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Heinrich Himmler hatte im April 1940 den Bau eines Konzentrationslagers in Oswiecim, auf Deutsch Auschwitz, angeordnet. Die SS errichtete das Stammlager in den Gebäuden einer ehemaligen polnischen Kaserne. Schon im Mai 1940 trafen die ersten KZ-Häftlinge im Lager ein. Die Lage war verkehrstechnisch günstig gewählt worden. Der Bahnanschluss vereinfachte die rasche Deportation von Juden aus vielen Gebieten Europas in das nicht weit von Krakau und Kattowitz entfernte Auschwitz. In der dünn besiedelten Umgebung konnten weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit schlimmste Verbrechen begangen werden. Die dorthin Deportierten wurden für drei bis sechs Reichsmark pro Zehnstundentag an deutsche Unternehmen als Arbeitssklaven vermietet. Nicht nur die I.G. Farben, sondern auch andere deutsche Firmen, die Wehrmacht und das Rüstungsministerium Albert Speers profitierten davon. Anfangs als Arbeits- und Gefangenenlager gedacht, wurde es spätestens nach der Wannseekonferenz zu einem Vernichtungslager, das zum Synonym für die Judenvernichtung durch die Deutschen und ihre Helfer geworden ist.
Bald nach Errichtung des Stammlagers reichten die Kapazitäten nicht mehr aus. Bereits im März 1941 ordnete Himmler eine Vergrößerung des Lagers nahe dem benachbarten Dorf Brzezinka, auf Deutsch Birkenau, an. Die Kapazität des Lagers war auf 200 000 Menschen ausgelegt. Dort sollte die industrielle Vernichtung von Juden erfolgen. Zudem wurde auf Initiative und Kosten der I.G. Farben AG das Lager Auschwitz–Monowitz errichtet, wo Zwangsarbeit verrichtet werden musste. Es war das größte von insgesamt etwa 50 Außenlagern. In Auschwitz und Birkenau wurde selektiert. Alte, Kranke, Schwache und Kinder wurden in der Regel sofort nach ihrer Ankunft vergast, arbeitsfähige Männer und Frauen erst einmal unter menschenunwürdigsten Bedingungen versklavt. Registriert und mit Nummern versehen wurden nur diejenigen, die bei der Selektion nicht zur sofortigen Vernichtung bestimmt wurden. Hatte man die Selektion überlebt, konnte schon der nächste Tag der letzte sein. In Auschwitz wurden 1,1 bis 1,5 Millionen. Menschen von der SS ermordet. Darunter waren mindestens 1 Millionen Juden, bis zu 75 000 Polen, 21 000 Sinti und Roma, circa 15 000 sowjetische Kriegsgefangene und an die 15 000 Menschen, die keiner dieser Kategorien zugeordnet werden können. „Die Gefangenen waren ständig Mord und Totschlag ausgesetzt auch aus nichtigem Anlass, jeder konnte das nächste Opfer sein. Anfang Dezember 1940 verweigerte die SS allen Gefangenen mittags die Essensrationen und ließ sie eine Stunde Appell stehen, weil einer der 2 000 in den Lagermagazinen eingesetzten Häftlinge fehlte. Am Nachmittag fielen die Kapos über dessen Mitgefangenen her, bis zum Abend töteten sie 200, den über Mittag im Stroh eingeschlafenen Gefangenen erschlugen sie. Auschwitz-Überlebende haben die Praxis der SS bezeugt, Kapos beim Ausrücken zu befehlen, ihr Kommando bis zum Abendappell zu dezimieren, also eine gewisse Zahl oder bestimmte Gefangene umzubringen.“, schreibt die Historikerin Susanne Willems in ihrer bereits 2015 veröffentlichten Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Es ist einer von vielen im Buch geschilderten sadistischen Mordexzessen. Das Buch ist ein großformatiger Bildband, der gleichzeitig eine spannende und profunde Studie der Entstehung des Konzentrationslagers Auschwitz ist. Willems berichtet in diversen Kapiteln kenntnisreich über die Besetzung Polens, die Geschichte des Lagers, die Massenverbrechen, die Opfergruppen und den Lagerwiderstand. Die im Buch enthaltenen – meist im Nebel aufgenommenen - großformatigen Fotos illustrieren vortrefflich das Lager und die Atmosphäre dieses einst so überaus grausamen Ortes. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Lager. Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz ist seit 1996 in Deutschland, seit 2005 international der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Rachel Hanan Immer wieder erscheinen Augenzeugenberichte von Überlebenden. Eine davon war Rachel Hanan. Sie schreibt: „Ich war ein Teenager, noch ein halbes Kind, als ich an meinem 15. Geburtstag in Auschwitz ankam. Ziemlich genau ein Jahr später, eine Woche vor meinem 16. Geburtstag, wurde ich im Konzentrationslager Theresienstadt aus der Gefangenschaft der Nationalsozialisten befreit.“ Rachel Hanan überlebte als Teenager vier Konzentrationslager, bevor sie am 9. Mai 1945 von der Roten Armee in Theresienstadt befreit wurde. Vorher war sie in Auschwitz, wo sie den überaus freundlichen Dr. Mengele kennenlernte, der im Gegensatz zu den brüllenden Soldaten, mit denen sie tagtäglich konfrontiert wurde, immer mit freundlicher Miene und ohne weitere Regung über Tod oder Leben entschied. Danach war sie in Bergen Belsen und in Duderstadt, einem Außenlager von Buchenwald. Rachel stammte aus Unterwischau, einer Gemeinde im Norden Rumäniens. Ungarn hatte 1940 mit Hilfe Hitlers einen Teil von Siebenbürgen okkupiert, die Juden entrechtet und später deportiert. 1947 wanderte Rachel nach Israel aus und arbeitete dort als Sozialarbeiterin. Tova Friedmann Eine andere - Tova Friedman - ist gerade einmal fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter nach der vorherigen Ghettoisierung und dem Aufenthalt in einem Arbeitslager in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau deportiert wird. Sie schreibt: „Ich habe überlebt. Damit einher geht die Verpflichtung gegenüber den anderthalb Millionen jüdischen Kindern, die von den Nazis ermordet wurden. Sie können nicht mehr sprechen. Also spreche ich für sie.“ Tova Friedman gehörte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zu den 50 000 jüdischen Kindern der polnischen Stadt Tomaszow Mazowiecki. Nur fünf davon überlebten die Nazizeit. Sie hatten unsagbares Leid zu überstehen. Tova kehrte mit ihre Mutter an ihren Wohnort zurück, wo sie den polnischen Antisemitismus erlebte. Eine Tante wurde von antisemitischen Banden getötet. Über die Station Berlin, Landsberg am Lech und Israel ging Tova Friedman in die USA und arbeitete dort als Psychotherapeutin. Sie schreibt in ihrem Vorwort: „Wenn Sie jetzt weiterlesen, möchte ich, dass Sie schmecken, fühlen und riechen, wie es war, als Kind während des Holocaust zu leben. (...) Ich hoffe, Sie werden wütend. Denn wenn Sie wütend sind, besteht die Möglichkeit, dass Sie Ihre Empörung mit anderen teilen, und das erhöht wiederum die Chancen, einen weiteren Völkermord zu verhindern.“ Ihre Erzählungen wurden aufgeschrieben von einem freien BBC Journalisten, der das alltägliche Grauen plastisch beschreibt, so dass man mit etwas Empathie nur schaudern und wütend werden kann. Schrecklich was den Menschen angetan wurde und trotzdem muss man es immer wieder lesen, um das ganze Ausmaß des Schreckens verstehen zu können. Otto Küsel Eine besondere Rolle spielten in Auschwitz die Funktionshäftlinge. Einer davon hieß Otto Küsel. Er hatte die Häftlingsnummer 2 und gehörte zu den ersten 30 Häftlingen, die 1940 aus dem KZ Sachsenhausen nach Auschwitz verlegt und dort zu Funktionshäftlingen ernannt wurden. Der Kommandant des neuen KZs Rudolf Höß machte binnen weniger Monate aus der früheren Kaserne ein Inferno auf Erden. Mit voller Unterstützung von Funktionshäftlingen, wie beispielsweise Häftling Nr. 1 Bruno Brodniewicz. Er war „Lagerältester“ von Auschwitz und bekam wegen seiner Brutalität schnell den Beinamen „Schwarzer Tod“. Funktionshäftlinge bekamen Privilegien, sollten die Arbeitskommandos koordinieren und waren als skrupellos prügelnde Werkzeuge der SS berüchtigt. Alles mit Rückendeckung der SS - Lagerleitung, die es förderte, wenn die Häftlinge untereinander sich das Leben noch mehr zur Hölle machten. Funktionshäftlinge