Lungenkranke, die sich vor dem feuchten englischen Winter in Sicherheit bringen mussten.“ Im weiteren Verlauf des Buches erfährt man einiges über Karl Marx, auch über seinen Charakter, sowie über seine Frau Jenny, den Töchtern und den eher nicht so geschätzten Schwiegersöhnen. Aus der Ehe mit Jenny gingen sieben Kinder hervor, von denen nur die drei Töchter das Kindesalter überlebten. Geheimgehalten wurde die Geburt eines Sohnes mit der Haushälterin Helena, die offiziell den Namen des Vaters nicht preisgab, der Familie Marx weiterhin treu ergeben blieb und später im Familiengrab beigesetzt wurde. Da es sich nicht mit den Moralvorstellungen der späteren Bolschewiki vertrug, wurden alle diesbezüglichen Dokumente auf Befehl Stalins als geheim deklariert und der Forschung entzogen. Inzwischen ist das Geheimnis jedoch keines mehr. Wie immer bei Wittstock wird alles spannend und leicht erzählt, so dass man es wunderbar schmökern kann. Wittstock wechselt immer wieder zwischen Biografie und Erzählung. Er verzahnt die Episode in Algier mit der Vergangenheit, so dass man auch viel über den Privatmann Marx erfährt, der nicht mit Geld umgehen konnte, andere gern vor den Kopf stieß und seine begonnenen Bücher nur schwer zu Ende brachte. Friedrich Engels unterstützte ihn nicht nur materiell. Er gab sich auch als Vater des unehelichen Sohnes aus, um ihn aus der Patsche zu helfen. Erst auf seinem Sterbebett soll er Eleanor, der jüngsten Tochter von Karl Marx, die wahre Vaterschaft anvertraut haben. Karl Marx war bereits ein Jahr nach der Algierreise gestorben, ohne sein Geheimnis gelüftet zu haben. Wie andere Bücher von Uwe Wittstock sehr lesenswert! Ernst Reuß Wittstock, Uwe, Karl Marx in Algier, Leben und letzte Reise eines Revolutionärs. Beck, München 2025, 249 Seiten, 26 Euro.
Gleich drei Bücher zur Nachkriegszeit sind kürzlich erschienen, die sich alle der gleichen Montagetechnik bedienen.
Oliver Hilmes Buch „Ein Ende und ein Anfang. Wie der Sommer 45 die Welt veränderte“ greift auf diese Technik zurück um den Sommer 1945 zu beschreiben. Eine Chronik aus Tagebuchzitaten, Zeitungsartikeln, Akteneinträgen und historischen Ereignissen. Kurze Erinnerungen von weltgeschichtlichen Ereignissen und von weitgehend unbekannten Personen. Tag für Tag. Zwischen Mai und September 1945 bricht die alte Welt zusammen und eine neue Zeit beginnt, ohne Terror. Nach sechs Jahren Krieg und Bombenhagel öffnen Kinos, Theater und Restaurants. Es ist eine Chronik des Glücks, aber auch des Elends und der Trauer. Auf der Potsdamer Konferenz wird Geschichte gemacht und in Berlin plant Billy Wilder eine Komödie über das Leben in den Ruinen. Hilmes fängt die Atmosphäre dieser Zeit in verschiedenen Orten ein. Margot Bendheim und ihr späterer Mann Adolf Friedländer stehen am offenen Tor von Theresienstadt und wissen nicht wo sie jetzt hin sollen. Klaus Mann trifft Winifred Wagner, seine Schwester Erika begegnet Hermann Göring. Beide berichten von den skurrilen Begegnungen. Es sind die historischen Großereignisse, aber auch die Szenen aus dem Leben von Privatpersonen, die das Buch lesenswert machen. Genauso wie das bereits 2015 erschienene und nun neu verlegte Buch „Berlin 1945. Trümmer und Neubeginn“ in dem Traudl Kupfer ebenfalls ein interessantes Bild der Nachkriegszeit zeigt. Dazu wurden Zeitzeugen befragt und deren Erinnerungen an das Jahr 1945 aufgeschrieben. In kurzen Geschichten werden Schicksale verschiedener Menschen geschildert, darunter Zwangsarbeiter, untergetauchte Juden, stramme Nazis und „Otto Normalverbraucher“. Wilhelm Furtwängler gab in der Agonie des „Dritten Reiches“ noch täglich Konzerte, während die Hauptstädter im Bombenhagel ihr nacktes Leben zu retten versuchen. Auch nach Ende des