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Sehr detailliert erzählt der Historiker, Journalist und Buchautor Joseph Croitoru die Geschichte der Hamas.
Die Geschichte der Hamas ist auch eine Geschichte der Fatah und der in Ägypten inzwischen verbotenen Muslimbrüderschaft, aus der sie hervorgeht. Diese wurde einst von Israel gegen die säkulare, linksgerichtete Fatah unterstützt. Man erlaubte den Muslimbrüdern nach dem Sechstagekrieg 1967 Koran- und Sportunterricht im Gazastreifen abzuhalten, um Jugendliche von der militanten Fatah fernzuhalten. Die Muslimbrüderschaft konnte dadurch junge Anhänger rekrutieren und gewann durch soziale Wohltätigkeit erhebliche Popularität, während die Fatah - unter Jassir Arafat - Einfluss verlor. Die Hamas wurde Ende 1987 nach Beginn der ersten Intifada als Zweig der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft in Gaza-Stadt gegründet. Sie besteht aus einer politischen Partei, einem Hilfswerk und den paramilitärischen Brigaden. Seit 1989 greift die Hamas Israel immer wieder durch Terrorakte an, darunter Morde, Selbstmordanschläge und Beschuss mit Raketen. Den Frieden, den die Palästinensische Befreiungsorganisation und Israel 1993 schlossen, lehnte die Hamas von Anfang an ab. Mit der Propagierung des Dschihad sorgte die Hamas bereits im Kindergarten für die Ideologisierung junger Palästinenser um später gegen Israel zu kämpfen oder Israelis zu ermorden. 2006, ein Jahr nach Israels Rückzug aus dem Gazastreifen, erhielt die Hamas bei den bislang letzten freien Parlamentswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten die Mehrheit der Wählerstimmen. Im sogenannten Kampf um Gaza im Juni 2007 schaltete sie dort die konkurrierende säkulare Fatah aus und ergriff gewaltsam die Macht. Das „Gesetz zum Schutz des palästinensischen Widerstands“ vom Juli 2008 schrieb von nun an den Kampf gegen Israel als heilige Pflicht und „nie erlöschendes“ Recht jedes Palästinensers fest. Das erklärte Ziel der Hamas ist es den Staat Israel zu vernichten. In Palästina soll ein vom Islam als Staatsreligion geprägter Gottesstaat errichtet werden. Der Gazastreifen selbst ist ein schmales 45 Kilometer langes, zwischen sechs und 14 Kilometer breites, Küstenband am Mittelmeer. Der Gazastreifen ist kleiner als Bremen, aber mit 2,2 Millionen Einwohnern leben dort vier mal soviel Menschen. Die Anfänge liegen in prähistorischer Zeit. Einen ersten Höhepunkt stellte die Herrschaft der alten Ägypter dar, die dort vom späten 4. Jahrtausend bis um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. regierten. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts v. Chr. tauchen die aus dem ägäischen Raum stammenden Philister auf, die dort einen Städtebund gründeten und mit dem alten Ägypten und den Königreichen Israel und Juda in einer Art Dauerkonflikt lag. Danach regierten die Israeliten, die Assyrer, die Babylonier und die Perser das Land. Es folgten Alexander der Große, die Ptolemäer, die Seleukiden, die Römer, die Byzantiner und verschiedene Dynastien muslimischer Araber. Es kamen Kreuzritter, Mongolen, Napoleon und die Osmanen. Palästina wurde bis 1917 in das Osmanische Reich eingegliedert, dann kam es unter britischer Kontrolle. Während der Nazizeit flohen viele Juden nach Palästina, so das deren Bevölkerungsanteil bis 1945 auf rund 30 Prozent anwuchs. Im UN-Teilungsplan für Palästina vom November 1947, der den Konflikt zwischen Arabern und Juden lösen wollte, war der Gazastreifen als Teil des künftigen arabischen Staates vorgesehen. Nach seiner Verabschiedung verließen die britischen Mandatsherren das Land. Am 14. Mai 1948 wurde der israelische Staat ausgerufen. Unmittelbar danach erklärten mehrere arabische Länder dem eben gegründeten Staat den Krieg. Die Bezeichnung Gazastreifen für die Region bürgerte sich erst mit den 1949 zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn geschlossenen Waffenstillstandsabkommen ein. Seit dem 7. Oktober 2023 tobt nun ein brutaler Vernichtungskrieg zwischen Israel und der Hamas. Croitoru schreibt: „Am 7. Oktober 2023 wurde das israelische Grenzgebiet zum Gazastreifen Ziel eines terroristischen Überfalls, dessen Ausmaß an Gewalt und Brutalität in Israels Geschichte beispiellos war. Etwa zweitausendfünfhundert bewaffnete palästinensische Terroristen stürmten, gefolgt von einem Mob aus mehreren Hundert Zivilisten, knapp ein Dutzend israelische Militärbasen und fast dreißig Gemeinden und richteten ein verheerendes Blutbad an. Die Terroristen (...) erschossen und massakrierten mehr als dreihundert israelische Soldatinnen und Soldaten und rund fünfhundert Zivilisten in den angegriffenen Ortschaften. Mehr als dreihundertfünfzig von etwa viertausendvierhundert Besuchern eines Musikfestivals, das in Grenznähe gerade stattfand, wurden ebenfalls Opfer eines Massakers. Vom Festivalgelände, den Militärbasen und aus den überfallenen Gemeinden wurden rund zweihundertfünfzig Menschen nach Gaza verschleppt.“ Es war die bislang blutigste Terrorattacke auf israelischem Boden. Noch am gleichen Tag rief Israel erstmals seit 1973 den Kriegszustand aus und begann mit Luftbombardements von Hamas-Stellungen. Kurze Zeit später folgte eine Bodenoffensive mit dem Ziel die Hamas endgültig zu zerschlagen. Ernst Reuß Joseph Croitoru, Die Hamas, Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel, München 2024, 223 Seiten, 18 €.