mussten dafür in der Regel keine schweren körperlichen Arbeiten verrichten, erhielten mehr Essen und waren dem Terror der SS nicht unmittelbar ausgesetzt. Verlor ein Funktionshäftling jedoch seinen Posten wurde er oft von den übrigen Mithäftlingen gelyncht. Der aus Berlin stammende Küsel war, wie die übrigen aus Sachsenhausen verlegten Funktionshäftlinge, ein Krimineller. Otto Küsel war jedoch anders als viele andere. Viele Auschwitz-Überlebende erzählen mit Hochachtung von ihm. Witold Pilecki, der sich ins KZ Auschwitz einschleusen ließ um Informationen über das Lager zu sammeln und den Widerstand der Insassen zu organisieren, bezeugte nach dem Krieg die Taten Küsels. Dieser nutzte nämlich seinen Posten um anderen zu helfen. Küsel erfuhr später von Fluchtabsichten seiner Untergebenen, verriet sie aber nicht, sondern floh mit ihnen. Er wurde später zwar wieder gefasst, aber es gelang ihm trotzdem zu überleben. Nach Kriegsende wurde Küsel die polnische Staatsbürgerschaft ehrenhalber angeboten. Er lebte danach zurückgezogen in Deutschland und war einer von 211 Auschwitzüberlebenden, die im ersten Frankfurter Auschwitzprozess eine Aussage machten. Ein neues Buch erzählt sein Leben und das von anderen Häftlingen, sowie die Geschichte von Auschwitz. József Debreczeni Als Jude wurde der ungarischer Schriftsteller und Journalist Joszéf Debreczeni 1944 nach Auschwitz deportiert. Bereits 1950 verarbeitete er seine Erlebnisse in einem Buch, das erst jetzt auf Deutsch übersetzt wurde. Er beschreibt mit bitterem Blick sowohl die Opfer als auch die Täter, teilweise auch aus den eigenen Reihen. Ganz besonders in den Vernichtungslagern galt: „Homo homini lupus“ – Der Mensch ist des Menschen ein Wolf. Debreczeni schreibt: „Ich glaube, irgendwo in Osteuropa, entlang eines Bahndamms, an einem Waldrand voller blühender Bäume vollzog sich eine erstaunliche Metamorphose. Hier wurden die Menschen der plombierten Höllenzüge zu Tieren. So wie alle anderen, die Hunderttausenden, die der Wahnsinn aus fünfzehn Ländern in die Todesfabriken und Gaskammern spie. Das war der Moment, in uns zum ersten Mal unsere aufrechte Haltung genommen wurde.“ Bis zur Befreiung lebte er 12 Monate in verschiedenen Zwangsarbeitslagern. Am Ende kam er in das „Kalte Krematorium“, die Krankenbaracke des Lagers Dörnhau. Mit sehr viel Glück überlebte er sterbenskrank auf einer Pritsche liegend und wird erst im Mai 1945 befreit. Er beschreibt das so: „Still, beinahe unbemerkt taucht der erste sowjetische Soldat in der Tür des Blocks auf. (...) Der Offizier bleibt in der Mitte stehen. Er sieht sich um, versucht, den Anblick zu fassen. Das erschütternde, bisher von keinem Außenstehenden gesehene Bild des Blocks A. Er watet durch die Jauche, tritt an die Betten heran. Er zittert am ganzen Leib.“ Ein ausgesprochen lesenswerter Augenzeugenbericht von einem Opfer das aufgrund seiner Tätigkeit in der Lage ist die Gefühle und das Grauen in Worte zu fassen. Antisemitismus ist wieder auf dem Vormarsch und das obwohl der Holocaust erst ein paar Jahrzehnte zurückliegt. Die Erinnerung daran muss wach bleiben. Nie wieder! Ernst Reuß József Debreczeni, Kaltes Krematorium, Bericht aus dem Land namens Auschwitz, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2024, 272 Seiten, 25,00 €. Sebastian Christ, Auschwitzhäftling Nr. 2, Otto Küsel – Der unbekannte Held des Konzentrationslagers, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau,2024, 272 Seiten, 26,00 €. Rachel Hanan, Thilo Komma-Pöllath, Ich habe Wut und Hass besiegt«, Was mich Auschwitz über den Wert der Liebe gelehrt hat, München 2023, 288 Seiten, 20,00 €. Tova Friedmann und Malcom Brabant, Ich war das Mädchen aus Auschwitz, 352 Seiten, übersetzt von Ulrike Strerath-Bolz, München 2023, 18,00 €. Susanne Willems, „Auschwitz“. Die Geschichte des Vernichtungslagers. Edition Ost, Berlin 2015, 256 Seiten, 29,99 €.