Krieges war an Normalität in der zertrümmerten Stadt nicht zu denken, obwohl sich die Rote Armee durchaus Mühe gab. Bereits am 28. April 1945 gab der Militärkommandant der Stadt Berlin, Generaloberst Bersarin, mit dem Befehl Nr. 1 bekannt, dass die gesamte administrative und politische Macht in Berlin auf ihn übergegangen sei. Erst vier Tage später, am 2. Mai 1945, wurde, durch den letzten deutschen Kampfkommandanten für Berlin, die Kapitulationsurkunde für die deutsche Hauptstadt unterzeichnet. Die Stadt erwachte zu neuem Leben, um dann im Winter zu hungern und zu frieren. Der Winter darauf sollte noch schlimmer werden. Auch Volker Heise verwendet in seinem Buch „1945“ die obengenannte Technik. Es ist die Chronik eines traumatischen Jahres, erzählt mittels Tagebuchnotizen, Augenzeugenberichten und Protokollen. Wie in den anderen Büchern werden Tagebücher, Briefe, Erinnerungen und Archivmaterialien ausgewertet und in kurzen Schnipseln präsentiert. So auch das Tagebuch einer Sekretärin, die vorher und nachher gleichermaßen Amüsement und weniger den Ernst der Lage im Sinn hat. Während der Westen des Landes schon besetzt und damit die neue Zeit begonnen hat, wütet die SS woanders noch im unbändigen Hass. Es gibt Hinrichtungen und Todesmärsche. Im Ort Gardelegen in einer Scheune (heute Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen) werden am 13. April mehr als 1000 KZ-Häftlinge ermordet und verbrannt. Nur einen Tag später treffen die Amerikaner ein und erschießen einige Täter an Ort und Stelle. Der Hauptverantwortliche für den Massenmord kann mit falschen Papieren untertauchen und stirbt 1994 vollkommen unbehelligt. Bei Heise haben aber auch andere Ereignisse ihren Platz. Es geht beispielsweise dabei um Augenzeugenberichte der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Am 28. März wird die letzte V2-Rakete des Krieges abgefeuert. Ziel ist Antwerpen, das knapp verfehlt wird. Der Entwickler Wernher von Braun sollte bald schon von den Amerikanern angeheuert werden, mit dem bekannten Ausgang. Die Sowjets entfernen einer verkohlten Leiche in der Reichskanzlei den Unterkiefer und vergleichen es mit den Zahnarztakten Adolf Hitlers. Ebenfalls geht es aus der Sicht teilweiser prominenter Zeitzeugen um die endgültige Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai in Berlin-Karlshorst und um die Potsdamer Konferenz ab 17. Juli. Es geht aber auch um Einzelschicksale, wie die Festnahme und Hinrichtung des Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke in Berlin-Plötzensee und um den nach Ende des Krieges tragisch verstorbenen Dirigenten Leo Borchard, sowie um dessen Lebensgefährtin, der Journalistin Ruth Andreas-Friedrich. Drei ähnliche Bücher. Alle interessant zu lesen. Ernst Reuß In eigener Sache: Berlin 1945 gibt es auch im Buch „Endzeit und Neubeginn“. Entlang von Kriminalfällen vermittelt Ernst Reuß ein lebendiges Bild der Nachkriegszeit. Er stellt den Machtkampf zwischen den einstmals Alliierten im beginnenden Kalten Krieg dar und gibt Einblick in den von Not geprägten Alltag der hungernden und frierenden Berliner. Auch als Kindle oder Tolino. Kann hier bestellt werden: https://www.amazon.de/dp/B0DKT64HN8 https://www.ebook.de/de/product/48305283/ernst_reuss_endzeit_und_neubeginn.html Traudl Kupfer, Berlin 1945. Trümmer und Neubeginn, bebra, Berlin 2025, 256 Seiten, 24 Euro. Oliver Hilmes: Ein Ende und ein Anfang: Wie der Sommer 45 die Welt veränderte, Siedler, München 2025, 288 Seiten, 25 Euro. Volker Heise, 1945, Rowohlt, Berlin 2024, 464 Seiten, 28 Euro. Ernst Reuß: Endzeit und Neubeginn. Berliner Nachkriegsgeschichten. Metropol Verlag. Berlin 2022, 282 Seiten, 24 Euro.
In eigener Sache:„Endzeit und Neubeginn“ auch als Kindle oder Tolino.