Christian Neef, ein ausgewiesener Experte für Russland, lebte als Spiegelredakteur 16 Jahre in Moskau. Heute arbeitet er als freier Autor und veröffentlichte mehrere Bücher zur russischen Geschichte, zuletzt das hervorragende Buch über den Untergang der deutschen Gemeinde von St. Petersburg.
Christian Neefs kenntnisreiches neues Buch „Das Schattenregime“ handelt davon wie der sowjetische Geheimdienst nach dem 2. Weltkrieg als eine Art „Nebenregierung“ in der sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR agierte. Während Stalins Herrschaft waren Willkür, Verhaftungen und Deportationen alltäglich, da nützen auch keine Einwände von Walter Ulbricht oder Wilhelm Pieck. Die Entführungen wichtiger Wissenschaftler und Demontagen geschahen auf geheimdienstliche Anweisung. Der sowjetische Geheimdienst gab sich auch in Deutschland erbarmungslos. Ein Klima von Angst und Gewalt entstand, welches das russische Staatswesen damals wie heute kennzeichnet, schreibt Neef. Das Tagebuch des KGB-Generals Iwan Alexandrowitsch Serow diente dabei als eine zentrale Quelle. 5700 Seiten eng beschriebene Seiten, die erst vor nicht allzu langer Zeit entdeckt wurden. Serow hatte die Aufzeichnungen offenbar für den Fall versteckt, falls er selbst einmal Opfer von Säuberungen werden sollte. Anders als beispielsweise Schuckow oder Bersarin ist Serow - wie es sich für einen Geheimdienstler gehört - der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Serow war bei der Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Berlin und als Chef der gesamten Zivilverwaltung der SMAD auch für Sicherheitsfragen zuständig. Die Aufgabe lautete Aufdeckung von „Spionen, Diversanten, Terroristen, Mitgliedern faschistischer Organisationen und aktiven feindlichen Elementen“. Offiziell wurde Serow als Mitglied der SMAD geführt. Zuvor hatte er bereits in der Sowjetunion Deportationen organisiert, die polnische Armee entwaffnet und dort antisowjetische Kräfte eliminiert. Danach wurde er der erste Vorsitzende des KGB in der Sowjetunion und leitete 1956 die KGB-Operationen gegen den ungarischen Volksaufstand. In der unmittelbaren Nachkriegszeit versuchte der russische Geheimdienst und damit Serow, die Geschicke Deutschlands im stalinistischen Sinne zu lenken. Man schreckte dabei auch nicht davor zurück, die Politik der eigenen Militärregierung zu hintertreiben. Die sowjetischen Staatssicherheitsorgane seien „gerade im besetzten Deutschland eine besonders krasse Verkörperung des stalinistischen totalitären Regimes“ gewesen, heißt es. Neef betrachtet Wladimir Putin als Serows Erbe. Der Abzug aus der DDR sei ein grober Fehler des Verräter Gorbatschow gewesen, denken heutzutage einige wichtige Menschen in Russland. All jenen, die in Deutschland glauben, der Krieg in der Ukraine gehe Deutschland nichts an, versucht Neef mit seinem Buch zu warnen. Er schreibt: „Während die Verfolgungsbehörden früher meist im Verborgenen wirkten, zählen jene, die heute in diesen Diensten arbeiten, ganz offen zur Elite des Landes. Keine andere Gruppe in Russland hat eine solche Macht erlangt wie das Militär, die Polizisten, Nationalgardisten und Geheimdienstler. (...) In den vergangenen mehr als zwanzig Jahren unter Putin haben die Sicherheitsorgane das gesamte Land übernommen. Vertreter und Vertrauensleute dieser Organe sitzen an den Schaltstellen des Parlaments und der Regionalverwaltungen, des Justizapparates und der Polizei. Darüber thront das Untersuchungskomitee, die wichtigste föderale Ermittlungsbehörde Russlands, die bis hin zur Presse alle Ebenen überwacht und von der Präsidialadministration gesteuert wird.“ Doch der Arm des russischen Geheimdienstes reicht auch heute noch bis nach Deutschland. Fast 200 ihrer Agenten saßen bis 2023 allein in der Berliner Botschaft, getarnt als Diplomaten. Der Mord im Berliner Tiergarten, russische Agenten im Bundesnachrichtendienst (BND), Fake News und ständige Versuche, auf das politische Geschehen in der Bundesrepublik Einfluss zu nehmen, sind nur einige Beispiele für deren Aktivitäten. Lesenswert! Ernst Reuß Christian Neef, Das Schattenregime. Wie der sowjetische Geheimdienst nach 1945 Deutschland terrorisierte, Propyläen Verlag, Berlin 2024, 320 Seiten, 28 €. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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