Bereits seit fast vier Jahre währt Russlands Angriffskrieg in der Ukraine - und ein Ende ist nicht Sicht. Seit Beginn sind unzählige Bücher entstanden, die sich mit dem Thema auf verschieden Arten beschäftigt. Eine kleine Auswahl:
Drachen töten „So oder so, das Regime wird enden“, schreibt der Ex-Oligarch Michail Chodorkowski in seinem Buch „Wie man einen Drachen tötet, Handbuch für angehende Revolutionäre.“ Chodorkowski, ein bekannter Oligarch, wurde nach öffentlicher Kritik an Putin für zehn Jahre weggesperrt. Trotzdem bedankt er sich im Buch bei Putin, der ihn - warum auch immer - am Leben ließ. Für die Zeit nach Putin schreibt er dennoch eine Gebrauchsanleitung, denn er konnte sich in den zehn Jahren viele Gedanken darüber machen, wie es weitergehen soll in Russland und in der Welt. Eine friedliche Weltordnung mit Putin ist kaum denkbar. Irgendwann wird Putins Diktatur enden. Der Dauer-Präsident ist immerhin bereits 70 Jahre alt - und steht unter Erfolgsdruck. Für diesen Tag X muss sich das Land vorbereiten, meint er. Der Drachen muss aber erst getötet werden. „Kein Diktator ist unsterblich. Doch Putinismus, Stalinismus und Autokratie werden Russland immer wieder von Neuem heimsuchen, solange die gesellschaftspolitischen und institutionellen Voraussetzungen dafür bestehen“. Deshalb stellt Chodorkowski auch eine ernüchternde Prognose: „Nicht ausgeschlossen, dass nach Putin genau so ein Putin wie er an die Macht kommt, womöglich in noch bösartigerer Ausführung. Im Rausch Der 1977 in Moskau geborene Arkadi Babtschenko, der als russischer Soldat gleich an zwei Tschetschenienkriegen teilgenommen hat, gehört zu den deutlichsten Kritikern des Putin-Regimes der letzten Jahre. Seine Erfahrungen im Krieg beschrieb er im Buch „Die Farbe des Krieges“. Später war er unter anderem im Kaukasus-Krieg als Kriegskorrespondent unterwegs und musste nach Morddrohungen aus seinem eigenen Land fliehen. Er sagt, dass das Geld für den Killer, der auf ihn angesetzt wurde, zwar bezahlt, die Arbeit aber noch nicht erledigt sei, weswegen er immer mit einem Mordanschlag rechnen muss - wie Salman Rushdie. In seinem neuen Buch „Im Rausch: Russlands Krieg“ beschreibt er in kurzen Texten immer verzweifelter und wütender seinen Gemütszustand und den Zustand seines Landes unter Diktator Putin. Für jeden Putinversteher sollte es Pflichtlektüre sein. Es ist eine Art Tagebuch und beginnt 2012. Im ersten Teil enthält es längere Blog-Einträge und Facebook-Kommentare. Es endet mit einem zweiten Teil, der am 23. Februar 2022 um Mitternacht beginnt und bis zum Mai desselben Jahres geht. Der zweite Teil ist ein beinahe atemloser Furor, in dem er seinen Hass auf seine ehemalige Heimat und ihre Verbrechen mit kurzen Sätzen herausbrüllt. Er kommentiert das Kriegsgeschehen, mitunter mehrmals am Tag. Er kennt als ehemaliger Soldat die russische Armee genau und hat als russischer Staatsbürger den Wandel zur Dikatur am eigenen Leibe gespürt. Er schreibt: „Russlands furchtbarste Waffe ist die Glotze, die die Menschen in Zombies verwandelt.“ Seine Mutter betrachtet ihn genau deswegen inzwischen als einen Verräter und glaubt dem russischen TV Narrativ, dass in der Ukraine die Faschisten sind, die ihre Heimat bedrohen. Wie auf ukrainischen Facebookposts üblich, bezeichnet Babtschenko Russland als „Mordor“ und seine Soldaten als „Orks“. Er fühlt sich seit seiner Flucht dorthin nicht mehr als Russe, sondern als Ukrainer. Er schreibt am 10. Januar 2022: „Und ich will, dass Mordor nicht existiert. Genauso wie die vierzig Millionen Menschen in dem Land, das einmal am engsten mit euch liiert war. Noch vor zehn Jahren fast vollständig integriert. Und auch die neun Millionen in dem heute am engsten mit euch integrierten Land, sie werden allmählich wach. Und werden euch ebenfalls hassen. So wie Millionen und Abermillionen Menschen vom Baltikum bis nach Kasachstan. So wie die vierzig Millionen Polen, die auch einmal von eurem Imperium erobert wurden. Heute jagt dort ein Wlassow den anderen. Wie die neun Millionen Tschechen. Die fünf Millionen Finnen. Ihr habt‘s drauf, das muss man euch lassen. Alles, was ihr wirklich perfekt könnt, ist: eure Nachbarn zu Feinden zu machen.