Kann hier bestellt werden: https://www.amazon.de/dp/B0DKT64HN8 https://www.ebook.de/de/product/48305283/ernst_reuss_endzeit_und_neubeginn.html Zur Erinnerung eine Rezension: Am Ende des Krieges lebten in Berlin etwa 2,6 Millionen Menschen; 28,5 Quadratmeter des Stadtgebietes waren Ruinenfelder, 39 Prozent des Wohnungsbestandes und 35 Prozent der Industrieanlagen total zerstört. Hunger, Elend und Chaos. Am 2. Mai 1945 unterzeichnete der letzte deutsche Kampfkommandant Berlins in Tempelhof die Kapitulationsurkunde für die Reichshauptstadt, nachdem schon am 28. April 1945 der Militärkommandant der Stadt Berlin Generaloberst Bersarin mit dem Befehl Nr. 1 bekannt gegeben hatte, dass die gesamte administrative und politische Macht in Berlin auf ihn übertragen wird. Die sowjetische Besatzungsmacht machte sich nicht nur daran, die Trümmer des „1000-jährigen Reiches“ aufzuräumen und die Versorgung der Berliner Bevölkerung zu sichern, sie organisierte auch Verwaltung, Polizei und Gerichte neu. Seit dem 14. Mai verkehrten wieder die ersten U-Bahnen, am 19. Mai nahm der Magistrat seine Tätigkeit auf. Der überaus notwendige Aufbau der Gerichtsbarkeit war zum 1. Juni abgeschlossen. In der ausgebluteten, ausgehungerten, zerbombten Stadt wurde geplündert, geraubt und gemordet. Ernst Reuß, promovierter Jurist und freiberuflicher Autor, hat über diese schwierige Nachkriegszeit ein sehr faktenreiches, hervorragend recherchiertes und spannendes Buch geschrieben. Entlang von Kriminalfällen beschreibt er den Neuaufbau der Berliner Justiz und stellt sogleich den Machtkampf zwischen den einstmals Alliierten im Kalten Krieg dar. Zur bundesdeutschen Realität gehört auch, dass der Bundestag erst 1998 (!!!) per Gesetz die menschenverachtenden Entscheidungen der faschistischen Terrorjustiz aufhob. Standrechtliche Erschießungen sahen bundesdeutsche Gerichte, so der Autor, noch bis in die 1980er Jahre für rechtmäßig an. „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein“, war eine gängige Formel, ausgesprochen vom damaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs Hans Filbinger (CDU) – als Militärrichter selbst an solchen Urteilen beteiligt. In der unmittelbaren Nachkriegszeit geschah aber auch Kurioses. Die Siegermacht Sowjetunion führte am 20. Mai 1945 als Zeichen der Stärke die Moskauer Zeit ein, nach der sich alle Arbeiter und Ladeninhaber zu richten hatten. Heißt, die Geschäfte wurden jetzt nicht, wie gewöhnlich, um neun Uhr, sondern bereits um sechs Uhr geöffnet. Historisch interessant die Ausführungen zu Arthur Kanger, dem ersten neuen Stadtgerichtspräsidenten; später mit Wirkung vom 29. September 1945 durch die Alliierte Kommandantur für drei Monate als Präsident des Kammergerichts in Berlin eingesetzt. Er war kein Jurist, sondern ein Pharmazieprofessor, ein Gerichtschemiker aus dem Baltikum, der auch als Hochschullehrer in Odessa wirkte und somit schon etwas Vages mit dem Gerichtswesen zu tun gehabt hatte. Er sprach natürlich russisch, was der Hauptgrund für seine Ernennung gewesen sein dürfte. Kanger bemühte sich auch aus der Funktion als Präsident des Kammergerichts heraus um die Schaffung einer universitären Kriminalistik an der Berliner Universität. Bereits am 27. Februar 1946 beantragte der Dekan der Juristischen Fakultät einen Lehrauftrag für Kriminalistik, dessen Bewilligung Rektor Stroux schon einen Tag später bekanntgab. Bereits zur Jahreswende 1946/47 erhielt er eine Professur mit Lehrauftrag für Kriminalpsychologie und Kriminalistik und wurde so zum Begründer der Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Justiz blieb jedenfalls von Betrügern und Hochstaplern nicht verschont, die das damalige Durcheinander unmittelbar nach dem Krieg für sich zu nutzen wussten. „Außer einem falschen Staatsanwalt hatte das Amtsgericht Berlin-Mitte mit Amtsgerichtsrat Josef Franke auch einen falschen Amtsrichter zu beklagen“, lesen wir. Ein selbstsicheres, glaubwürdiges Auftreten beim Amtsgerichtsdirektor genügte oftmals, um sich als „Jurist“ auszuweisen. Der vielfach Vorbestrafte flog auf und wurde wegen Betrugs, Abgabe falscher eidesstattlicher Versicherungen, Begünstigung im Amt und Fragebogenfälschung festgenommen. Er war 14-mal vorbestraft und hatte insgesamt ca. acht Jahre im Zuchthaus und Gefängnis verbüßt. Die detailliert geschilderten Nachkriegsverbrechen (zum Beispiel die Fälle des Frauenmörders Willi Kimmritz, der Giftmörderin Elisabeth Kusian oder der Gladow-Bande) wirken heute schon wie Legenden aus fernen Tagen. Einem Taucher gleich steigt Ernst Reuß zur Kriminalgeschichte hinab und macht damit den Lesern ein juristisch-kriminalistisches Zeitgeschehen zugänglich. Prof. Dr. Frank-Rainer Schurich Ernst Reuß: Endzeit und Neubeginn. Berliner Nachkriegsgeschichten. Metropol Verlag. Berlin 2022, 282 Seiten, 24,00 Euro. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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