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Als der Journalist Stephan Lamby - bekannt vor allem durch seine preisgekrönten TV-Reportagen - bei einer Familienfeier geschockt davon erfuhr, dass sein amerikanischer Cousin - den er sehr mochte - beim Sturm aufs Kapitol dabei war, machte er eine Reise durch die USA, wo nicht nur sein Cousin Martin lebt, sondern auch noch weitere Vorwandschaft. Es geht dort natürlich um Trump. Lamby versucht zu verstehen warum man diesen Mann wählt. Er will herausfinden, warum sich dort so viele Menschen, sogar Verwandte und Freunde, radikalisieren. Doch statt fundierter Erklärungen hört er oft nur populistische Parolen, die er bereits kennt. Schlauer scheint er hinterher auch nicht zu sein.
Lamby geht der Frage nach warum unsere Demokratien scheinbar auseinanderbrechen und erlebt dabei mit Verwandten, Bekannten und Fremden qualvolle aber auch aufbauende Begegnungen. Er fährt nach Argentinien, dem Geburtsland seiner Frau und beobachtet den argentinischen Präsidenten Javier Milei aus der Nähe. Er reist durch Deutschland um AFD Anhänger zu treffen und nach Italien, um die Ursprünge des Faschismus besser zu ergründen und herauszufinden ob der Begriff Faschismus für die aktuelle politische Auseinandersetzung noch taugt. Immerhin ist mit Giorgia Meloni nun eine Postfaschistin an der Macht. Stephan Lamby lernt Menschen im ehemaligen Wohnhaus von Benito Mussolini kennen und sitzt mit SS-Runen tragenden überzeugten Faschisten an einem Tisch. Man erfährt in Stephan Lambys Buch nicht unbedingt Neues über rechte Populisten, sichtbar werden dabei aber erschütternde Ansichten. Schön und flüssig zu lesen, auch wenn nachvollziehbare Erklärungs - und Lösungsansätze leider auch nicht geboten werden . Ernst Reuß Lamby, Stephan, Dennoch sprechen wir miteinander, Wie ein Familientreffen zu einer Reise durch die Welt der Demagogen wurde, H. Beck Verlag, München 2025, 240 Seiten, 25 €.
Den „Untergang“ mal ganz anders erzählt der Historiker Gerhard Paul in seinem Buch „Das absurde Ende des ‚Dritten Reiches‘“.
Es geht nicht um Berlin und den Führerbunker, sondern um die 14 Quadratkilometer, die am Ende des von den Nazis entfachten Weltkrieges vom „Tausendjährigen Reich“ übriggeblieben waren und um die „Regierung Dönitz“, die nach Hitlers Selbstmord schließlich kapitulierte. Der provisorische Regierungssitz lag ab dem 3. Mai in Flensburg, im dort eingerichteten Sonderbereich Mürwik, dem letzten noch unbesetzten Teil des Deutschen Reiches. Das „Regierungsgebäude“ steht auch heute noch unverändert dort, ohne das auf seine Rolle am Ende des „Dritten Reiches“ hingewiesen wird. Drei Wochen sollte diese „Regierung“ in Flensburg bestehen. Laut Schilderung des Autors Gerhard Paul wurde von den eher operettenhaft agierenden Protagonisten in dieser Zeit erhebliche Mengen Schnaps konsumiert. Hitler hatte Karl Dönitz zu seinem Nachfolger als Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Kriegsminister und Reichspräsident ernannt. Sein Amt als „Nachfolger des Führers“ verkündete Dönitz am 1. Mai 1945 mit der Mitteilung, Hitler sei „heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen“. Nicht so ganz die Wahrheit, aber Dönitz strebte einen Separatfrieden mit den Westalliierten an, um die Rote Armee aus Deutschland zurückzudrängen. Auch nach der folgenden Kapitulation der Wehrmacht mordete deren Justiz weiter und richtete massenhaft vermeintliche Deserteure hin, für die der Krieg vernünftigerweise beendet war und die nach Hause zu ihren Familien wollten. Opfer die bis heute weitgehend vergessen sind, während die Täter zumeist relativ unbescholten davon kamen. Die Siegermächte ließen dem so titulierten „Operettenregime“ drei Wochen Zeit, dann wurden die Regierungsmitgliedern festgenommen und angeklagt. Karl Dönitz hatte noch am 18. Mai einen Tagesbefehl an die Wehrmacht herausgegeben. Am 23. Mai wurden er und andere festgenommen. Am gleichen Tag beging SS-Chef Heinrich Himmler Selbstmord. Damit hörte das „Dritte Reich“ endgültig auf zu existieren. Die Regierungsmitglieder gingen in Kriegsgefangenschaft. Die offizielle Regierungsübernahme durch die Alliierten fand mit der „Berliner Erklärung“ am 5. Juni 1945 statt. An diesem Tag übernahmen die vier Siegermächte die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Zuständig war fortan der „Alliierte Kontrollrat“ mit Sitz in Berlin. Dönitz wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er bis zum Ende absaß. Er blieb bis zu seinem Tod 1980 ein überzeugter Nazi und strickte zusammen mit Gesinnungsgenossen erfolgreich an der Legende von der „sauberen Wehrmacht“. Ernst Reuß Gerhard Paul, Mai 1945: Das absurde Ende des »Dritten Reiches«, Wie und wo die Nazi-Herrschaft wirklich ihr Ende fand, WBG Theiss im Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2025, 336 Seiten, 28 €. |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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