“ Der jetzige Krieg scheint für Putin verloren zu sein, aber Babtschenko befürchtet, dass der ganz große Krieg noch bevorsteht - in einigen Jahren. Das Problem sei nicht nur Putin, sondern auch das, was nachher kommt. Europa müsse endlich verstehen, dass sich an seiner Ostgrenze ein faschistischer Staat gebildet hat. Keine erfreuliche Prognose, aber ein beeindruckendes Buch! Ungleiche Brüder Der Ostteuropahistoriker Andreas Kappeler lehrte an den Universitäten Zürich, Köln und Wien und analysiert das Verhältnis zwischen Ukraine und Russland. Er belegt akribisch, dass die meiste Zeit in den letzten tausend Jahre ihre Geschichte getrennt verlief und nicht gemeinsam. Sein Standardwerk „Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ schrieb Andreas Kappeler bereits 2017 und es wurde mehrfach wieder aufgelegt. Nun erschien eine erweiterte Fassung, die auch die momentanen Geschehnisse umfasst, die er sich bei der ersten Drucklegung des Buches nicht vorstellen konnte. Da erging es ihm wie vielen Experten. Die gemeinsame Geschichte von Russland und er Ukraine begann mit der Christianisierung der Kiewer Rus im Jahr 988; der Sitz dieses Großfürstentums Kiew wurde später nach Moskau verlegt. Aber mit dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert ist erst mal Schluss mit der Gemeinsamkeit: Russland versinkt im Krieg, während die Ukraine unter den Einfluss Polen-Litauens – und damit des Westens gerät. Erst die Teilungen Polens und die Siege Katharinas der Großen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bringt den größten Teil der Ukraine samt der Krim unter russische Herrschaft. Ein kleinerer Teil wurde österreichisch. Die russische Herrschaft über die Ukraine dauerte im Wesentlichen also knappe 200 Jahre. Im Westen hält sich bis heute „die Vorstellung des großen und des kleinen Bruders“. Der Zerfall des Sowjetunion war jedoch eine ukrainische und eine russische Entscheidung. Sowohl Russland als auch die Ukraine wurden erst 1991 als dauerhafte eigenständige Staat gegründet. Russland hatte die Souveränität der Ukraine anerkannt, das als drittgrößte Atommacht seine vielen Atomwaffen nach Sicherheitsgarantien der USA, Großbritanniens und Russlands abgab. Die russischene Sicherheitsgarantien galten jedoch nur bis zum Euromajdan 2014, als eine prowestliche Volksbewegung den Putin-Favoriten Janukowitsch aus dem Amt jagte und Putin als Reaktion die Krim annektierte. Danach kreierte Putin eine aggressive Propaganda aus „NATO-Einkreisung“, „faschistischer“ Bedrohung und „Genozid“ in der Ostukraine, die offensichtlich bei vielen Menschen in Russland und anderswo, wie man in den hiesigen Talkshows sehen kann, verfängt. Am 24. Februar 2022 dann der nächste Schritt. Inzwischen dürften seine imperialen Absichten klar sein. Kappelers Buch ist eine spannende und gelungene Analyse der langen Geschichte der Brüder- und Nachbarvölker. Revanche Der Zeit Auslandskorrespondent Michael Thumann schrieb wiederum das Buch „Revanche, Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat.“ Wladimir Putin, der den Zerfall der Sowjetunion 1991 als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ betrachtet, nimmt Rache: Sein Krieg sei auch ein Versuch, die Zeit zurückzudrehen. Inzwischen hat Putin den reaktionären Putsch von 1991 vollendet und Russland zu einer aggressiven Diktatur gemacht. Thumann hat vieles davon vor Ort miterlebt, denn er wohnte schon von 1996 bis 2001, sowie 2014/15 in Moskau und leitet seit 2021 zum dritten Mal das Moskauer Büro der Zeit. Putin hat er einmal ganz anders kennengelernt. Der spiele aus reinen Machterhaltungsgründen die nationale Karte, genauso wie Trump, Erdogan und Orban - sagt er. Putin, den der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder 2004 einen „lupenreinen Demokraten“ nannte, wurde in seiner jahrzehntelangen Amtszeit zum unnachgiebiger Verfechter nationalistischer Ideologie. Bereits 2012 bezeichnete sich Putin als „den größten Nationalisten in Russland“. Als entscheidenden Wendepunkt in Putins Karriere macht Thumann die Massenproteste im Winter 2011/2012 aus. Diese Wende ist keine Reaktion auf mangelnden Respekt des Westens gewesen, wie oft in deutschen Talkshows von Putinverstehern verkündet wird, sondern allein der innenpolitischen Krise geschuldet, schreibt Thumann. Die Nato-Osterweiterung, die immer noch gern als Erklärung für Russlands Aggression angeführt wird, erklärte Putin erst dann zur Gefahr, als er merkte, wie sie sich propagandistisch ausschlachten ließ. Putin beweist, dass der neue Nationalismus zum Krieg und in die Diktatur führt. „Es gibt keine verträgliche Dosis von autoritärem Nationalismus“, meint Thumann Seit seinem Amtsantritt führte Putin Kriege in Tschetschenien, Georgien und Syrien, mit Söldnern in Libyen und Westafrika. Seit einem Jahr überzieht er die Ukraine mit Tod und Verderben, mit vollkommen absurden Begründungen, bar aller Fakten. Thumann zeichnet den Weg in Putins imperialistischen Krieg aus nächster Nähe und damit ein realistisch desaströses Bild von Russlands Absturz in eine totalitäre Diktatur mit hetzenden Staatsmedien und einem willkürlichen Justizsystem, das Andersdenkenden in den Gulag steckt. Aufrufe zum Frieden und zu Verhandlungen werden bestraft. Den Krieg als Krieg zu bezeichnen, ebenfalls. Putin hat mit seinen Hasspredigten und Atomdrohungen ein Imperium der Angst nach außen und nach innen geschaffen. Er hat mit seiner Propaganda ein homophob, nationalistisch und für Außenstehende paranoid wirkendes Volk erzogen, dass gegen westlichen Werte aufbegehrt, aber sich auch danach sehnt. Putin will Europa seinen Stempel und seine Werte aufdrücken. Laut Thumann hat Putin dadurch sein eigenes Lebenswerk zerstört und wird als blutrünstigster Herrscher Russlands seit Stalin in die Geschichte eingehen. Unbedingt lesenswert! Ernst Reuß (Berliner Zeitung vom 9. März 2023, Open Source) Michail Chodorkowski, Wie man einen Drachen tötet, Handbuch für angehende Revolutionäre. Aus dem Russischen von Olaf Kühl, Europa Verlag, München 2023, 104 Seiten, broschiert, 10 €. Arkadi Babtschenko, Im Rausch: Russlands Krieg, übersetzt von Olaf Kühl, Rowohlt Berlin 2022, 320 Seiten, 22 €. Andreas Kappeler, Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart, C.H. Beck Verlag, Erweiterte Neuausgabe. München 2023, 304 S. mit 13 Abbildungen und 5 Karten, 18 €. Michael Thumann, Revanche, Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat, C.H. Beck Verlag, München 2023, 288 S. mit 15 Abbildungen, 25 € |
AutorErnst Reuß, geboren 1962 in Franken. Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Promotion an der Humboldt - Universität zu Berlin. Danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und im Bundestag beschäftigt. Archiv
Juni 2026
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